Dienstag, 21. September 2010

Die falschen Ansichten von Thich Nhat Hanh (II)

Es geht weiter. TNH konnte einst nicht an einen Baum pinkeln.
   5) S. 52: "In dem Augenblick, in dem ich auf den Baum zutrat, empfand ich so großen Respekt für seine Schönheit und Würde, dass ich mich nicht überwinden konnte, vor ihm zu pinkeln. Es schien mir unhöflich, ja respektlos zu sein. (...) Nachdem ich das Diamant-Sutra studiert hatte, erkannte ich, dass auch das Holz, die Fliesen und der Zement [im Badezimmer] wundervoll und voller Leben sind, und ich fühlte mich nun sogar unbehaglich, wenn ich meine eigene Toilette benutzte. (...) Inzwischen kann ich in der freien Natur pinkeln, mit großem Respekt für die Bäume, die Büsche und mich."
   TNH, ein Fall für den Psychologen? Eher befremdet hier sein Unwissen, seine Naivität. Kann man mit einer solchen den Buddha-Dharma überhaupt adäquat erfassen? Hat TNH nicht gelernt, dass Urin steril ist und er durchs Pinkeln dem Baum zu trinken gegeben hätte? Ich dachte, TNH hätte in Vietnam Berührung mit dem Landleben gehabt. Dort sammelt man die Ausflüsse von Tieren (Jauche) und verteilt sie als Dünger auf dem Feld, um die nächste Ernte zu verbessern. Das Diamantsutra ist jedenfalls alles andere als eine Pinkelhilfe.

6) S. 54: "Viele vietnamesischen Boat People hatten bei ihrer Reise auf hoher See nur eine Abschrift des Herz-Sutra bei sich. Rezitieren wir diesen Prajnaparamita-Text mit wollkommener Aufmerksamkeit, dann werden wir ohne Angst sein." 
   Hier endet TNHs betuliche Schilderung. Keine Rede von den Boat People, die das Herz-Sutra rezitierten und dennoch ertranken. Was war in diesem Fall entscheidender: dass sie womöglich keine Angst hatten, oder dass sie ertranken? Wir sollten hier aufpassen. Auch Taisen Deshimaru Roshi erzählte einmal, wie er - ebenfalls bei einer Überfahrt auf See - das Herz-Sutra rezitierte bzw. schrieb und darauf sein Überleben zurückführte. Dies ist nur sentimentales Gerede. Was uns das Herz-Sutra lehrt, ist etwas ganz anderes, es verweist nicht auf eine Abhängigkeit von sich selbst, sondern über sich hinaus: Zen ist die Wahrheit AUSSERHALB jeder Sutren. Es ist nicht möglich, durch Rezitieren des Herzsutras eine Welle von sich abzuwenden. Fast alle Scharlatane im Buddhismus erkennt man daran, dass sie - mehr oder weniger offen - Methoden zur Allmacht des Menschen daherreden oder gar lehren. Man kann solche Geschichten wie TNH und Deshimaru erzählen, aber man darf die Erzählung nicht an der falschen Stelle abbrechen.

7) Besonders beliebt machen sich buddhistische Lehrer gern in Sachen interreligiöser Dialog. Statt auf Unterschiede hinzuweisen, verwischen sie diese. TNH ist einer von denen, die nicht erkennen wollen, wie fundamental sich schon Theravada- und Mahayana-Buddhismus unterscheiden. Doch dazu gleich mehr. Zunächst sagt er übers Christentum (S. 78):
   "Bei seinem letzten Mahl zum Beispiel hielt Jesus ein Stück Brot in die Höhe, teilte es mit seinen Schülern und sagte: 'Freunde, esst dieses Brot. Es ist mein Fleisch, und ich reiche es euch dar.' Als er den Wein einschenkte, sagte er: 'Dies ist mein Blut, das ich euch darreiche. Trinkt es.' - Vor vielen Jahren traf ich einmal Kardinal Danielou in Paris, und ich sagte zu ihm: 'Ich denke, Jesus lehrte seine Schüler die Praxis der Achtsamkeit:'"
   Das ist allerhand. Auch hier übersieht TNH das wesentliche der Metapher: Fleisch und Blut. Zuallererst hätte er verstehen müssen, dass die Sprache von Jesus nichts mit TNHs Achtsamkeit zu tun hat, aus der dieser z.B. den Vegetarismus ableitet. Ich sage es noch einmal: Nicht Fruchtfleisch und Pflanzensaft, sondern "Fleisch und Blut". Doch die Zuhörer und Leser bevorzugen Harmonie, und TNH erschafft sie.

