Mittwoch, 16. Juni 2010

Gedicht eines Kambodschaners (II)


 WASSERBÜFFEL, KOBRA UND EIN KRIEGSGEFANGENER

Arbeit, Arbeit – Bäume fällen und entwurzeln, Buschwerk beseitigen,
Reis verpflanzen, keine Zeit zum Ausruhen.
Mittags allein; als ich das Bambusdickicht beseitigt habe,
öffnet eine schöne schwarze Kobra

ihre Haube vor mir und stellt ihre Macht zur Schau.
Sie dachte, ich sei ihr Feind.
„Sie ist schön, genau wie in den Indianerfilmen!“,
rief ich mir selbst zu, während meine Knie schlotterten.

„Oh Kobra! Dein Fleisch und Blut sind wahrlich
Buddhas Fleisch und Blut. (1)
Ich bin zwar nur ein Kriegsgefangener,
aber nicht deine Mahlzeit.

Du, Kobra, bist frei,
und wenn mein Fleisch wirklich dein Blut ist,
verteidige mich mit den Geistern dieser Sümpfe,
um mich zu Buddha, Dharma und Sangha zu führen.“

Die Kobra starrte mich mit liebevoller Güte an,
senkte dann ihren Kopf.
Sie glitt in den Morast des Südens (2),
und ich kehrte zu meinem Überlebenswerk zurück.

                                                                              – Konzentrationslager Boh Leav, Kratie, November 1976


[1] In einer Vision wurde mir [U Sam Oeur] gesagt, dass ich Buddha anrufen solle, wenn ich je einer giftigen Schlange gegenüberstünde, da Buddha einst als Schlange namens Phuritatd wiedergeboren wurde.
[2] Buddhistische Schriften besagen, dass Lehrer im Süden wohnen.  

[U Sam Oeur: Träume im Konzentrationslager (Frankfurt 2007); Foto: Keller, Weg der Naga (Schlangen) in Angkor]

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