Mittwoch, 28. April 2010

Menzan Zuiho und seine Auslegungen zum Shobogenzo

Die umfangreichste wissenschaftliche Leistung verdankt das Sôtô-Zen wäh­rend der Edo-Zeit dem gelehrten Menzan Zuihô (1683-1769) [1], der während seines langen Lebens eine weit ausladende Tätigkeit entfaltete. Im Lande Higo (Bezirk Wakayama) geboren, weihte er sich am hundertsten Tage nach dem Tod seiner Mutter in einem Zen-Tempel dem geistlichen Stand, ein Entschluss, dem sein Vater zuerst unwillig, dann aber vorbehaltlos seine Zustimmung gab.
   Das Jahr 1703 ist ein wichtiges Datum in der Geschichte des japanischen Sôtô-Zen. In diesem Jahr begegnete Menzan in Edo zum ersten Mal dem Manzan Dôhaku, der von der Bakufu-Regierung gerade die Genehmigung der Restauration der alten Nachfolgelinie erreicht hatte. Menzan war den Refor­men zugetan, auch fühlte er sich im Kreis des Manzan wohl. Er stand vor einer wichtigen Entscheidung. Sollte er in Edo bleiben? Er hatte in der Tokugawa-Stadt jüngst den Sonnô Sôeki (1649-1705) [2] kennen gelernt, der ihn mächtig anzog. So folgte er diesem zu einem Kloster in Nordostjapan, in dem echtes Zen geübt wurde (1703). Von diesem Meister empfing er in der kurz bemessenen Zeit ihres Beisammenseins den tiefsten Eindruck seines Lebens. Der rasche Tod des Meisters (1705) stellte ihn wieder vor eine schwere Entscheidung. Er entschloss sich zu einer der härtesten asketischen Übungen, nämlich zu einer strengen Klausur von tausend Tagen in der unweiten Klause Rôbaian im Lande Sagami. Diese drei Jahre intensivster Einsamkeit prägten ihn fürs Leben. Er erfuhr die Möglichkeit der Verbindung asketischen Mönchtums und wissenschaftlicher Arbeit. Nach Aufgabe dieser besonderen Übung wurde er bald zum Vorsteheramt wichtiger Tempel, vorab des Zenjôji in seiner Heimat Higo (Kyushu) und des Kûinji im Land Wakasa (Bezirk Fukui) bestellt, wo er je rund zwölf Jahre verweilte. Er praktizierte während dieser Zeit die Verbindung des aktiven und des kontemplativen Lebens und entwickelte Geschmack an Vorlesungen und Vorträgen.
   Sein Ruf war gefestigt, er stand im reifen Mannesalter, als er in die letzte fruchtbarste Phase seines Lebens eintrat. Als Abt im Kûinji hatte er zugunsten seines Jüngers Katsudô Fukan abgedankt (1741) und sich die Klause Eifukuan erbaut. Zwar hielt er auch weiterhin Vorträge im Land, aber seine Hauptkraft galt den schriftstellerischen Arbeiten. Die Mitte seines Werkes bildet das elfbändige Reallexikon Shôbôgenzô Shôtenroku, das in umfassender Weise Worte, Zitate, Stilformen, geschichtliche Begebenheiten, kurzum philologisch und historisch wichtige Elemente aus allen 95 Büchern des Hauptwerkes Dôgens behandelt. Menzan soll die Idee eines solchen Werkes schon zu Anfang seiner tausendtägigen Klausurzeit gefasst haben (1705). Er vollendete das Manuskript im Jahre 1759. Die enzyklopädische Arbeit stellt in der Tat ein Lebenswerk dar. Die Schrift ist chinesisch abgefasst. Doch beschäftigte Menzan sich auch mit den schwierigen japanischen Wörtern des Shôbôgenzô und untersuchte diese in einem Buch Shôbôgenzô Wagoshô (1764), das einige Jahre später in dem ausführlicheren Werk Shôbôgenzô Wagotei des ausgezeichneten japanischen Philologen und Zen-Meisters Banzui eine Ergänzung erfuhr. Die Titel der zahllosen kleineren Arbeiten aus den letzten Lebensjahren Menzans sind charakteristisch für die vielseitigen Interessen des Autors, der nicht nur das Shôbôgenzô, sondern viel Literatur aus den Anfangsjahren der japanischen Sôtô-Bewegung durchforschte. Von besonderem Interesse ist eine Spruch­sammlung des Ju-ching, des chinesischen Meisters des Dôgen (1751).
   Bestimmt würde am meisten ein vollständiger Kommentar des Shôbôgenzô aus dem Pinsel des Menzan unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Leider steht die Verfasserschaft Menzans für die unter dem Titel Shôbôgenzô Monge bei seinen Werken aufgeführte ausführliche, leicht verständliche Erklärung des Hauptwerkes Dôgens nicht sicher fest. Menzan hat im Lehrvortrag das Buch Bendôwa erklärt, aber wohl kaum alle 95 Bücher des Shôbôgenzô. Die Niederschrift des Shôbôgenzô Monge geschah durch Menzans Jünger Fuzan Genshutsu während der Ära An’ei (1772-1781). Man hat lange Zeit angenom­men, dass Genshutsu das zweibändige, japanisch geschriebene Werk aufgrund von Notizen der Vorträge Menzans fertigstellte. Aber Genshutsu selbst hat alle Bücher des Shôbôgenzô in Lehrvorträgen (1755-1756) erklärt. Seine Erklärung, die Menzans Geist atmet und sich die Ergebnisse des Shôbôgenzô Shôtenroku zunutze macht, dürfte der Niederschrift des Shôbôgenzô Monge zugrunde liegen.
   Innerhalb der Sôtô-Schule folgte Menzan durchwegs dem älteren Manzan, den er persönlich hochschätzte. Bezüglich der Kernfrage der Tempelnachfolge bekämpfte er energisch die entgegenstehende Ansicht des Tenkei Denson. Zu den für wichtig erachteten Streitpunkten gehörten auch die Reformen der Regeln, die Gesshû und Manzan gleich am Anfang der Edo-Periode in Angriff nahmen. Sie beriefen sich auf Dôgen, zeigten aber eine ausgesprochene Sympathie für die Ôbaku-Schule, die während der frühen Phase Hoffnungen weckte und nicht geringen Einfluss ausübte. Die Begeisterung für die Neuan­kömmlinge aus dem China der Ming nahm zwar bald ab, doch blieben die Meinungen über die von Führern der Sôtô-Schule festgeschriebenen neuen Sitten und Bräuche geteilt. Menzan war das Ôbaku fremd. Er hielt am unverfälschten Dôgen fest und kämpfte mit aller Kraft für die Ausmerzung der Ôbaku-Zusätze. Eine Einheit in der Reform der Klosterregeln wurde nicht erzielt, aber diese Bemühungen nahmen viel schriftstellerische Energie in Anspruch.


[1] Kurzbiographie in Zengaku Daijiten I, S. 634. Ihn behandelt der 2. Teil des 18. Bandes von Nihon no Zen-goroku mit Einführung von Kagamishima. Über seine Kommentarwerke zum Shôbôgenzô vgl. die oben erwähnte Darstellung in MN.
[2] Kurzbiographie in Zengaku Daijiten II, S. 714.

[aus: Heinrich Dumoulin: Geschichte des Zen-Buddhismus. Band II.]

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