Dienstag, 12. Januar 2010

Die Kommerzialisierung der Shaolin

Am Samstag Abend lief unter "Spiegel TV" (d.h.: besserer Boulevardjournalismus) ein mehrstündiges Porträt über einen engagierten jungen Mann, der sich dem "Shaolin-Tempel" in Kaiserslautern angeschlossen hat. Sein Werdegang wurde über einen längeren Zeitraum verfolgt, Ausschnitte dieser Sendung hatte ich schon mal gesehen. Keine Frage, der junge Mann meinte es ernst und war sympathisch.

Wie ein freundlicher, harmloser Herbergsvater kam dann sogar der Abt rüber, Shi Heng Zong genannt, oder auch: der Sitaigung. Da macht einen ja schon mal stutzig, dass ein bärtiger Deutscher nur noch mit chinesischen Namen tituliert wird. Dabei hat er die buddhistischen Essensgebete durchaus eingedeutscht, und auch die Aufnahmezeremonie des jungen Mannes als Mönch lief ganz verständlich und routiniert auf Deutsch ab. Man muss den Leuten hinter dem Tempel auch ihre Ehrlichkeit (oder Naivität?) lassen, mit der sie den Werdegang des Abtes beschreiben, den wir natürlich - bei seiner Leibesfülle kaum verwunderlich - nie beim körperlichen Training sehen (mit der Meditation hat man's in dem Tempel wohl eh nicht so). Er ist laut Website Jahrgang 1966, kam 1993 zu den Kampfkünsten, also erst mit 27 Jahren, betrieb ab 1995 die Gründung des Tempels in Kaiserslautern, der 1997 ins Leben gerufen wurde - wo er dann bereits Lehrer für Kampfkunst war. "Bei der Gründung wurde er von ranghohen Vertretern des Shaolin Tempels zum Sitaigung auf Lebenszeit bestimmt und diese Ernennung später vom jetzigen Abt Shi Yong Xin [des Shaolin-Tempels in China] bestätigt. Seit dieser Zeit hat er das Erbamt inne." Seit 2001 fungiere er auch als "buddhistischer Lehrer". Seit 2004 sei sein Tempel auch offizielle Novizen-Ausbildungsstätte der Shaolin.

Wenn wir nun bedenken, dass Shi Yong Xin, der 30. Abt von Shaolin, selbst erst 1999 ins Amt kam, wissen wir auch, dass der Tempel in Kaiserslautern von Anfang an eine fragwürdige Shaolin-Institution gewesen sein muss. Wer soll den bärtigen Deutschen denn davor bitteschön zu irgendetwas ernannt haben? Mit Shi Yong Xin, der sich gern neben politischer Prominenz ablichten lässt und ein gutes Kadermitglied zu sein scheint, zog der Kommerz und Managerdenken in den chinesischen Shaolin-Tempel ein. Allein mit Ticketverkäufen an Besucher werden jedes Jahr umgerechnet Millionen Euro in wessen Kassen auch immer gespült.

Während der ganzen Doku fragte man sich, wieso von den Reportern nicht die entscheidenden Fragen gestellt wurden. Z.B. an den Abt: "Was können Sie eigentlich? Können Sie mal was vorführen? Wie steht's denn mit ihrer buddhistischen Ausbildung?"

Ich kenne mich nicht so aus mit Autos, aber ein größeres fuhr er schon, wenn auch wohl keinen Lexus wie das Freundchen aus Phat Hue. Offenbar drücken die Neulinge, die zur Probezeit in den Tempel kommen, 700 Euro ab (und geben meist ob der Strapazen auf). Ich denke mir, wenn man da einen kontinuierlichen Fluss an Probanten hat, kommt finanziell ganz schön was rein, und man bewahrt sich den Nimbus des Elitären.

Befremdlich war die eine - auch in der Sendung Galileo einst von chinesischen Mönchen aus dem Berliner Shaolin-Tempel gezeigte - Übung, bei der eine Nadel mit hoher Geschwindigkeit eine Glasscheibe durchtrennen soll, um einen dahinter befindlichen Ballon zum Platzen zu bringen. Solche Gags sind Show-Shaolin. Aber den faulen Reportern fällt auch da nichts auf. Immerhin ganz witzig die Doku danach, wo ein paar junge Deutsche direkt in die Umgebung von Shaolin gingen und ausgerechnet die Vermarktung des Klosters kritisierten. Sie zeigten, dass sich praktisch jeder Eisenfeilen auf seinem Schädel zertrümmern kann - wenn er nur weiß, wo er treffen muss.

