Mittwoch, 9. Juni 2010

Der ausgegrabene Mönch (I):
zenjô

"Am nächsten Morgen rief er sogleich einige Männer und befahl ihnen, an diesem Ort zu graben. Nachdem sie ein etwa drei Shaku tiefes Loch ausgehoben hatten, stießen sie auf einen großen Felsen. Diesen entfernten sie und entdeckten darunter zu ihrem Erstaunen einen Sarg, mit einer steinernen Platte verschlossen. Als die Männer auf Geheiß des Landherrn die Platte abhoben, fand sich im Sarg ein seltsames Wesen, das einer Mumie glich. In der Hand hielt es eine Glocke, und diese Glocke schlug es in bestimmten Abständen an. Wohl war es ein Mensch, doch glich das Wesen eher einem getrockneten Lachs, so verschrumpelt war es. Das Haar reichte ihm bis zu den Knien, und als die Männer es aus dem Sarg hoben, staunten sie, wie leicht es war. Während all dieser Handlungen hörte es nicht auf, die Glocke anzuschlagen.
   'Gewiss handelt es sich hier um einen Fall von zenjô, wie es die Lehre des Buddha nennt', sagte der junge Landherr. 'Es ist dies eine heilige Handlung, um die Wiedergeburt in ein besseres Leben zu erwirken.'" (...)

[Quelle: Ueda Akinari, Erzählungen beim Frühlingsregen (Frankfurt 1990); Foto: Keller, Bayon in Angkor]

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.