Samstag, 22. Mai 2010

Kiye Jilue: Ein Gespräch über die Kunst der Strategie (I)

Ich, Han Kyo, fragte Hu Yu-kyuk: "Kann man zum Besonderen der Strategiekunst mittels einer Frage vordringen?"
   Hu Yu-kyuk erwiderte: "Techniken sind von einfacher Art, doch das Prinzip ist tiefgründig. Offiziere und Generäle müssen die Tiefgründigkeit der Hand- (Subup, 수법), Fuß- (Jokbup, 족법) und Körpertechniken (Shinbup, 신법) erlernen, dann können sie die Vorzüge dieser Kunst verstehen. Das Prinzip zu meistern benötigt Zeit. Nur darüber zu reden ist nicht von Nutzen. Obwohl es sich nicht um etwas Geheimes handelt, ist es doch nur schwer in Worte zu fassen."
   Ich erkundigte mich weiter nach dem Besonderen dieser Kunst, konnte jedoch Hus Antwort nicht recht erfassen, da sie sehr komplex war. Als ich nach der Einfachheit fragte, sagte er: "Einfachheit bedeutet zunächst Mut, dann Kraft, dann Kampfgeist und schließlich Geschwindigkeit."
   Ich fragte weiter: "Die Zeichnungen des Chuk Kye-kwang zeigen vierundzwanzig Stellungen. Keine von diesen ist überflüssig, wenn man sich verteidigen oder einen Gegner  töten will. Doch heutzutage sprechen die Lehrer nur noch von zwölf Stellungen, also der Hälfte des Originals. Was ist der Grund dafür?"
   Hu erwiderte: "Die vierundzwanzig Stellungen sind lediglich Varianten einer einzigen Stellung. Wenn man diese eine Stellung im Kampf anwendet, kann sie mehr als einhundert Techniken hervorbringen, nicht nur vierundzwanzig. Wenn du dich also mit starker und sanfter Gewalt vor und zurück bewegst und dabei die zwölf Stellungen anwendest, werden die Varianten zahllos."
   Ich sprach weiter: "Die vierundsechzig Trigramme (Kwe, 괘) des I Ching (Buchs der Wandlungen) sind Abwandlungen eines einzigen Trigrammes. Der Autor machte daraus vierundsechzig, weil man das Besondere des Wandels erfasst, wenn man nicht ein einziges Trigramm außer Acht lässt."
   Hu sagte: "Chuk Kye-kwang fasste traditionelle Lanzentechniken zusammen und ließ die kompliziertesten weg, wodurch er die vierundzwanzig Stellungen verringerte (auf zwölf). Er hatte die Tiefgründigkeit des Prinzips gemeistert, wie können wir da behaupten, dass er das Trigramm des I Ching verworfen oder ergänzt hätte? Ich habe mein eigenes Handbuch (Byulbo, 별보) geschrieben, das die zwölf Stellungen, die seit alters überliefert und geübt wurden, um weitere zwölf Stellungen ergänzt. Die Fassung von Chuk Kye-kwang ist aber an sich schon fehlerlos und ohne Makel."
   Ich fragte: "Wenn die Varianten von einem Prinzip stammen, dann sind doch schon zwölf Stellungen zu viel. Auf Geheiß des Königs zeichnete er vierundzwanzig Stellungen auf, weshalb man von uns erwartet, dass wir sie allesamt üben. Darf ich die bescheidene Frage stellen, ob hier nicht ein logischer Widerspruch vorliegt?"
   Hu erwiderte: "Das ist kein Widerspruch. Das Tao steht für jedes Ding, und ein jedes kann zu Millionen Dingen werden, wenn man es zerstreut. Beim Go-Spiel sind die möglichen Strategien zahllos. Wenn einer das Wissen von hundert Taktiken erlangt, wird er zum Nationalmeister (Kuksu, 국수)."
(aus: Muye Tongji, einem koreanischem Kampfkunstklassiker, übersetzt unter Mitarbeit von H.-S. Kim)

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