Dienstag, 16. März 2010

Canisius und Phat Hue: Sex und Missbrauch in Kirche und Buddhismus (Teil 7)

In meinem Verlag wollte ich ursprünglich einen Themenschwerpunkt "Sexualität" ausbauen. Einige Buddhisten hat dies schon früh befremdet. Im Auge hatte ich vor allem den Reprint einiger Werke des von mir verehrten Sexualwissenschaftlers und Ethnologen Ernst Bornemann. Das scheiterte an diversen Dingen. Nichtsdestoweniger helfen mir seine Kenntnisse noch immer, die gegenwärtige Diskussion insbesondere um den Missbrauch in der katholischen Kirche einzuordnen. Zunächst muss man wissen, dass zwischen Pädophilie und ausgelebter Pädosexualität ein Unterschied besteht und die Fachwelt teils sogar fordert, die Pädophilie nicht mehr als "Störung der Sexualpräferenz (Paraphilie)" einzustufen, weil sie nicht an sich einen "Krankheitswert" hätte, sondern dieser von der Gesellschaft ausgelöst würde. Dann sollte man Metastudien wie die von Rind und Kollegen kennen, die ein überraschend anderes Bild von der Schädlichkeit solcher Taten, die als "Kindesmissbrauch" gelten, entwarfen - und genau die folgende, aufgebrachte Diskussion verfolgen, die im US-Senat zu heftigen Zensurmaßnahmen gegenüber der Studie führte. Das Thema polarisiert, und der Fachwelt stellt es sich oftmals durchaus anders dar als dem Fernsehzuschauer oder dem einzelnen Betroffenen. Nach Coxell et. al. (1999) übersteigt etwa die Zahl freiwilliger Kontakte von Jungen zu Erwachsenen (knapp 8 % der Bevölkerung) die der unfreiwilligen (knapp 6 %) - und damit natürlich auch die Bewertung ihrer Erfahrungen. [Das Interesse an geschlechtsreifen männlichen Jugendlichen, das sei vorab auch noch gesagt, heißt in der Fachsprache Ephebophilie, das an geschlechtsreifen weiblichen Jugendlichen Parthenophilie; Geschlechtsreife heißt nicht immer auch "Legalität" - die Geschlechtsreife von Mädchen liegt inzwischen in unserem Land durchschnittlich bei unter 12 Jahren!]

Gestern abend lief ein Themenschwerpunkt zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche auf 3sat. Die große Gefahr besteht nun darin, wieder einmal zu verschleiern, wie verbreitet die sexuelle Erregbarkeit durch Kinder in der Bevölkerung ist. Zum einen werden die meisten pädosexuellen Taten innerhalb des Familienkreises begangen - eine Erregung durch die eigenen oder blutsverwandte Kinder bedarf jedoch (auch wenn das Tabu selbst erregend sein kann) der Überwindung einer besonderen Hemmschwelle. Erregt werden kann also nur, wer latent pädosexuell ist. Wer durch ein Kind nicht erregt wird, der wird es nicht penetrieren können, weil er keine Erektion bekommt. Macht man sich das einmal deutlich, dann nutzt eine geschätzte Zahl von 1 % Pädophilen in der Gesamtbevölkerung dieser Debatte nicht. Tatsächlich ist, wie man auch durch Vorlage von erotischen Kinderbildern bereits wissenschaftlich testete, ein  erheblicher Anteil der Männer (und wohl auch Frauen) durch Kinder sexuell erregbar. Dies will man natürlich nicht laut sagen, sondern das Problem auf die Pädophilen abschieben, eine scheinbar kleine Minderheit. Ich werde aufzeigen, wie fatal dies ist. Wobei zu beachten ist, dass der PädoPHILE sich häufig als nicht-pädosexuell versteht. Es sind also gar nicht die (strukturiert genannten) Pädophilen - eine wirkliche, echte Minderheit -, sondern die Pädosexuellen, von denen wir reden müssen. Und die sind keine so kleine Minderheit.