Ich ziehe meinen Hut vor all diesen jungen Menschen. Einst ging ein zwölfjähriger deutscher Knabe ins chinesische Kloster und blieb einige Jahre dort, die Doku hab ich noch irgendwo auf Video. Kürzlich wurde ein junger Mann aus Leipzig im TV porträtiert, der schon länger in Shaolin lebt. Und nun muss man  nur noch nach Berlin reisen, um Shaolin-Mönchen zu begegnen. Waren das noch Zeiten, als ich davon träumte, in den 80er-Jahren über Tibet illegal in den gerade wieder geöffneten Shaolin-Tempel im Songshan-Gebirge einzuwandern, was meine Eltern zu der Bemerkung veranlasste: "Da können wir uns ja gleich nen Grabstein in den Garten machen."

Als die Markenrechte an Shaolin noch nicht so umkämpft waren (und ich, wäre ich schlau gewesen, sie mir selbst gesichert hätte, um nun alle, wirklich alle, auch Shi Yong Xin, alt aussehen zu lassen), war ich einer der ersten Bühnentruppen der Shaolin in Frankfurt begegnet. Mit einer Dolmetscherin überzeugte ich mich davon, dass ihr Ältester ein echter buddhistischer Mönch war (UND Kung Fu konnte!). Ein jüngerer Mann, Deding, damaliger "Deputy Director & Chief Master of Songshan Shaolin", drückte mir etwas verlegen seine Visitenkarte in die Hand. Er hat sich inzwischen abgesetzt und betreut in den USA Bühnenshows, wo er auch eine Familie gründete. Anfragen zu seiner Person beantwortet der Tempel nicht. Ich bekam von lächelnd-muskulösen Mönchen zwei kleine Glücksbringer aus Jade geschenkt, die man am Hals tragen kann, und ein Buch über den Luohan-Faustkampfstil (mit unsäglich schlechten Fotos). Das war alles sehr bewegend. Es führte immerhin zu ein paar Semestern ostasiatischer Philologie, neben meiner damaligen Begeisterung für den Hung Gar-Stil.

Bei der Wiedereröffnung des Tempels 1983 hatte ausgerechnet der Spiegel, das Printmagazin, eine wirklich fundierte Reportage publiziert, in der auch der Mönchsälteste, den man zeitweilig zu Zwangsarbeit verdonnert hatte, zu Wort kam. Er war über 80 Jahre alt, zeigte ein paar Körperübungen und meinte dann: "Ein Shaolin-Mönch zu sein und kein Kung Fu zu können, galt immer als Schande."

Mir ist jetzt klar geworden, wie der Satz auch zu verstehen ist. Nämlich so: "Kung Fu zu können und kein echter Mönch zu sein, ist eine Schande für jeden Shaolin."

Kommentare:

  1. Hallo Gui Do!

    Du bist mir mit einem Kommentar zu dieser Doku zuvor gekommen...auch wenn ich ganz grundsätzlich die Kollegen (komme selbst aus dieser Branche) von Spiegel TV ein klein wenig verteidigen muss. In erster Linie war die Doku ja eine People-Story über den jungen Novizen...aber natürlich hast Du Recht, dass man (gerade wenn man jemanden jahrelang begleitet) ein paar ganz offensichtliche Fragen einfach stellen MUSS, selbst wenn es in erster Linie nicht um Buddhismus ging. So wurde dem Zuschauer vermittelt, dass die ganze Klosternummer letztendlich total koscher ist.

    Bullshit ik hör Dir trapsen...

    Gassho und Grüße,

    Mongen

    AntwortenLöschen
  2. Lieber Guido,
    vielleicht magst du dein Blog ja um diese Informationen hier erweitern:

    http://www.shaolin-tempel.eu/joomla/abmahnung.html

    Kaiserslautern ist oder war noch nie ein Shaolin Tempel. Die Unterlagen die der angebliche Abt vorzuweisen hat wurden von einem Ex-Geschäftsführer ausgestellt. Das die für eine Tempelführung im buddhistischen Sinne oder einer Ernunng zum "Abt" soviel Rechtmäßigkeit bringen wie eine Rolle Klopapier, dürfte klar sein (Und sind auch beide für den gleichen Zweck geeignet, den Hintern abwischen). Leider nicht der Presse ... die bringt einfach Jeden Mist, hauptsache Einschaltquoten und Auflagenzahlen.

    Schade nur, das Jugendlichen 350 Euro abgezockt werden (pro Woche), die dann mehrere Wochen bezahlen und nach 1 Tag gehen. Kohle weg, für ein Traumbild, was niemals in dieser Form existiert.

