Montag, 6. September 2010

Warum Sutren gefährlich sind

Was ist die Gefahr von Sutren? Dass sie uns der Realität entfremden. Dies geschieht auch im Mahayana. In den vergangenen Tagen las ich im "Goldglanz-Sutra" (Suvarnaprabhâsa), dass von Dr. W. Radloff aus dem Uigurischen (!) ins Deutsche übersetzt wurde (Osnabrück 1970, Neudruck der Ausgabe von 1930, über die Fernleihe zu bekommen). Neulich zitierte ich noch eine Stelle aus dem Sutra, die ich ganz gut fand. Bei genauerem Hinsehen  entdeckt man in dem Sutra jedoch auch eine Menge Unfug, den man auch aus anderen Schriften der buddhistischen Überlieferung kennt. Dort heißt es u.a.:

   1) "Da wir alle, bevor wir als Thiere geboren wurden, in der Menschen-Existenz Übelthaten begangen hatten, sind wir dieses Mal in der Thier-Existenz wiedergeboren worden. Wenn die Zahl der Jahre und Monate der Büssung für unsere Schuld und Sünden erfüllt und vollendet worden wäre, so hätten wir unsere jetzigen Körper verlassen und würden wiederum in der Menschen-Existenz wiedergeboren worden sein." (S. 3)
   Diese Einstellung findet man auch in anderen Sutren. Das Tier wird damit zu etwas Minderwertigem degradiert und es wird tatsächlich behauptet, ein Mensch könne als Tier wiedergeboren werden und ein Tier als Mensch. Sollten wir darüber nicht lachen? Zen als Wahrheit "außerhalb von Schriften" heißt auch: Solch einen Unsinn müssen wir nicht unterschreiben.

   2) "Es mögen alle Lebewesenkinder durchaus keine bösen schlechten Stimmen vernehmen! Dem Auge widrige nicht ersehnte schlechte Gestalten mögen sie nicht sehen! Alles möge in Bezug auf Gestalt und Äusseres schön sein!" (S. 61)
   Unfassbar! Ja, solch eine Welt wäre "schön", doch was hat sie mit unserer zu tun? Diese Textstelle zeigt uns lediglich, wie normal, illusorisch und verkommen auch die Sutrenschreiber waren.

   3) "Die Bodhisattvas ... versenken und üben sich in dem Dhyâna, welches 'die Hungersnoth, das Elend, die Krankheiten und Seuchen und die übrigen Drangsale und Leiden Anderer Vernichtende und das Bereiten der Ruhe und Freude' genannt wird." (S. 106)
   Zum einen ein Größenwahn, an solche Kräfte zu glauben, zum anderen die Gefahr, dass der Meditierende meint, die größten Sorgen der Menschen würden sich schon richten, wenn er sich nur versenkt. Das tun sie nicht. Selbst wenn sie ihm nichts mehr ausmachten, anderen schon.

   4)  "So beeilen sich die Bodhisattva in der Zeit der drei Asamkhya der hundert Mahâkalpa für die Bettler und Bittsteller sich ihre Köpfe abschneiden zu lassen, sich ihre Augen ausstechen zu lassen, ihre Haut schinden zu lassen, ihre Knochen zerbrechen zu lassen ..." (S. 123)
   Diese Stelle zeigt uns, dass es auch damals schon pathologische Masochisten gab. Das ist gefährlicher Unsinn. Und ich wette, niemand kennt einen solchen Bodhisattva. 
   Zugleich zeigt diese Stelle auch, wie man beliebig zu den eigenen Gunsten aus Sutren zitieren kann. Ich könnte nämlich genau dieses Zitat denjenigen vorhalten, die meinen, sie könnten einer Organspende nicht zustimmen, weil sie ja vielleicht noch ein Bewusstsein haben, wenn der Arzt meint, sie hätten keins mehr. Dann stünde da oben nämlich eindeutig, wozu ein Bodhisattva schon lebend bereit sein muss, wieviel mehr also erst, wenn er im Koma liegt?

   Das Zitieren aus Sutren, so stellte es sich mir in den letzten Jahren in Foren und auf Mailinglisten dar, ist oft nichts anderes als Sophisterei. Das Abschwächen ehemals drastischer Bilder zu schwächeren  modernen Metaphern und Gleichnissen ist eine Gratwanderung, ebenso der Versuch, das vor vielen hundert Jahren Gesagte auf ganz andere Lebensumstände im Hier und Jetzt anzuwenden.

(Wer dennoch daran glaubt, der möge übermorgen die unverfänglichsten Worte des Sutras lesen, nämlich die Dhârani-Formeln, die den zehn Stufen der Versenkung entsprechen.)

1 Kommentar:

  1. Hier eine Geschichte aus dem Taoismus:

    Chuang-tzu – Innere Lehren
    Das Nicht-Überlieferbare - Totes und lebendiges Wissen

    Herzog Huan von Ch'i saß oben im Saal und las in einem Buch. Der Stellmacher P'ien arbeitete unten im Hof an einem Rad. Er legte Hammer und Meißel beiseite, stieg hinauf in den Saal und sagte zu Herzog Huan: »Dieses Buch, das Eure Hoheit da lesen - darf ich wohl fragen, wessen Worte darin stehen? «
    » Die Worte der Weisen ", sagte der Herzog.
    »Leben die Weisen noch? « sagte P'ien.
    »Sie sind schon lange tot«, sagte der Herzog.
    »Ja - dann ist das, was Eure Hoheit lesen, nur der Abfall, der von ihnen übrigblieb! « sagte P'ien.
    »Seit wann ist es einem Stellmacher gestattet, sich kritisch über das zu äußern, was ich lese? « sagte Herzog Huan. »Wenn du eine Erklärung dafür hast, lasse ich' s dir noch durchgehen. Wenn nicht, bist du des Todes! «
    Stellmacher P'ien sagte: »Ich betrachte die Sache vom Standpunkt meiner Arbeit aus. Wenn ich beim Radmachen mit dem Hammer zu schwach zuschlage, rutscht mir der Meißel ab und greift nicht. Schlag' ich aber zu kräftig zu, dann steckt er gleich fest und läßt sich nicht mehr bewegen. Nicht zu schwach und nicht zu kräftig - die Hand bekommt ein Gespür dafür, und innerlich stimmt man sich darauf ab. Es läßt sich nicht in Worte fassen, und doch ist irgendein besonderer Trick dabei. Ich kann ihn meinen Sohn nicht lehren, und er kann ihn nicht von mir lernen. So bin ich denn schon siebzig Jahre und mache auf meine alten Tage immer noch Räder. Diese Männer aus längst vergangener Zeit nahmen alles Wissen, das sich nicht weitergeben ließ, mit ins Grab. Also kann das, was Eure Hoheit da lesen, nur der Abfall sein, der von ihnen übrig blieb. «

    Alles Gute
    Giri

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