Fasst man die pädosexuelle Neigung als eine von vielen, etwa eine dritte neben der hetero- und homosexuellen (und ihrer Mischform) - auf, und zwar als eine ausschließliche Fixierung auf Kinder, so ist in unserem gesellschaftlichen Rahmen keinerlei legale Möglichkeit gegeben, diese Neigung auszuleben. Im Gegenteil wurden in den letzten Jahren zunehmend auch Ersatzhandlungen (wie das Erregen über Pornographie) quasi verboten. Es ist deshalb geradezu vorprogrammiert, dass Pädophile sich Berufe und Tätigkeiten suchen, in denen sie mit Kindern Kontakt haben, und zwar möglichst unter großem Vertrauensvorschuss, also etwa in geistlichen Berufen, als Sporttrainer usf. Und das in zunehmenden Ausmaß, aufgrund zunehmender Restriktionen der Gesetzgeber. Einige der Pädophilen werden dann pädosexuell aktiv. Im Vatikan(staat) ist das wohl auch die Ursache dafür, dass man das Schutzalter vorsorglich auf 12 Jahre festgesetzt hat - das niedrigste in der Welt außerhalb einer Ehe.

Wenn nun jemand glaubt, man könnte durch die Aufhebung des Zölibats dieses Problem lösen, so hat er sich wahrscheinlich getäuscht. Der ausschließlich Pädosexuelle kann nicht durch Erwachsene erregt werden und sexuelle Erfüllung finden. Und wie wir von Familienvätern wissen, die sich als ausschließlich heterosexuell definieren und dennoch ihre eigenen Töchter penetrieren, hindert eine Ehe auch niemanden daran, bei Gelegenheit die nur latenten pädosexuellen Gelüste auszuleben. Wenn die Aufhebung des Zölibats den Missbrauch der Sexualität eindämmen soll, dann muss zunächst sowohl dem homo- als auch dem pädosexuellen Priester eine Alternative aufgezeigt werden. Ist die Alternative nur die Ehe mit einer Frau, wird sie zu keiner Abnahme der Skandale führen. Zu glauben, dass lediglich die sexuelle Not von Priestern zu den Übergriffen auf Kinder führe, das eben ist ein Leugnen der oben genannten Tatsachen über die Verbreitung der Erregbarkeit durch Kinder und das gezielte Ansteuern des Priesterberufes durch Pädosexuelle (und "strukturierte" Pädophile).

Das gleiche Problem besteht folgich in der unterdrückten Liebe zwischen Erwachsenen. Wenn ein buddhistischer Mönch aus Asien eine homosexuelle Beziehung eingehen möchte, heißt "seine" Gesellschaft dies nicht für gut. Er wird also seine sexuelle Beziehung geheimzuhalten suchen. Wenn er promiskuitiv ist - also viele Partner wünscht -, dann wird er auf andere Mönche übergreifen. Dazu bedarf es nicht einmal eines sexuellen Überdruckes, das ist gewissermaßen seine Natur. Wird diese nicht innerhalb seines Familien- oder Kulturkreises akzeptiert, wird er einen Beruf wählen, wo er durch den Vertrauensvorschuss die Möglichkeit hat, seine sexuelle Ausrichtung zu kaschieren. Natürlich führt die Hierarchie auch im buddhistischen Kloster bei einigen zu einer Art Größenwahn und einer Neigung, sich nicht mehr um einvernehmlichen Sex zu bemühen oder schlicht die eigene Macht zur Durchsetzung von Interessen zu missbrauchen. Auch dies wird nicht allein durch die Abschaffung des Zölibates bereinigt, sondern durch die Abschaffung der Hierarchie, also letztlich durch das Beseitigen eines übergeordneten Priester- und Nonnenstandes. Wir sprechen hier also von strukturellen Problemen, die religionsübergreifend bestehen und sich tatsächlich auf jegliche Art von sexueller Präferenz ausdehnen lassen.

Kinder bedürfen der aufmerksamsten Fürsorge. Wer das weiß, sorgt also für besonders gute Kontrollen von Berobten und vertraut ihnen so wenig Kinder an wie möglich. So lange Pädophile oder vielmehr Pädosexuelle nicht transparent und offen ihre Partnerwahl ausüben können, werden sie immer wieder einen Deckmantel finden, unter dem es versteckt geschieht. Dies untergräbt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch die Möglichkeit einer Einvernehmlichkeit - soweit diese Kindern überhaupt zugestanden wird. Der verbreitetste und Erfolg versprechendste Deckmantel ist in dieser Hinsicht die Robe. Mit etwas Weitblick besteht eine Lösung jedoch nicht allein in der Abschaffung des Zölibates und des Priesterstandes, sondern in der Akzeptanz von sexuellen Präferenzen, für die unsere Gesellschaft einen adäquaten Rahmen schaffen müsste. Ohne diesen Rahmen werden auch in Zukunft Pädosexuelle stets solche Berufe bevorzugen, wo wir nun gerade unsere Kinder in Sicherheit wägen möchten.

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