Sonntag, 16. Mai 2010

Leben in einer Bergeinsiedelei

Durch diese strohgedeckte Einsiedelei von achtzehn Fuß Durchmesser
fährt ein kühler Herbstwind.
Ich rieche den Duft von Herbstchrysanthemen mit meiner Nase.
Selbst wenn ihr mit Augäpfeln aus Eisen und Kupfer* versehen seid,
werdet ihr nicht wissen, dass ich das Chrysanthemenfest neun Mal gesehen habe.

Auf diesem Berg stehen erhabene Tempel klar in einer Reihe.
Auf seinem Gipfel gibt es eine sechs- oder siebenstöckige Pagode.
In dieser Jahreszeit ist es tagsüber kalt und der Wind bläst stark.
Ich möchte meine Robe Mönchen vermachen, die bis spät in die Nacht Zazen üben.

Wenn die Abendglocke geschlagen
und eine Gartenlaterne gegenüber dem Mond aufgehängt wird,
üben die Schüler Zazen in der Meditationshalle und meditieren ruhig über die Leere.
Glücklicherweise habe ich drei Arten von Schülern** hier,
die nun den Buddha-Samen säen.
Wie angenehm, dass sein Reifen und Ernten in meinem Geist sind!

Höre ich einen Grashüpfer oder eine Zikade zirpen, halte ich das für erlesen.
Eine kühle Brise und ein trüber Mond sind gleichermaßen angenehm.
Wolken über Kiefern und Eichen;
ein erhabenes Haus an einem Teich wirkt alt.
Regentropfen auf einem Paulownia-Blatt; ein Herbsttempel ist einsam.

Ich möchte die Kleider ablegen, hänge eine Laterne auf
und ergreife den Schreibpinsel.
Ich sehne mich nach der Geschichte, in der Kâshyapa
im weit entfernten Indien die Robe übergeben wurde.
Ursprünglich geschieht es im Buddha-Land, dass unser Buddha seine Robe übergibt.
Das Buddha-Land beschränkt sich also nicht
auf den Shaolin-Tempel auf dem Berg Sung im Winter.

In einer strohbedeckten Klause in dieser Bergeinsiedelei,
gibt es kein Ende für eure Konzepte und euer Zazen.


(* dem unbeweglichen Geist; ** Shrâvakas, Pratyeka-Buddhas und Bodhisattvas)

[Dôgen: Eihei Koroku, Verse]

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.