Samstag, 16. Januar 2010

Sind Tiere erleuchtet? (Teil 2)



Gampopa wird dieser Satz zugeschrieben: „Tiere sind einer vorherrschenden und weitreichenden Verwirrung unterworfen.“ Hätte Gampopa nicht in den Bergen, sondern auf Phuket gelebt, dann wäre ihm nicht entgangen, dass es genau umgekehrt sein kann: Als der Tsunami kam, suchten Tiere instinktiv Anhöhen auf, während tumbe Menschen den Fluten entgegengafften.

Wikipedia.org geht im Eintrag „Animals in Buddhism“ noch weiter. Ich übersetze zusammenfassend: Von Tieren glaubte man, sie seien durch ihren Geisteszustand vom Menschen getrennt, ihre Welt wurde auf Pali „Tiracchānayoni“ genannt. Unter ihren zahlreichen Leiden wird z.B. aufgeführt, dass sie von anderen Tieren angegriffen und gefressen würden und in ständiger Furcht vor ihnen leben müssten. Abgesehen davon, dass auch Menschen in Kriegszeiten in ständiger Furcht leben, muss ich gerade an den Elefanten, Nilpferde und Nashörner denken. Die erwachsenen Tiere haben kaum noch natürliche Feinde, die Jungtiere vielleicht so viele wie Menschenkinder im Straßenverkehr. Ganz abgesehen davon funktioniert die Analogie nicht. Denn als ich gerade heute den achten Tag hintereinander durch Schnee stapfte, konnte ich mir plötzlich gut vorstellen, in Grönland zu leben und mich daran zu gewöhnen. Da das Tier eben nicht wie wir denkt, ist dieses „Leiden“ von uns in das Tier hineinprojiziert und gibt gar nicht dessen Erfahrungswelt wieder. So lange wir nicht die Sprache der Tiere sprechen, wissen wir darüber nichts.


Als weiterer Nachteil des tierischen Daseins wird genannt: keine Sicherheit bezüglich einer „Wohnstätte.“ Na herzlichen Glückwunsch, ihr Kanarienvögel, Wellensittiche und Zootiere, ihr habt’s geschafft! Bei so viel Unverständnis für das eigentliche Wesen des Tieres, das wie wir nach Freiheit strebt, auch wenn es diese anders (oder gar nicht) benennen oder empfinden mag, sträuben sich mir die Haarstoppel.

Das witzigste Argument kommt zum Schluss. Tiere kapierten in ihrer Unwissenheit nicht, wie ihnen geschieht, sie könnten nicht viel dagegen tun und handelten primär instinktiv. (Was Letzteres bedeutet, siehe oben.) Ich finde, da haben wir viel gemeinsam. Bis heute ist es uns nicht überzeugend gelungen, das Mysterium des Lebens und Sterbens allgemeinverbindlich und überzeugend für alle Menschen zu lösen. Auch der Buddhismus schafft das nur für einen Teil der Menschheit, das heißt dieser Teil bildet sich ein, nun für sich eine Lösung gefunden zu haben. Am Ende ist dieser Teil der Menschheit genauso tot wie Muslime, Juden, Christen – und das Tier (das heißt, nicht ganz, wie ich gleich noch erwähne). Und ob die so genannte Klarheit nicht nur eine Illusion war, das erweist sich womöglich erst zum Schluss. Wer will den Menschen denn wirklich darum beneiden, dass er sich auch noch in die Irre führen kann? Laut Wiki ist es jedoch Tradition (das beruht mal wieder auf dem Geschreibsel einiger weniger talentierter Pali-Kanonisten), das Menschenleben als besondere Gnade anzusehen, weil man nun der buddhistischen Lehre begegnen könne.