8) Und nun zum Klops des heutigen Tages. Es geht um die "Einmal-Wiederkehrer" und "Nie-Wiederkehrer". Dazu führt TNH auf S. 82 aus: "Doch in Wahrheit kommen wir von nirgendwoher und gehen nirgendwohin. Und darum sagen wir, dass eine solche Person ein Einmal-Wiederkehrender ist." 
   Sprachlich logisch wäre an sich ein "Nie-Wiederkehrender", doch hier wiederholt TNH den  untenstehenden Wortlaut aus dem Diamant-Sutra. Dieses wurde bereits in klarer Abgrenzung zu Theravada-Doktrinen verfasst, und man sollte genau verstehen, wo die alten Lehren abgelehnt werden und wo nicht.  Im Folgenden wird etwas anderes betont, nämlich, dass es niemanden gibt, der wiederkehrt. Die Stelle im Diamant-Sutra:

   "'Was glaubst du, Subhuti, denkt ein Einmal-Wiederkehrender: 'Ich habe die Frucht der Einmal-Wiederkehr erlangt'?'
   Subhuti erwiderte: 'Nein, Weltverehrter. Warum? Einmal-Wiederkehr bedeutet gehen und noch einmal wiederkehren; aber in Wirklichkeit gibt es kein Gehen, genauso wie es kein Wiederkehren gibt. Das meinen wir, wenn wir Einmal-Wiederkehrender sagen.'
   'Was glaubst du, Subhuti, denkt ein Nie-Wiederkehrender: 'Ich habe die Frucht der Nie-Wiederkehr erlangt'?'
   Subhuti erwiderte: 'Nein, Weltverehrter. Warum? Nie-Wiederkehr bedeutet nicht in diese Welt zurückzukehren; aber in Wirklichkeit kann es so etwas wie Nie-Wiederkehr nicht geben. Das meinen wir, wenn wir Nie-Wiederkehrender sagen.'"

TNH muss die korrekte Deutung dieser Textstelle ablehnen, weil er in seiner Lehre Theravada und Mahayana krude mischt. Was oben gesagt wird ist, analog zum gestrigen Punkt 4), dass sowohl 'Einmal-Wiederkehr' wie 'Nie-Wiederkehr' nur Konzepte ohne Substanz sind. Noch einmal: Die aus dem Pali-Kanon abgeleiteten Konzepte des "(Nicht)-Wiederkehrens" sind substanzlos. Es heißt nicht: Wir kommen nirgendwo her und gehen nirgendwohin. Vielmehr wird der Kreislauf der Wiedergeburten abgelehnt. Das Sutra besagt nämlich: Es gibt keinen, der wiederkehrt. Die Ausrichtung ist nicht auf Vergangenheit oder Zukunft, sondern auf das Hier und Jetzt. Der Erkenntnisweg könnte vielleicht so beschrieben werden:
 - Ich bin. (Illusion)
 - Ich bin nicht. (Erkenntnis der Leere)
 - Ich bin hier und jetzt (nichts). (Vereinigung der relativen mit der absoluten Erkenntnisebene)
 Wenn der erste Satz "1" wäre und der zweite "0", ergäbe sich im Grunde eine paradoxe Gleichung "1=0". Danach bestätigen wir das Leben, wie es ist.
 TNH kritisiert im Zusammenhang damit den Glauben an "eine Lebensspanne". Doch es ist nicht das Bewusstsein einer Lebensspanne, sondern das Festhalten am Selbst, das uns Probleme bereitet. Darum konnte mir einst ein weiser Obdachloser, als wir einem Plakat des Dalai Lama gegenübersaßen, auf die Frage, ob er an die Wiedergeburt glaube, antworten: "Oh nein, dann wäre dieses Leben ja sinnlos." Das heißt, Menschen können tatsächlich aus dem Glauben an "eine Lebensspanne" Trost beziehen statt Kummer. Halten sie jedoch am Selbst fest, ist dies der Grund für ihr Leiden.
   Die Kritik am Theravada ist viel schärfer, als uns TNH glauben machen will, wie wir auch morgen sehen werden.

Kommentare:

  1. Ich denke, man kann die Kritik viel einfacher ansetzen. Meiner Meinung nach lehrt er einfach etwas anderes als Buddha.
    Es gibt einfach 4 Säulen, vier Punkte, die in einer buddh. Lehre erfüllt sein sollen:
    Vergänglichkeit, dukkha, anatta/anatman, nibbana/nirvana.

