Mittwoch, 14. April 2010

Meister Dôgens Eihei Shingi:
Shuryô Shingi – Regeln für die Studienhalle (IV)

In der Studienhalle sollten auch die Älteren, die lange geübt haben, nicht unfreundlich zu anderen Mönchen sein. Wenn sie das rechte Verhalten in der Gemeinschaft missachten, sollte der Meditationsleiter (inô) sie deutlich zurechtweisen.
   Wenn ihr in der Studienhalle eure Robe, eure Schalen oder andere Dinge nicht finden könnt, hinterlasst dort zunächst eine Notiz in dieser Art: „Der Mönch Soundso hat in dieser Studienhalle zu derunder Zeit Diesunddas verloren. Wenn jemand es findet, möge er eine Nachricht hinterlassen.“ Wenn Vorwürfe des Diebstahls erhoben werden, sollte dies gemäß der reinen Regeln geschehen. Bezichtigt niemanden vorschnell. Wir sollten uns der Worte von Zen-Meister Daixiao erinnern.[1] Wenn ihr selbst etwas in der Studienhalle findet, hinterlasst eine Notiz darüber.
   Bewahrt keine weltlichen Schriften in der Studienhalle auf, keine über Astrologie, Geomantie, andere Religionen, und keine Bände mit chinesischen (shifu) oder japanischen Gedichten (waka).
   In der Studienhalle haben Bogen, Pfeile, Speere, Schlagstöcke, Schwerter, Schutzhelme und Rüstungen nichts verloren. Es soll ganz allgemein keine militärische Ausrüstung dort aufbewahrt werden. Wenn jemand dort Kurzschwerter oder ähnliches versteckt, muss er sofort vom Tempel ausgeschlossen werden. Alle Dinge, die gegen die Regeln verstoßen, müssen von der Studienhalle ferngehalten werden.
   Auch Saiten- und Blasinstrumente oder solche, die für die Hofmusik benutzt werden, haben keinen Platz in der Studienhalle.
   Bringt keinen Alkohol, kein Fleisch und keine der fünf scharfen Speisen[2] in die Studienhalle. Jede Art von Fleisch, Knoblauch, Zwiebeln oder stark riechendem Gemüse sollte nicht in die Nähe der Studienhalle gebracht werden.
   Wenn ihr in der Studienhalle zusammensitzt und eine unangenehme Aufgabe erledigt werden muss, dann sollen die Neuzugänge sich zuerst darum kümmern. So ist es den Mönchen gemäß. Junge Schüler sollten Älteren nicht dabei zusehen, wie sie schwierige Arbeiten verrichten; dies würde als ungehobelt gelten. Wenn es etwas Angenehmes zu tun gibt, bietet es freilich den Älteren an. So entsprecht ihr Buddhas Wahrem Dharma.
   Wenn jemand etwas zu nähen hat, sollte er das am Nähtisch hinter der Studienhalle tun. Dabei sollte man sich nicht zum Schwatzen treffen und nicht mit lauter Stimme unterhalten. Bedenkt die unerschütterliche Übung der Buddhas und Patriarchen.
   Diese Studienhalle ist ein öffentlicher Ort im dôjô[3]. Selbst mit geschorenem Haupt und rasiertem Gesicht sollte keiner, der sich nicht wie ein Mönch zu benehmen weiß, in die Studienhalle oder ihre Nähe gelassen werden, geschweige denn darin die Nacht verbringen dürfen. Lasst so einen nicht in der Studienhalle umhergehen, weil es nur die reine Gemeinschaft stören würde.
   Gebt euch in der Studienhalle keinen weltlichen Aktivitäten hin.

   Die oben genannten Regeln sind Beispiele, die von den alten Buddhas hinterlassen wurden. Mögen sie in diesem Kloster stets befolgt werden.

Geschrieben im ersten Monat des Jahres 1249.


[1] In Kapitel 5 der Überlieferungsgeschichten des Keitoku Dentôroku wird erzählt, dass Daixiao sich um die Gedenkstupa des sechsten Patriarchen kümmerte, die dessen Mumie enthielt. Als jemand den Kopf der Mumie abtrennen wollte, wurde er dabei ertappt. Die Behörden fragten Daixiao, wie sie mit dem Täter verfahren sollten. Dieser sagte, dass er zwar gemäß der Staatsgesetze zu exekutieren sei, im Buddhismus jedoch Freund und Feind gleich behandelt werden sollten; außerdem habe der Täter den Kopf der Mumie selbst in einen Schrein legen und verehren wollen, darum sei ihm zu verzeihen.
[2] Drei Arten von Lauch, Zwiebeln sowie Asant, gemäß des vierten der 48 Nebengelübde im Brahmanetz-Sutra.
[3] Das dôjô ist der Ort, an dem der Buddha-Weg geübt und verwirklicht wird; es steht für den Ort von Buddhas Erleuchtung (sanskr. bodhimandala).
[Foto: Keller (Kambodscha)]

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