Wenn wir also zusammenfassen, geht es im Grunde darum, dass die Gnade der menschlichen Geburt nur dann gegeben ist, wenn a) das Menschenwesen geistig in der Lage ist, den Buddha-Dharma zu erfassen, b) es im Rahmen dieses Erfassens völlige „Klarheit“ über seine Existenz gewinnt. Die Voraussetzung ist also neben einem Bewusstsein, das qualitativ über dem Instinkt angesiedelt wird, eine hinreichende Lebensdauer. Ist nun aber schon der Schreiber des Wikipedia-Artikels nicht in der Lage, den Buddha-Dharma zu erfassen, und selbst Zen-Lehrer behaupten, ein Menschenleben in Zazen würde nicht unbedingt ausreichen, nun, dann frage ich mich doch, ob Quallen dieses Problem nicht viel besser gelöst haben, weil’s für sie nämlich keines ist. Einerseits mangelt es ihnen nämlich an Hirn, also können sie auch nichts „erfassen“ - nicht mal die Idee, dass es etwas zu erfassen gäbe (!) Andererseits haben sie alle Zeit der Welt, sie können nämlich quasi ewig leben. Als wäre das nicht genug, können sie auch problemlos Diät halten und bei Bedarf sogar ihre eigenen Geschlechtsteile verspeisen, brauchen also weder Almased noch einen Vinaya (Ordensregeln), um klarzukommen bzw. sich zu verwirren. Und damit ist dann endgültig der Beweis erbracht, dass Tiere unsere Träume bereits verwirklichen.

[Copyright Foto 2 (Spiegeleiqualle): T. Friedrich; Foto 3 (Pallau stingless jellyfish): Profberger.]

Kommentare:

  1. Lieber Gui-Do,
    zunächst mal danke ich dir sehr herzlich für den Kommentar, den du bei meinem Seestern-Roshi hinter lassen hast. Das hat mich doch sehr amüsiert und auch weiter gebracht, was eben die Nahrungskette so auch lustvoll bedeutet. Die Pilgermuschel wäre ja nicht wirklich gerettet worden, durch dein Ergreifen, schließlich hättest du sie ja in eine artgerechte Umwelt hinein setzen oder sie selbst verspeisen müssen - andernfalls wäre sie wohl vertrocknet.
    Das Thema "Tiere und Erleuchtung" finde ich sehr interessant, aber dennoch liegt hier mit der Erleuchtung eine falsche Kategorie vor - Tiere haben nicht das Problem der Unwissenheit, also haben sie auch kein Leiden. Sicher tauchen in den höher entwickelten Arten, den Säugetieren, dann auch Übereinstimmungen zu unseren menschlichen Sichtweisen auf, dennoch haben eben Primaten nicht die Bedingungen die eben wir haben.
    Wir werden sicherlich darüber noch manche Diskussion führen, hier nur ein Artikel aus dem Tagesspiegel, der dich bestimmt interessiert, den ich aber nicht verlinken kann.
    Also dann den Titel:
    Am Anfang war der Zeigefinger, 15.12.09 Der Tagesspiegel.

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  2. "Ihre [der Menschen] Fähigkeit der Weltwahrnehmung ist verbunden mit der Fähigkeit, mit ihren Artgenossen eine gemeinsame Weltsicht aufzubauen. Tiere können das nicht, sie kennen kein „wir“." So heißt es in dem Artikel .

    Wie auch immer, gestern war wieder die Elster auf meinem Balkon, wo ich ihr Futter hinstelle, so lange wir Schnee haben, und weil es noch acht Uhr in der Früh war und ich ihr nonverbal ja mal zu verstehen gegeben hatte, sie solle morgens leise sein, war sie's auch. Um 11, um 14.15 und um 15.50 Uhr krächzte sie dann aber wieder aus voller Kehle. Ich würd ja lieber Amseln da haben, aber ich wohne im obersten Stock. Man kann auch sagen, was man will, die Elster ruft mit ihrem Gekrächze immer einen Kumpel oder eine Geliebte herbei. Da wird noch geteilt.

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  3. Lieber Gui-Do,

    ich hatte als Kind Raben als Gesellschaft und ich habe diese Rabenvögel geliebt und mit ihnen auch kommuniziert - aber ich konnte sie nicht zu einem "wir" überreden. Ich musste sie fliegen lassen, als sie wieder weg wollten.

    "Wir" bedeutet - wir machen was zusammen - etwas Gemeinsames, ein Drittes - in dem wir beide enthalten sind, das aber auch wieder etwas ganz neues ist.

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  4. Gemeinsam essen ist schon ganz okay. Mehr bietet das Tempelleben auch nicht. Am Ende wischt sich jeder selbst den Arsch ab.

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