    Die meisten Punkte davon spielen bei TNH keine Rolle. Ich weiß nicht, wie es in seinem Kommentar zu diamantsutra ist. Lehrt er da Anatman? Nirvana? In seinen anderen Büchern bin ich nicht darauf gestoßen. Was er möchte, ist eine friedvolle, achtsame Gesellschaft. Also eher so ein neuer Konfuzius oder Mo Di (womit ich nicht behaupten will, daß er deren Größe hat).
    Ein weiteres spannendes Werk ist sein Kommentar zum Amida-Sutra ((Finding our true home). Da findet man auch wieder ähnliche Ansätze. Wir sollten durch Achtsamkeit und Nächstenliebe dies Erde in ein reines Land verwandeln, und die Quelle, sozusagen jetzt schon reines Land (was ja laut Shinran nix anderes als Nirvana meint, und keinen Ort) ist seine Gruppierung, und deshalb sollte man an jedem Ort eine gründen.

    _()_
    Giri

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  2. nur so zum probieren: pinkel mal in den topf der zimmerpflanze und sie zu wie sie vom sterilen getränk eingeht.....
    hat aber jetzt nix mit tnh zu tun.
    wobei ich mich frag, was denn jetzt sooo schlecht an ihm ist? dass er für ein friedliches miteinander eintritt, dass er menschen zur besinnung rufen will. dass er nicht wie viele selbsternannte heilbringer reine länder verspricht und rassismus predigt?
    ich geb schon zu, dass seine deutungen manchem seltsam anmuten, aber haben wir nicht größere probleme? mir ist ein tnh der zum dialog, friedlichen miteinander von religionen und ehrfurcht vor allem aufruft tausend mal lieber als z.b. dänen die mit höllen drohen, wenn man sie nicht als gott anbetet.

    lg
    werner (noch nicht erleuchtet)

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  3. Wenn er sich nicht mit Zen in Verbindung brächte ...

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  4. Noch für die Unwissenden: Urin ist nicht mehr steril wenn er austritt. Er ist lediglich im Körperinneren steril. Studiere das nächste Mal lieber doppelt, bevor du inkorrekte Infos von dir gibst.

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  5. http://www.helpster.de/ist-urin-steril_213534

    Scrollen zu "So steril ist der Urin".

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  6. Steril ist er nur, solange er in der gesunden Blase ist. Sobald er in die Harnröhre tritt, ist das mit dem Steril vorbei, da dort genügende Bakterien sitzen. Ich habe diese Info von zwei Ärzten bekommen, was mit grosser Wahrscheinlichkeit verlässlicher ist, als eine Info vom Internet.

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  7. Auch das ändert nichts daran, dass TNH offenbar zu blöd ist, an einen Baum zu pinkeln.

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  8. Uiuiui geht es hier um die Sterilität von Körpersäften oder um die Buddha-Lehre?
    Ich möchte zweierlei Senf dazugeben :-)
    1. Dem Beitrag von "Anonym" vom Sept. 2010 stimme ich zu: TNH mag ein charismatischer Mann sein, der sich engagiert für eine friedliche Welt einsetzt und dabei Elemente des Buddhismus auch einbringt. Aber er lehrt nicht die Lehre des Buddha. Dazu genügt schon ein Beispiel: Geht es in der Lehre des Erwachten um den Weg zur Entreizung von allem Sinnlichen, zur Entsüchtung und letztlich zum Verlöschen im Nirvana ruft TNH dazu auf, aus sinnlichen Erfahrungen (Düften, Tönen, Gesehenem etc.) Glücksmomente zu ziehen und lehrt, wir "würden gar nicht sterben" als Trost.

    Davon abgesehen: Ja, man kann ihn kritisieren. Man kann es aber auch lassen, denn auch das gehört zu den urbuddhistischen Tugenden: sich nicht durch derartige Verstrickung in Kritik und Suche nach Fehlern seinen eigenen Geist der Ruhe zu berauben, sondern sich statt dessen auf die eigene Praxis zu konzentrieren. So heißt es in einer Lehrrede (man möge mir nachsehen, dass ich die genaue Nummer nicht weiß und sie mit eigenen Worten widergeben muss): "Sieht der edle Jünger einen Menschen, der (dieses oder jenes Unrecht) tut, denkt er bei sich: möge ich (dieses oder jenes Unrecht) nicht tun."

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