Samstag, 6. März 2010

Gut und Böse -
Teisho von Kodo Sawaki Roshi

Die menschliche Rasse hebt sich durch ihre Intelligenz und ihre handwerklichen Fähigkeiten hervor, mit der sie alle Arten von Maschinen herstellen kann. Sie mögen es auch, einander zu bekriegen, und sie verwenden ihre Sprache mit Geschick. Um es einfach auszudrücken, die Menschen sind mit vielen Talenten ausgestattet. Unglücklicherweise scheint es, als ob viele diese Fähigkeiten nicht zu nutzen wissen.

Ein Sprichwort sagt: „Nutze deine Talente in vollem Umfang.“ Ich würde sogar sagen, dass es notwendig ist, unsere Talente bestmöglich einzusetzen. Ein Betrüger setzt seine Talente schlecht ein, ebenso der Kredithai und auch der Mann mit seinen drei Ferienhäusern und vielen Mätressen! Jeder einzelne von uns ist auf seine Art ein Beispiel für schlecht eingesetzte Fähigkeiten. Wenn ich mit mir selbst anfange und einen genauen Blick auf mich richte, dann sehe ich, dass auch ich mittelmäßig bin. Diejenigen, deren Weg ohne Verfehlungen ist, sind extrem selten.
Wenn man das Beste aus seinen Fähigkeiten macht, ist man auf dem besten Weg, sich mit Buddha oder Gott zu identifizieren.
An erster Stelle würde ich sagen, dass man sich selbst bis ins tiefste Innerste kennen sollte. Dann sollte man sich das Beste in einem Selbst bewusst machen und die Leidenschaft, die uns verleitet, unsere Talente nicht voll zu nutzen, abschneiden. Genau so, mit dem geschärften Schwert der Weisheit in der Hand, müssen wir unseren eigenen Gipfel erklimmen, bis zum höchsten Licht, das das gesamte Universum enthält. „Das Schwert der Weisheit ergreifen“ heißt, die menschlichen Fähigkeiten bis aufs Äußerste zu nutzen.

Eines Tages, vor langer Zeit, sah jemand, wie Shariputra in ein Feld urinierte. Der Mann, der ihn sah, hatte dabei eine solch kraftvolle Erfahrung, dass er sich spontan verbeugte. Die Geschichte besagt, dass er in diesem Augenblick die wahre Natur Buddhas gesehen hat.
Es scheint, dass der bloße Anblick Shariputras beim Urinieren tiefen Respekt wecken kann. Ob wir nun Zazen praktizieren oder Sutras lesen, wir sollten Respekt empfinden. Das Gleiche gilt für unsere alltäglichen Handbewegungen, wie Essen oder Urinieren, denen wir normalerweise keine große Beachtung schenken. Auf diese Weise fließen unzählige Wohltaten von jedem Augenblick unseres täglichen Lebens – wie bei Drachen und Elefanten, die stampfen und spielen, ohne je den Dharma hören zu müssen. 

Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann sehe ich, dass ich alles hätte sein können. Als ich jung war, wollte ich viele unterschiedliche Dinge tun. Ist es nur Zufall, dass ich Mönch geworden bin und all meine Energie darauf verwendet habe? Ich hätte auch beim Eisenbahnbau arbeiten können. Tagein, tagaus hätte ich meine Hacke geschwungen, um die Erde umzugraben; und wenn ich nachts weggegangen wäre, dann hätte ich viel Sake getrunken. Ich hätte auch dieses Leben gemocht, vor allem, weil es mein Leben gewesen wäre. Ich hätte auch ein Sänger sein können (weiß nicht, ob ich darin wirklich gut gewesen wäre), oder ein Geschichtenerzähler. Ich hätte alles werden können, ein guter Mensch oder ein Betrüger. Ein Leben ist wie ein Schraubstock, es kann dies oder das halten, es hat viele Verwendungsmöglichkeiten. Das Gleiche gilt für die Illusionen und das Erwachen.
Der Mount Fuji gilt als großer Berg, wenn man ihn jedoch von der Spitze des Himalaya betrachtet, dann wirkt er ziemlich klein. Es heißt, der Pazifische Ozean sei riesig, aber er ist nur ein Teil der Erde. Vom Universum aus gesehen sieht er aus wie ein Fußbad. (Er ist nicht unergründlich; wir wissen ja, wie tief er ist). Es ist schwer, sich den Menschen als winziges Tier vorzustellen. Durch ein Mikroskop gesehen sieht eine Amöbe aus wie ein Taucher, der auf dem Grund eines Sees schwimmt. Sie kann nicht mal die Ränder des Objektträgers sehen, auf dem sie schwimmt. Für sie ist er so groß wie der Ozean. Zu sagen, etwas ist groß oder klein, heißt etwas mit einer gestörten Sicht zu betrachten. Es liegt an einem Selbst, die Welt aus verschiedenen Positionen zu sehen.
Doch was macht diese kleinen Menschen in ihrer winzigen Welt eigentlich glücklich? Sie mögen es, Spaß zu haben und Geschenke zu erhalten. Sie betrachten eine Geburt als fröhliches Ereignis (obwohl es eine Katastrophe werden könnte, wenn das Baby entstellt ist oder ein Nichtsnutz wird), und eine Heirat als Grund für Glückwünsche (obwohl sie nicht wissen, ob der Ehemann einmal als unheilbarer Alkoholiker enden wird). Freud und Leid sind relative Begriffe, unbestimmt und trügerisch. Nichts ermöglicht es, irgendwem mit Sicherheit zu sagen, dass dieses Ereignis ein fröhliches und jenes ein trauriges ist. Das Gute trägt immer das Böse in sich und umgekehrt. Deshalb:

Die Wahrheit hat keine Grundlage,
die Wurzel der Illusion ist leer.
Durch das Abwerfen von Haben und Nicht-Haben,
wird die Nicht-Leere leer.
Das ganze Universum ist in diesen beiden Versen enthalten.
Das Gute und das Böse haben nie existiert.
Somit bewahrheitet sich Shinrans Bemerkung:
Sei nicht stolz auf die Tugend,
hab keine Angst vor dem Bösen.
Alle Menschen sind, ohne Ausnahme, weder gut noch böse. 

[übersetzt von Katrin Hugo]

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