Dienstag, 7. September 2010

Angkor 2001

(Zwischen 1999 und 2001 wurde der Angkor Verlag gegründet, der seinen Namen den Erlebnissen in Kambodscha verdankt.)

Mit 35 Kilogramm Brillenspenden im Gepäck flog ich diesmal direkt nach Siem Reap, auch wenn aufgrund eines Monopols von Bangkok Airways die Preise für die Flüge aus Bangkok völlig überzogen sind. Dafür hatte man mich das Übergepäck kostenlos in die Propellermaschine mitnehmen lassen. Wir flogen knapp über einer Wolkendecke, Blitze zuckten um uns herum. Ich fragte mich, warum dieser Fall nicht auf meiner Videokassette gegen Flugangst behandelt wurde. Bei der Landung bizzelte es plötzlich heftig an der Stelle, an der die Nase in die Stirn mündet. Später erklärte mir mein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, dass diesem harmlosen Phänomen mit Nasentropfen (nicht Meerwassersprays) vorzubeugen wäre, es aber in manchen Fällen auch auf eine Nervenreaktion von der Halswirbelsäule aus zurückzuführen sei, die durch die Veränderung der Druckverhältnisse im Flieger bewirkt würde.
   Die Brillenspenden lösten den Anfang einer Serie von Enttäuschungen aus. Ich brachte etwa einhundert Gestelle ins Provinzkrankenhaus und erfuhr zwei Tage später, dass sie nicht etwa umsonst an die Bürger verteilt, sondern verkauft würden. Den Angestellten in meinem Hotel bot ich an, sich je eine Brille zu nehmen. Als ich von einem Tagesausflug wiederkam, war der halbe Karton leergeräumt. Dann fuhr ich mit einem Rucksack voller Gläser nach Angkor hinein. An den Ständen der Verkäufer versammelten sich schnell alte Menschen, die die Gläser an sich nahmen. Ich erklärte ihnen, dass man nur die Brille nehmen solle, die einem hilft, und sie verstanden, dass sie die Gläser sorgsam ausprobieren mussten. Dennoch griffen sich einige Kinder gleich mehrere Gestelle und rannten davon. Ich bekam den Tipp, in Tempel zu gehen, weil dort alte Menschen Zuflucht fanden. In dem Gebäude hinter der „Elefantenterrasse“ (beim Bayon) traf ich ein, als die Mönche gerade ihr Essen beendet hatten. Ein paar Jungen warteten schon darauf, die Reste davon zu verspeisen. In einer Ecke saßen Nonnen, die dankbar nach der passenden Gläserstärke suchten. So war’s schon besser. 
   Die Kinder hatten sich verändert. Ihre Forderungen waren aggressiver geworden. „Mister, one dollar“, sagten die Jungen. Joost, der ein Kinderkrankenhaus leitete, meinte zu mir, die Kinder würden sich dabei sicher keine großen Gedanken machen. Warum aber rufen sie nicht „Praam Roi“, wie die Nonne, sondern wollen gleich das Achtfache, einen ganzen durchschnittlichen Tagesverdienst für nichts? Ein anderes Kind, das bei Straßenbauarbeiten mithilft, kann am Ende eines schweißtreibenden Tages mit der gleichen Summe zufrieden sein, ein Maurer in der Stadt erhält anderthalb Dollar.
   Mit einer unangenehmen Selbstverständlichkeit brach man gegebene Versprechen. Einigte man sich per Handschlag mit einem Pickup-Fahrer darauf, zu einem bestimmten Preis mit Khmer-Freunden den Innenraum auf der Fahrt nach Phnom Penh teilen zu können, informierte einen am Tag  der Abreise der gleiche Fahrer, dass es nun zehn Dollar mehr koste. Solches passierte mehrfach, und im Gegensatz zu Thailand, wo man sich flexibel beim Handeln zeigt und einem Touristen eher hinterherläuft, als gar kein Geschäft zu machen, verhielten sich die Pickup-Fahrer in Kambodscha absolut stur. Dabei war klar, dass sie von Einheimischen deutlich weniger bekämen. Als schließlich auf einer Bootsfahrt nach Battambang statt des angekündigten Speedboots nur ein lahmer Kutter, der zweieinhalb Stunden länger dorthin benötigte, zur Auswahl stand und ich deshalb die Hälfte meines Einsatzes, immerhin einhundert Dollar, zurückverlangte, erlebte ich nicht nur, wie leichtfertig Khmer die Verantwortung auf andere schieben. Es bestätigte sich auch die Erfahrung vieler Südostasienreisender, dass bei Schwierigkeiten solcher Art die Behörden stets auf der Seite ihrer Landsleute stehen. So wurde ich bei Gericht gefragt, wie viel ich denn zahlen würde, damit der Fall zur Verhandlung käme.