    Gui Do, du kannst doch rechnen ... seit 2003 (laut Reportage) hat der Herr Monroe Columboe .... ähm der Karnevals-Abt (Helau .. Alaaf) ca. 600 Novizen auf Zeit gehabt ... a 350 Euro mindestens ..... Hat der Mann sich sein größeres Fake-Kloster nun bar aus der Portokasse bezahlt? Wahrscheinlich mit einem grinsen dabei .....

    AntwortenLöschen
  3. Lieber Heino, danke, klasse Beitrag! War schon lange nicht mehr auf der Berliner Seite, sonst hätte ich es gleich deutlicher gemacht. Ich weise aber noch kurz im neuen Blog-Eintrag auf Deinen Kommentar hin, damit er nicht übersehen wird. Wurde kurz nach der Doku noch von einer Bekannten angerufen, die das alles recht glaubwürdig fand ... So funktioniert eben Boulevard-Fernsehen. Erst heute sagte ich: Fernsehen mit Werbung ist schlecht.

    Übrigens: 600 x 350,- Euro = 210.000 Euro ;-)

    Was ist eigentlich aus diesem Herrn Deyhle geworden?

    Und: Hast Du auch die Redaktion von Spiegel TV informiert? Manchmal sind diese Dösel einfach nur zu faul und zu blöd, und am Ende ist es ihnen selbst peinlich und sie machen noch einen Beitrag daraus.

    AntwortenLöschen
  4. Ja, mit Spiegel TV reden wir über Anwälte wegen Gegendarstellung. Aber bei den Rutsch den das im Internet verursacht hat ... das Böse ist halt immer ein Schritt schneller. Der Focus hat sich letztes Jahr geweigert mit der Gegendarstellung. Solange hingezogen bis es zu spät war (aus deren Sicht).

    Das Problem ist, das Berlin sich mit sowas überhaupt nicht auskennt und alles aus buddhistischer Sicht in Ordnung sein muß bei den Handlungen. Da kann es dann auch mal fast 2 Jahre dauern, das der Abt mit der Abmahnung an die öffentlichkeit geht.

    Tja der Herr Deyhle hat wohl mit Kaiserslautern zu tun .... Sooo ein Zufall aber auch. Er hat ja dem Dicken Heiligen die Papiere ausgestellt. Ist schon klasse, wenn ein popeliger Geschäftsführer eine Erlaubnis zum Verbreiten der Buddhalehre vergibt, mit der man offiziell Novizen ausbilden darf.

    Fast so gut wie im Karnevalstempel "Zu goldenen Schwanz".

    Ehrlich gesagt,hab ich die Hoffnung gehabt, das du das Thema auffängst. ;) Buddhistische Einstellung vom Berliner Abt hin oder her, es muß was getan werden ... sonst hat der Dicke in 5 Jahren ne Villa ....

    Schau mal im Gästebuch von Kaiserslautern nach ... die ganzen Kiddies dort ... 13 Jahre und sind ganz heiß Dem ihr Taschengeld nachzuwerfen ....

    Apropos, du hast doch die Zeremonie gesehen ... da wo Julian? zum Novizen wurde ... "und wenn einer was dagegen hat, so möge er es jetzt sagen oder schweigen ..." .... wundervoll .... ich wollte den Beiden fast zur Hochzeit gratulieren ... ;)

    AntwortenLöschen
  5. Na ja, also diese "Abmahnung" dürfte kaum eine rechtliche Relevanz haben - und zwar deshalb, weil nicht konkret gesagt wird, worin denn die "vielen Irreführungen und Unwahrheiten, Fälschungen und Mißbrauch" bestehen und was genau zukünftig zu unterlassen sei.
    Deshalb trägt diese Abmahnung auch nicht zur Klärung der Sachverhalte, sondern nur zu weiterer Verwirrung bei.

    AntwortenLöschen
  6. In der Abmahnung wurde im Gegenteil klargestellt:
    Herr Monroe Columboe, der den angeblichen "Tempel" in Kaiserslautern unter dem Namen "Shaolin" kommerziell betreibt, sei - entgegen seiner Behauptung - a) kein vom chinesischen Tempel Shaolin authorisierter Mönch, und habe b) keinen von diesem (echten) Shaolin-Tempel authorisierten Tempel.

    Der Mann ist also einer der vielen Äbte, die ihre Biografie fälschen, ein Blender, ein Möchtegern. Ich würde ihm meine Jungs nicht anvertrauen.

    Amitabha!

    AntwortenLöschen
  7. Daß der Mann nicht vertrauenswürdig ist, steht außer Frage.
    Was die Abmahnung betrifft, so steht eben nicht drin, was Du hier zusammenfaßt. Es sollte aber, um als "Abmahnung" im rechtlichen Sinne gelten zu können.
    Aber offenbar ist das nicht vom chinesischen Tempel gewünscht, vielmehr möchte man sich ein Hintertürchen offenhalten - nämlich die nachträgliche Autorisierung unter bestmmten Bedingungen - neben ein bissel formalen Geplänkel gehts auch da um nix weiter als um Geld und reale Einflußnahme.
    Auch nicht vertrauenswürdig.

