Montag, 24. Mai 2010

Kiye Jilue: Ein Gespräch über die Kunst der Strategie (III)


   Der Gast fragte: „Warum habt Ihr Euer Heerlager dann nicht mit dem Schild ausgestattet?“

  Die Antwort lautete: „Wie könnte sich jemand nur auf den Schild verlassen? Der Langstock des Yu-Klans bezwingt den Schild. Wenn dieser Langstock wechselweise mit Yin- und Yang-Kraft eingesetzt wird, verliert der Schild seine Kraft und kann besiegt werden.“
   Der Gast fragte: „Warum habt Ihr dann nicht euer gesamtes Heerlager mit Langstöcken ausgestattet?“

   Die Antwort lautete: „Wie könnte man sich allein darauf verlassen? Der Speer des Yang-Klans besiegt den Langstock. Da letztlich alle Stöcke kurz sind und der Speer lange, gewinnt der lange Speer stets gegen den kurzen Stock.“

   Der Gast fragte: „Warum habt Ihr dann nicht euer gesamtes Heerlager mit dem Speer des Yang-Klans ausgestattet?“

   Die Antwort lautete: „Der gerade Speer schlägt die mehrspitzige Bambuslanze und den Dreispitz-Speer. Laut der Fünf-Soldaten-Strategie (Ohbyung, 오병) kann die Langwaffe zwar die Kurzwaffe abschneiden, doch kann auch die Kurz- die Langwaffe abwehren, so dass dann niemand gewänne. Benutzt man eine solche Waffe aber mit einem Schild, kann man jede andere schlagen. Der Speer ist in der Schlacht niemals nutzlos.“

   Für das Ausstatten von militärischen Heerlagern bedeutet dies, dass man nichts zu befürchten hat, wenn Feuerwaffen mit herkömmlichen Waffen zusammen benutzt werden und Speere usf. unterstützen. Dabei gibt es eine geheime Methode, der feindlichen Armee den Rückzug abzuschneiden, die nur wenigen führenden Generälen bekannt ist, die andere jedoch später für sich selbst entdecken.

   Nach einiger Überlegung erkannte ich, dass alle Waffen eine zwar verschiedene Handhabung kennen, doch nur ein Ziel: den Feind zu töten. Dies gilt für den Schild ebenso wie für die mehrspitzige Bambuslanze, den Speer, den Dreispitz-Speer, den Langstock, die Feuerwaffen und den Bogen. Eine Waffe mit kurzer Reichweite kann nicht auf weite Entfernung benutzt werden und umgekehrt. Dies liegt am Prinzip der Kraft. Keine der Waffen ragt heraus oder hat einen echten Mangel. Soldaten, die sich in verschiedenen Disziplinen geschult haben, sollten gemischt zusammengestellt werden, sonst entsteht ein Nachteil. Wie könnte die Strategie von Sama [ein chinesischer Militärstratege] mich in die Irre führen? In der Kunst des Bogenschießens gibt es ein besonderes Prinzip beim Schießen, ebenso bei Feuerwaffen und allen anderen – dem Schild, der mehrspitzigen Bambuslanze, dem Dreispitz-Speer, dem Speer, dem Stock (Kon, ) und dem Schwert (Gum, ). Ohne Techniken gibt es keine Meister. Darum lernte Hangwu (ein legendärer chinesischer General) die Handhabung des Schwertes, und General Yang verbrachte zwanzig Jahre mit der Übung des Birnenblüten-Speeres (Ihwachang, 이화창). Will jemand Meisterschaft erlangen, muss er dem Weg folgen.

   Da Korea sich abseits des Kontinentes befindet, ist die Kunst des Bogenschießens lange die einzige gewesen, die von vielen Menschen geübt wurde. Schwert und Speer wurden hingegen nur von wenigen gehandhabt. Es gibt eine Art des Speerkampfes auf Pferden, doch diese wurde noch nicht in ein geordnetes System gebracht und wird deshalb nur probeweise geübt. Die Methoden, mit Schwert und Speer zu kämpfen, wurden jedoch lange für selbstverständlich gehalten. Aufgrund solcher Nachlässigkeit konnten unsere Soldaten, als die Japaner einfielen und furchtlos angriffen, nicht einmal ihre Speere und Schwerter anwenden. Dies lag also vor allem daran, dass die Methoden der rechten Handhabung dieser Waffen nicht mehr gelehrt wurden.

