Freitag, 23. April 2010

Omori Sogen und die
Buddhaschaft aller Lebewesen (hakko ichiu)

Hosokawa Dogen, einer von Omori Sogens (1904-1994) Nachfolgern und Abt eines Rinzai-Tempels in Honolulu, beschreibt in Omori Sogen: The Art of a Zen Master (Kegan Paul 1999), welche Worte dessen Meister Seisetsu ihm kurz vor seinem Tod mit auf den Weg gab: „Verbreite den Geist der universellen Bruderschaft!“ (S. 53). Dahinter stand der Gedanke des hakko ichiu, der Buddhaschaft aller Lebewesen, auf deren Grundlage die Menschen eine friedliche Welt schaffen könnten. 1966 versuchte Omori mithilfe der US-Botschaft bei einem Besuch Vietnams deren buddhistischen Führer, der sich seit langem im Hungerstreik befand, nach Japan einzuladen und so vor dem Tod zu bewahren (S. 74). Im Hinblick auf den von Brian Victoria einst unter „metaphorische Rhetorik“ subsumierten Satz: „Zen und Schwert sind eins“ meint Omori: „In welcher Beziehung stehen die Kunst zu töten und die Kunst zu leben? Diese Frage kann nicht nur intellektuell beantwortet werden. Der Mensch verspürt einen inneren Drang oder vielmehr eine Notwendigkeit, dieses Paradoxon aufzulösen. (…) Im Hagakure heißt es: ‚Der Weg des Kriegers liegt im Sterben.’ Dies bedeutet, den Tod und das Töten zu transzendieren, um zu einem ‚Großen Leben’ zu gelangen. (…) Leider hat sich der kulturelle Wert dieser einzigartigen Evolution [vom Töten zum Leben] in der Weltgeschichte nicht durchgesetzt.“ (S. 105 f.) Omori sieht in der Kampfkunst einen Spiegel des Überlebenskampfes aller Kreaturen und in der Fähigkeit zu töten nur das menschliche Drama der Unmöglichkeit, kein Leben zu nehmen: Denn ob wir dies wollen oder nicht, um zu überleben töten wir Lebewesen (indem wir auf sie treten, sie einatmen, uns von ihnen ernähren usf.). Mittels der Kunst des Schwertkampfes kann jedoch ein Zustand des ainuke (eigentlich ein „wechselseitiges Aneinander-Vorbeigehen“ zweier fortgeschrittener Meister) erlangt werden, ein absoluter Frieden jenseits von Gedanken an Gewinn und Verlust. Für diesen sei jedoch die vorherige Erfahrung des aiuchi („wechselseitigen Schlagens oder Tötens“) Voraussetzung, ohne die auch Zen wirkungslos bliebe (S. 72 f.). In einem Kapitel mit dem Titel Se Mu I („Furchtlosigkeit spenden“) erklärt Omori mit Bezug auf Miyamato Musashi und Yagyu Munenori, die wohl bekanntesten Schwertkämpfer Japans, wie sich das „Leben gebende Schwert“ im Einsatz für sozialen Frieden verwirklichen lässt, nämlich nur durch die eigene Erfahrung des aiuchi und ainuke.

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