Freitag, 10. September 2010

Konfuzianische Kritik am Zen

   Da bemerkte einer:
"Das war noch nicht alles, was jener Gelehrte gegen Euch erhoben hatte. Er erzählte außerdem von einem Zen-Mönch. Dieser sagte, dass er seit nunmehr fünfzehn Jahren danach trachte, die Selbst-Natur zu schauen (見性), und dazu Sitzmeditation praktiziere; doch bis heute sei es ihm noch nicht gelungen.* Wenn man es aber erreiche, dann müsse man vor Freude wohl in die Luft springen. Wenn jetzt aber jemand kommt und erzählt, das Herz sei leicht zu verstehen, dann müsse dieser jemand wohl ein Blender sein. Das aber ist es doch, was Ihr behauptet. Ihr sagt, dass keine besonderen Anstrengungen nötig sind; es reiche, dem natürlichen Lauf der Dinge zu folgen. Auf diese Weise versammelt ihr Tag für Tag mehr Menschen um euch, die nun ihre Zeit verschwenden. Auch sagt ihr, dass ihr die Gründe (d.i. Ursachen und Wirkungen) sehen könnt. Doch sagte dieser Zen-Mönch, dass es ihm selbst nach fünfzehn Jahren noch nicht gelungen sei, das Wesen zu schauen. Wie kann jemand wie Ihr, der ohne Bildung ist, behaupten solches Wissen zu haben? Derart waren die Zweifel dieses Gelehrten; würdet Ihr dazu etwas sagen?"

   Ich antwortete: 
"Dass dieser Mönch noch nicht weit fortgeschritten ist, steht außer Frage. Sein Denken richtet sich nur darauf, wie das Mysterium (妙) zu erkennen sei. Als Sakyamuni bei Tagesanbruch den Morgenstern erblickte, erlangte er die große Erleuchtung (悟). Als jedoch Ling Yun aus China die Pfirsichblüten sah, erlangte er dadurch keine Erleuchtung. Nach der Erleuchtung sieht man den Mond als Stern; aber wie könnte man einen Pfirsichbaum wie einen Kirschbaum ansehen, solange man noch nicht erleuchtet ist? Ist es darum etwas Bedeutendes, wenn man ohne lebendige Erfahrung ist und das Herz noch nicht im Stand der Aufrichtigkeit steht, fünfzehn Jahre lang seinen Geist und seine Energie zu vergeuden?"

* Die „Schau der Selbst-Natur“ (kenshô) ist ein zentrales Anliegen des Zen-Buddhismus und Teil seines in vier Leitsätzen zum Ausdruck gebrachten Selbstverständnisse, nämlich (1) „eine besondere Lehre außerhalb der orthodoxen Überlieferungzu sein (kyôge-betsuden), (2) „Unabhängigkeit von den Schriften“ (furyû-monji), (3) direkt auf den Geist des Menschen zu verweisen (jikishin-ninshin) und (4) „Buddhawerdung durch Einsicht in die Selbst-Natur zu erlangen (kenshô-jôbutsu).

[aus Ishida Baigan (1685-1744): Gespräch zwischen einem aus der Stadt und einem vom Land (Tohi-mondô), übersetzt von Dr. Julian Braun.]

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