   Alle Dinge im Universum haben ihren eigenen Weg: Beim Bogenschießen muss jemand das Schießen des Pfeils üben, bei Feuerwaffen das Abschießen der Kugeln. Soldaten, die in Heerlagern versammelt sind, sollten nicht erst eine Anweisung zum Üben abwarten, sondern die Techniken von Schwert und Speer praktizieren, wann immer sie Zeit dafür übrig haben.

   Koreaner benutzen Löffel zum Essen, Chinesen hingegen Stäbchen. Wenn die Chinesen einen Löffel in der Hand halten und die Koreaner Stäbchen, ist ihnen allen das unangenehm, weil sie die Handhabung dieser Dinge nicht gewohnt sind. Wenn schon Stäbchen und Löffel solche Schwierigkeiten verursachen können, wie viel mehr dann Speer und Schwert?

   Obwohl Bogenschießen in Korea eine Staatskunst darstellt, eignet es sich nicht zur Staatsverteidigung. Als die chinesische Armee in Korea stationiert war, lernten wir von ihr, Feuerwaffen, den Schild, die mehrspitzige Bambuslanze, den Speer und den Dreispitz-Speer zu nutzen. Wir studierten auch die Zeichnungen im Kihyo Shinsu (기유신서), das die Handhabung von Feuerwaffen, Schild und Speer und eine Reihe von Tötungstechniken darstellt.

   Während ich der Königlichen Militärakademie (Hunlyun Dokam, 현령도감) diente, übersetzte ich die „Umfangreiche Anleitung zur tödlichen Hand“ (Salsu Jebo, 살수제보). Es war nicht einfach, den Inhalt zu ordnen und zu klassifizieren. Diese Anleitung sollte helfen, das Üben der Kampfkünste zu verbreiten und die Japaner von unserer Halbinsel zu vertreiben. Der König hatte einen großen Plan und ich bedauere, dass ich ihm nicht schnell genug dienen konnte.

   Aus dem Kihyo Shinsu lernte ich die Methode, den Dreispitz-Speer zu nutzen und fertigte ein Diagramm an, das in Zukunft durch weitere Techniken ergänzt werden kann. Ich vermute, dass es auch Schaubilder anderer Techniken gibt, doch sind bis heute keine aufgetaucht. Das Kihyo Shinsu enthält lediglich verschiedene Zeichnungen, die jede Stellung erklären. In alten Aufzeichnungen oder Entwürfen werden aber keine genaueren Einzelheiten erläutert.

   Häufig befragte ich die chinesischen Soldaten zur tödlichen Hand (Salsu, 살수). Da ihre Bewegungen wirbelten wie der Wind und sie sich blitzschnell vor- und zurückbewegten, war es äußerst schwierig, einzelne Stellungen und Techniken zu erkennen. Da die chinesischen Soldaten verschiedene Stellungen gemeistert hatten, musste ich sie befragen, um die Techniken zu verstehen. Bei der Handhabung des Langspeeres gibt es viele verschiedene Stellungen, doch nur zwölf wurden aufgezeichnet, also nur die Hälfte von denen, die heutzutage gelehrt werden. Während ich den „Leitfaden für die tödliche Hand“ (Salsubo, 살수보) übersetzte und die Soldaten darin unterwies, ihn ausgiebig zu praktizieren, arbeitete ich an einem Spezialhandbuch (Byulbo, 별보) und habe vor dem Fertigstellen meiner Arbeit noch viele Fragen. Das liegt am Fehlen eines Schaubildes der Techniken. Da Übende dem Geschriebenen wörtlich glauben, verschwinden die orthodoxen Methoden, Interpretationen jedoch überdauern.

   Nach einem Gespräch mit Hu Yu-kyuk im vergangenen Sommer über die Hand des Yin-Yang (Umyangsu, 음양수) und das Große und Kleine Tor (Daesomun, 대소문), berichtigte ich die Theorie und schrieb sie im Detail nieder. Dies ist kein vollständiges Werk, doch möchte ich es mit anderen teilen. Eine Prüfung von Fähigkeiten wird aufgrund dieses Handbuches stattfinden. Wenn es darin falsche Angaben gibt, dann geschah dies nicht aus Absicht. Auch wenn ich niemanden vorsätzlich täuschen will, fürchte ich doch, ich könnte unvollständige Aussagen gemacht haben.

In Demut niedergeschrieben von Han Kyo
Umo Janggun Hangyong Yngwi Sajung
im Oktober 1598

(aus: Muye Tongji, einem koreanischem Kampfkunstklassiker, übersetzt unter Mitarbeit von H.-S. Kim)

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