Donnerstag, 11. März 2010

Die Freundschaft zwischen Sawaki und Katô Rôshi (Teil 1)

[Arthur Braverman machte im Antaiji, dem Tempel Sawakis, Zazen. Jetzt hat er einen biografischen Roman über die Freundschaft Sawaki Rôshis zum Rinzai-Meister Kôzan Katô Rôshi verfasst. Im Folgenden ein Ausschnitt aus dem Roman, übersetzt von Susanne König. Katô verbirgt sich hier hinter dem Ich-Erzähler Sanjiro/Tokujoo.]

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Ich wurde 1876 in einem Bergdorf nahe Nagoya geboren, als viertes von zehn Kindern. Mit sechs Jahren beschloss Vater, ein Unternehmer, mit uns nach Nagoya zu ziehen, um in das Sake-Brauereigeschäft einzusteigen. Er war ein strenger Mann, dessen Entscheidungen wir Kinder nicht in Frage zu stellen hatten. Als das Geschäft Konkurs ging, wurde er noch ernster und reservierter. Als er dann eines Tages zu mir kam und sagte: „Sanjiro, ich werde dich zu einem Fest anlässlich des Baus der neuen Brücke mitnehmen“, war ich ganz aufgeregt – Vater hatte seinen dritten Sohn ausersucht, mich, nicht Ichiro oder Jiro, meine beiden älteren Brüder, sondern mich. Ich wollte ihn fragen, warum meine älteren Brüder nicht mit uns kamen, hatte aber Angst, er könnte seine Meinung ändern und anstatt mir einen von ihnen mitnehmen. Also blieb ich still. Ich war damals neun Jahre alt.
   Ich hätte etwas ahnen müssen, als er mir den Kopf rasierte, bevor wir zu dem Fest gingen, aber selbst wenn ich etwas Merkwürdiges vermutet hätte – man stellte Vaters Handeln nicht in Frage; das hatte ich zuvor schon getan, viele Male, nur um zum Schweigen gebracht zu werden. Schließlich hatte ich gelernt, ihn nicht auszufragen. Wir fuhren zu dem Fest in einer Rikscha, für mich das allererste Mal, eine wahrhaft aufregende Fahrt.
   „Möchtest du Zuckerwatte?“, fragte Vater als wir bei dem Fest ankamen. Es gab Stände, an denen Süßkartoffeln verkauft wurden, gestoßenes Eis mit Sirup, gebratener Oktopus und Zuckerwatte.
„Na klar“, sagte ich. Vater schien gute Laune zu haben, ganz anders als der Mann, den ich kannte.
   Er kaufte mir Zuckerwatte, und dann folgten wir der Menge über die neue Brücke. Die vom Wasser kommende Brise fühlte sich kalt an auf meinem kahlen Kopf. Wir erreichten die andere Seite und liefen weiter; doch niemand folgte uns.
   „Wohin gehen wir, Vater?“
   Er sagte nichts, gab mir nur ein Zeichen, ihm zu folgen. Er lief und lief. Meine Füße begannen zu schmerzen. Ich fragte mich, was mit der Rikscha geschehen war.
   „Meine Füße tun weh“, sagte ich.
   „Hör auf zu jammern.“ Er war wieder der alte strenge Vater, den ich kannte. Mir war der Spaß vergangen.
   Bald erreichten wir den Tempel. Ein Priester stand am Tor. Vater nannte ihn Doya Osho. Sie unterhielten sich eine Weile, und dann wandte sich Vater mir zu.
   „Du wirst hier bei Osho leben“, sagte er.
   Doya Osho hatte viel mehr Falten in seinem Gesicht als Vater. Er lächelte mich an, etwas, das Vater selten tat. Er schien freundlich zu sein, aber ich wollte nicht bei ihm leben. Tränen traten mir in die Augen.
   „Heul nicht“, sagte Vater mit einem Stirnrunzeln. „Große Jungen weinen nicht.“ Er warf mir jenen strengen Blick zu, der bedeutete: Du hast mich gehört, nun gehorche. Dann sagte er noch etwas zu Doya, das ich nicht hören konnte, drehte sich um und ging fort. Er sagte nicht „Auf Wiedersehen“. Ich holte tief Atem und hielt die Tränen zurück, bis Vater außer Sichtweite war. Dann weinte ich und weinte. Er hatte mich hinters Licht geführt. Der Tempel war weit weg von zu Hause, und ich hatte keine Möglichkeit, den Weg zurück zu finden. Warum brachte Vater mich hierher? Meine beiden älteren Brüder gingen bereits auf die Mittelschule, aber das war nicht der Grund. Ich erinnerte mich daran, dass er wütend auf mich wurde, weil ich zu viele Fragen stellte. Hasste er mich deswegen?
   Doya Osho zeigte auf die Schriftzeichen über dem Eingang zum Tempel. „Kannst du sie lesen?“, fragte er.
   Ich schüttelte den Kopf, noch immer mit Tränen in den Augen. Doya zeigte auf jedes Schriftzeichen; „Dai-e-ji“, sagte er. „Das ist der Name deines neuen Zuhauses.“ Das brachte mich nur noch mehr zum Weinen.
   Er legte seinen Arm um meine Schultern und führte mich in den Tempel. Egal was er tat, wie viel freundlich er als Vater auch war, er war nicht Vater, und ich wollte nur nach Hause.
   Wir betraten die Vorhalle, zogen unsere Schuhe aus und stiegen hinauf zu einem großen Raum auf der Vorderseite des Tempels. Ein Buchregal voller Bücher stand auf einer Seite des Raumes, eine Kalligraphie hing an einem niedrigen Balken über einer Schiebetür, die auf der Rückseite in einen anderen Raum führte, und ein Junge stand stramm an der Wand gegenüber des Buchregals. Doya stellte mich ihm vor. Sein Name war Eto; er sah ein paar Jahre älter aus als ich. Eto war auch ein Novize, der im Daieji-Tempel lebte. Ich wollte nicht, dass er mich für einen Schwächling hielt, also hörte ich auf zu weinen.

[wird fortgesetzt; Foto: Daihorinkaku]

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