   Die Tante von Ron bot sich an, einen Bekannten um seinen Pick-Up zu bitten. Sie wollte gerne umsonst mitgenommen werden. Ich willigte ein. Wir fuhren in die Stadt, der Bekannte kam herbei und wollte mich ebenfalls über den Tisch ziehen. Die Verhandlungen wurden abgebrochen, Rons Tante schwang sich auf ihr Moped und brauste heimwärts. Es war schon dunkel geworden, und da ich in der Stadt schlief, wäre es besser gewesen, wenn sie Ron und ihre Freundin mit ins Dorf zurückgenommen hätte. Ich fragte Ron, was das für ein seltsames Verhalten sei und warum ihre Tante gar nicht an sie dächte. Ich würde sie zwar gern nach Hause bringen, fände das Wegbrausen ihrer Verwandten aber doch recht egoistisch. Schon lief Ron wütend davon und nahm sich ein Mopedtaxi. Am nächsten Tag hatte sich die Sache bis in ein Nachbardorf herumgesprochen, wo man mich ausgesprochen freundlich und verständnisvoll aufmunterte.     
   Als ein mitgereister Kumpel sein Wochenticket verlängern wollte, für das er immerhin schon sechzig Dollar hingeblättert hatte, war das nicht mehr möglich. Ich hatte zwei Jahre zuvor noch für zwanzig Dollar mehr eine Verlängerung auf einen Monat erhalten, er musste nun für vier zusätzliche Besuchstage von Angkor nochmals sechzig Dollar zahlen. Als ich den Vorschlag machte, den Getränkestand von Sara, einer Freundin Saans, unter einen wunderschönen, riesigen Baum zu bringen, statt ihn meterweit von der Elefantenterrasse entfernt ins Abseits zu stellen, erfuhr ich von den widerstreitenden Kräften in Angkor. Die Polizei, die von den Ständen monatlich eine Gebühr kassierte, lag im Clinch mit der Apsara Authority, die für das Erheben von Eintrittsgeldern und den Schutz der Denkmäler zuständig ist. Würde man Saras Stand umsetzen, so ein Polizist, den ich mit der Aufsicht auf mehr Profit ködern wollte, dann würde die Apsara Authority das sofort reklamieren. Ein fotografierender Tourist hatte sich schon einmal beschwert, dass die Sonnenschirme der Stände mit ihrer Markenwerbung Aufnahmen der Tempelgebäude stören würden. Die Apsara Authority will nun die Zahl der Stände limitieren und kontrollieren. Auf der anderen Seite sind neue entstanden, weil nun auch in den Tempeln die Eintrittskarten kontrolliert werden. Kinder, die einem früher Luft und ein paar Informationen zufächelten, sind dort nicht mehr gern gesehen. Auch sie mussten stets der Polizei ihren Obolus entrichten. Inzwischen werden draußen Linien gezogen, die die Stände klar voneinander abgrenzen und vorgeben, wie weit sich die Verkäufer auf Touristen zubewegen dürfen. Den Fremden entgegenzulaufen ist nicht mehr gestattet, Zurückhaltung angesagt. Mit all diesen Restriktionen ist ein großer Teil des Charmes von Angkor und seinen Bewohnern verloren gegangen; nur ein kleiner Teil seiner nervigen Aspekte wurde beseitigt. Nicht jedem sind die robotergleich ihre Verkaufssprüche wiederholenden Kinder im Schlepptau erträglich gewesen, wollen sich doch viele Touristen mit Büchern in der Hand konzentriert der Betrachtung von alten Reliefs und Steinfiguren widmen. Mir gelang es, einen Kompromiss zu finden. 
   Als ich vor Angkor Wat zu sehr von nörgelnden Kindern belagert wurde, schimpfte ich, sie hätten kein Benehmen. Am nächsten Tag kamen sie nach und nach an den Tisch, an dem ich meine Cola schlürfte, setzten sich zu mir, malten mir Bilder mit ihren Namen darauf und sangen gefühlvolle Lieder. Ein kleines Mädchen berichtete stolz, dass ein Freund ihrer Familie sie mit nach Amerika nehmen wolle. Ihr Englisch war erstaunlich flüssig, so dass ich Zweifel daran bekam, ob es überhaupt richtig war, die Kinder in der Schule zu unterrichten und mich fragte, ob es nicht effektiver wäre, sie dort zu lehren, wo sie auch arbeiten. Das Mädchen hatte sich ihre Sprachkenntnisse auf all den Ausflügen mit dem Amerikaner angeeignet, der beruflich in Kambodscha war. Dann wischte mir ein Mädchen mit ihrer bloßen Hand den Schweiß von der Stirn. Ich denke noch heute an diese einfache und tiefe Geste. Die Khmer haben eine eigene Art, nur Gutes zu sprechen. Sie vermeiden geschickt böse Worte. Es tat mir leid, dass bei diesem Aufenthalt so viele kulturelle Spannungen auftauchten. Ich sprach kein Khmer und konnte nicht darüber kommunizieren. Viele Probleme blieben einfach unerledigt im Raum stehen. Nur durch die Kinder keimte immer wieder Hoffnung auf. Am Tag darauf testeten sie, ob ich all ihre Namen behalten hatte. Dann wollte jemand auf meinem Leihmoped Fahren üben. Schließlich kamen wieder alle herbei, und wie durch ein Wunder bauten wir während der folgenden Fahrstunden nicht einen Unfall.

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