    _()_

    AntwortenLöschen
  8. Ja, Aramapala, ich stimme zu, da lassen sich die Chinesen ein Hintertürchen offen ... Vielleicht kann Heino bei Gelegenheit informieren, wie der Rechtsstreit mit Spiegel TV ausgegangen ist.

    AntwortenLöschen
  9. Auf Kaiserslautern ist man in China nicht gerade gut zu sprechen, das der authorisiert wird .... oder werden soll. Höchstens Wunschdenken des Herrn C. in K.

    Mittlerweile ermittelt auch die Staatsanwaltschaft.

    Mit SpiegelTV, da wird noch per Anwalt hin und her geschrieben. Mit Focus geht es jetzt eine Beschwerde an den Presserat.

    Was die HP betrifft. Alles was dort im Zusammenhang mit dem obersten Abt und der Legitimation von Kaiserslautern (bzw auch im Zusammenhang zwischen dem obersten Abt und dem Abt in Kaiserslautern) geschrieben wurde ist falsch.

    Gui Do hat ja schon ein gutes Beispiel mit den Jahreszahlen gebracht.

    Aus de Abmahnung kann man auch rauslesen, das dem Abt in K. die Fälschung der Urkunden vorgeworfen wird.

    Aber keine Sorge .... es kommt noch besser in Zukunft ;)

    AntwortenLöschen
  10. ein seltsamer zufall ist doch, dass der dicke seit jahren über 600 "bewerber" ablehnt (und diesind sicher nicht seine einzigen einnahmen), aber der typ, den spiegel-tv schon vom ersten tag an begleitet, den nehmen sie??? da haben die ja unsagbares glück gehabt gerade den richtigen aus den 600 für ihre story zu erwischen oder es war einfach nur ein gutes drehbuch an dem alle beteilligten sicher sehr gut verdient haben...
    mit einem kloster hat der laden in k-town gar nichts zu tun, aber das kann der durchschnittliche tv-konsument wahrscheinlich nur schwer erkennen.

    AntwortenLöschen
  11. Es geht weiter ....

    Neue Papiere aus China, vom obersten Abt Shi YongXin persönlich ausgestellt mit folgendem Wortlaut:

    "Der Songshan Shaolin Tempel in China hat niemals – weder direkt noch indirekt, weder ausdrücklich noch stillschweigend – irgendeine deutsche juristische oder natürliche Person dazu beauftragt, Monroe Columbe zur Gründung des „Shaolin Tempel Kaiserslautern“ zu autorisieren und dort als buddhistischer Abt zu fungieren."

    Interessant ist noch folgende Zeile:

    " .... und es besteht keinerlei Beziehung zwischen dem sogenannten „Shaolin Tempel Kaiserslautern“ und dem Songshan Shaolin Tempel in China."

    In der Übersetzung vom diplm. Übersetzer des Berliner Tempels wird auch noch genauer auf die angebliche Legitimation über die Ausbildung der Novizen eingegangen.

    Mein beauftragter Übersetzer hat das etwas "schwerfälliger" ausgedrückt. Aber im großen und ganzen sind die Übersetzungen gleich und auch schon bei der Staatsanwaltschaft.

    Zu finden auf der Seite vom Berliner Tempel bzw. auch im Forum des Tempels (dort übersichtlicher mit Anmerkungen).

    Die alte Abmahnung von 2008 gegen KL gibt es nun auch mit Unterschrift (das wurde ja bemängelt).

    AntwortenLöschen
  12. Auf der aktuellen Homepage die umbenannt wurde und nun den Eindruck erwecken soll, wirklich anerkannt zu sein, stand dass die Woche Klosteraufenthalt nun sogar schon 375€ kostet.

    Ist aber nicht das einzige Abzock-Kloster, in Bielefeld verlangen sie sogar 450€ das Training, dass zudem als ''Kung Fu Training wie in China'' angepriesen wird und in einem nobel Hotel stattfinden soll (inklusive Swimmingpool, Wellnessbereich und Reitstunden). Wer denkt das habe noch etwas mit Authentischem Chinesischem Kung Fu, Buddhismus oder Shaolin zu tun, wurde verarscht. Da wäre es mir lieber das Training würde wirklich wie in China abgehalten aber dafür wenigstens bezahlbar. Hier wird Abzocke mit der Naivität ahnungsloser Menschen betrieben.

    AntwortenLöschen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.