Sonntag, 4. April 2010

Die Anwendung von Dôgens Verhaltensregeln gegenüber "Senioren"

Von Beginn an wurde im Buddhismus reichlich kommentiert. Ich möchte hin und wieder den umgekehrten Weg der "Kondensation" gehen und überlieferte Lehren aussieben, entstauben, abkürzen, verdichten. Was interessiert mich zum Beispiel als Anhänger des Laien-Zen eine Klosterregel? Nun, wie die "Anweisungen für den Koch" lassen sich auch die Verhaltensregeln gegenüber den erfahrenen Mönchen (in der englischen Übersetzung "senior" genannt) auf den Alltag übertragen - und dort, jenseits einer festgelegten Klosterhierarchie, nämlich in ihrer freiwilligen Annahme und Verwirklichung, erweisen sie erst ihre tatsächliche Wirkkraft.
   Gestern zum Beispiel kam ich mal wieder zu spät zum Karfreitagsessen ("Grüne Soße") - der Anruf einer Mitarbeiterin, den ich natürlich auch hätte verlegen oder abwürgen können, hielt mich auf. Auch mein Bruder trudelte erst mit mir ein. Mutter, die eingeladen hatte, war entsprechend sauer, obwohl die Fischstäbchen auf dem Herd ("Eins sag ich euch, ich halt in Zukunft nix mehr warm!" [und das nach über 40 Jahren]) gerade die richtige Temperatur hatten. Ich sollte mich mehr bemühen, der eigenen, alten Mutter den Respekt entgegenzubringen, pünktlich zu sein. Beim Essen selbst wurden wir so erzogen, zu warten, bis alle am Tisch sitzen. Auch diese Regel, schlicht und doch klösterlich, wird inzwischen von mir ab und an gebrochen. Zum  anderen war ich kürzlich beim Abendessen ebenfalls bei Muttern zu Gast, hatte es aber eilig und begann mit dem Essen, während sie noch Brot toastete. Inzwischen esse ich so viel mehr und länger als sie, dass ich dennoch oft genug erst nach ihr fertig bin, selbst wenn ich früher anfange. Viele von uns haben uns daran gewöhnt, gerade bei vertrauten Menschen die Regeln locker zu handhaben, die wir als Gäste bei Fremden wohl noch einzuhalten in der Lage sind.
   Dennoch - viele von Dôgens Regeln werden wir auch mühelos gegenüber Senioren, die nie eine sommerliche Meditationsperiode hinter sich brachten, einhalten können. Wir können ihnen unseren Platz anbieten (Nr. 23), Arbeiten abnehmen (Nr. 30), ihnen eitles Geschwätz ersparen (Nr. 34), und wir müssen nicht vor ihnen herumzappeln (Nr. 20).
   Ja, ich hab gut reden. Arbeit abnehmen ... Die Wasserspartaste am Spülkasten meiner Mutter geht nicht mehr. Dieser Spülkasten ist irgendwie was Besonderes und war mal teuer. Ich bekomme kaum den schweren Deckel hoch. Es stört mich, dass ich nach jedem Strullern ("Wer hat denn da schon wieder im Stehn gepinkelt?") den Knopf so durchdrücken muss, dass der Spülkasten ganz leer läuft - wenn nämlich nicht,  wenn ich nur kurz drücke, dann läuft das Wasser langsam ewig weiter, ehe jemand den Knopf mehrfach hintereinander so lange klackernd betätigt, bis sich der Mechanismus irgendwie einrenkt. Ein kleines Problem wahrscheinlich. Bei meinem eigenen billigen Plastikteil hatte ich's mal hingekriegt. Aber da ich kein echter Experte bin, darf ich nicht ans Innere ran. Und nicht nur ich nicht, auch die "unfähigen Handwerker von ..." dürfen den Edelspülkasten nicht (mehr) anfassen. Also, eh ich hier ein Osterei reinmache, lieber diese kleine Anekdote. Denn man könnte ja auch mal einen Tag im Jahr bestimmen, der der Suche nach der Wahrheit (statt Eiern) gewidmet sei. Und die liegt womöglich nicht nur im Spülkasten ganz in der Nähe einer un-dichten Stelle ...

1 Kommentar:

  1. Genau: freiwillige Annahme und Verwirklichung. Das meinte ich. Ist es wirklich nötig, so viele Regeln aufzustellen? Ich dachte bisher, dass nach einer guten Erziehung und der Einsicht, dass wir alle miteinander verbunden sind, dieses Verhalten, das Dogen vorschreibt, längst selbstverständlich ist: Platz anbieten, pünktlich kommen, mit dem Essen warten... Nun, habe ich mich wohl wieder einmal getäuscht. Passiert mir ja nicht zum ersten Mal.

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