Mittwoch, 16. Juni 2010

Gedicht eines Kambodschaners (I)

ALBTRAUM

Mich im Bett wälzend, verknäult
wie ein Baby im Mutterleib,
wünsche ich mir,
sie würden niemals die Grenze überschreiten.

Orientierungslos finde ich mich irgendwie
am Rande eines Bambusdickichts
im offenen Felde wieder.
Das Poltern der Panzer
und das Trommeln der Soldatenschritte
lässt jeden Bambusdorn erzittern.

Bald schon bringen die Schreie
„Fasst sie!
Fangt sie lebend!“
mein Blut in Wallung
und lassen meine Knie schlottern.

Ich ziehe mein Hemd aus,
verstecke mein Gesicht,
umklammere einen Bambusstängel,
halte den Atem an,
wünsche nochmals:
„Oh Gott, stimme sie um!“

Als sie näher und näher kommen,
werde ich kleiner und kleiner,
klein genug, um in den Bambusstängel einzutreten.
Doch noch immer rezitiere ich mit zitternder Stimme –

„Buddho!“
Ein Grashalm mag Tautropfen tragen,
doch keine Scherben zerbrochenen Glases!

„Dharmo!“
Ein Grashalm mag Tautropfen tragen,
doch keine Schrapnellkugeln!

[U Sam Oeur: Träume im Konzentrationslager (Frankfurt 2007)]

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