Donnerstag, 2. September 2010

Angkor 1999 (III)

    In Siem Reap fragte ich eines Abends einen Khmer auf der Straße nach dem Weg zum Krankenhaus. Er erkundigte sich, ob mir etwas fehle. Nein, meinte ich, aber ich hätte einige Medikamente dabei, die von der Behandlung meines krebskranken und inzwischen verstorbenen Vaters übrig geblieben waren, darunter ein paar starke Schmerzmittel. Da stellte sich heraus, dass mein Gegenüber Arzt in einem Kinderkrankenhaus war. Dieses Hospital sollte ein paar Tage später offiziell eröffnet werden. Es war von einem amerikanischen Fotografen japanischer Abstammung mithilfe finanzkräftiger Freunde gebaut worden, weil sich die medizinische Versorgung des Provinzkrankenhauses in Siem Reap katastrophal darstellte. Nachdem zu Zeiten der Roten Khmer, besonders zwischen 1975 und 1979, die gesamte Intelligenz und Bildungsschicht Kambodschas ausgerottet worden war, herrscht nun extremer Nachholbedarf bei der Ausbildung von Medizinern. Das Angkor Hospital for Children (AHC), so sein Name, sollte nach acht Jahren in die Hände von Kambodschanern übergehen und bis dahin nicht nur für Kinder sorgen, sondern auch die Ausbildung von Ärzten und Krankenschwestern verbessern. Ich freundete mich mit Bonami, dem Kinderarzt, an und traf drei weitere Angestellte des Krankenhauses, die in der Pharmazie und im Labor arbeiten sollten. In den Abendstunden spielten sie auf der Veranda des Mietshauses, in dem sie alle wohnten, ein paar Partien Schach und unterhielten sich über die fesche Tochter der Vermieterin. In Siem Reap gab es kein Kino und keine Kegelbahn, nur ein paar Karaoke-Schuppen und Billardlokale. Die Nachtclubs waren meinen neugewonnen Kumpanen zu teuer, wenn auch verlockend. Zwei von ihnen waren zwar schon verheiratet, ihre Frauen aber weit weg in Phnom Penh. Sie erzählten mir, für Kambodschaner sei es nicht ungewöhnlich, arbeitsbedingt nur alle drei Monate den Ehepartner zu sehen. Für Männer galt, was ich schon in Thailand beobachtet hatte: Sie dürfen sich nach Landessitte eine junge Nebenfrau halten. Kommt ein Kambodschaner zu Geld, neigt er dazu, sich nach einer Jungfrau umzusehen. In Thailand wehren sich viele Frauen längst dagegen und verlassen ihren untreuen Ehemann; ich prophezeite meinen Freunden deshalb Ungemach. Als wir so durch die Straßen zogen und hier mal ein Heineken und dort einen Fruchtshake tranken, bemerkte ich jedoch, dass sich ihre Sehnsüchte eher in der Phantasie abspielten. Sie flirteten und schauten sich die schönen Bedienungen an, dabei blieb es. Bonami meinte dennoch, es sei heute schwer, überhaupt noch eine Jungfrau in Kambodscha zu finden. Für Asiaten hat dies nach wie vor einen höheren Stellenwert als für Westler.
   Der Leiter eines zweiten Kinderkrankenhauses namens Jayavarman VII, das an der Straße nach Angkor steht und an dem zu dieser Zeit Tag und Nacht gebaut wurde, der egozentrische Schweizer Kinderarzt und Musiker Beat Richner, hat sich mit der UNO angelegt, weil er die sexuelle Umtriebigkeit ihrer Soldaten in den neunziger Jahren für die Hauptursache der zunehmenden HIV-Infektionen hält. Damals waren die internationalen Truppen in Kambodscha stationiert, um politische Unruhen im Keim zu ersticken und die Wahlen zu sichern. Meine Bekannten sahen Richners Auslegung skeptisch. Es hatte Tests bei den Soldaten gegeben, als sie Blut spendeten, die keine signifikante HIV-Rate erkennen ließen. Wie schon in Thailand deutete das Sexualverhalten der Einheimischen selbst, die nur selten bereit sind, ein Kondom zu benutzen, einen wahrscheinlicheren Grund für die Ausbreitung von HIV an.
  Zur Eröffnung des Angkor Hospitals schlug ich vor, den kleinen gehbehinderten Bruder Rons zum ersten Patienten zu machen. Zu meiner Überraschung war nicht nur der Gründer Kenro Izu, sondern auch das japanische Fernsehen an diesem Tag anwesend und Rons Bruder wurde zum ersten Star ihrer Dokumentation. Die Ärzte empfahlen den Eltern spezielle gymnastische Übungen zur Stärkung der Muskeln des kleinen Jungen. Ron gelang es inzwischen durch ihre Englischkenntnisse den Regisseur der Doku zu beeindrucken. So sah ich das Team ein paar Tage später bei Rons Hütte wieder, wo sie noch ein paar Aufnahmen von dem Jungen machen wollten. Rons Mutter lag gerade in den Wehen, und weil man im Krankenhaus angesichts ihres fortgeschrittenen Alters und ihrer zahlreichen Kinder (von denen einige während der Pol Pot-Ära verhungert waren) bereits gewarnt hatte, diese Geburt könne für sie gefährlich werden, bat ich das Filmteam, sie in deren Minibus ins Krankenhaus zu fahren. Gerade wollten wir dem Fahrer Bescheid geben, da hörten wir aus der Hütte schon Babygeschrei. Die Mutter hatte keinen Laut von sich gegeben. Ihr Kind war einfach aus ihr herausgerutscht. Eine alte Hebamme aus dem Dorf band es ab. Dem kräftigen Kameramann trieben die Aufnahmen vom plärrenden Neugeborenen die Tränen in die Augen. Ich sagte zum Team, das wären wohl die stärksten Aufnahmen, die sie in Kambodscha bekämen, dafür könnten sie Ron doch ein Fahrrad für den Weg zur Schule kaufen. Sie waren einverstanden. Es kostete fünfundvierzig Dollar und war in China hergestellt. Wir durften uns einen Namen für das Neugeborene aussuchen und entschieden uns für einen japanischen: Sakura, die Kirschblüte.
   Immer wieder hatten mir meine Bekannten aus dem Hospital von einem schmackhaften Palmwein vorgeschwärmt, den ich unbedingt mal probieren sollte. Man könne allerdings nicht garantieren, dass er ganz sauber hergestellt sei. Ich fand heraus, dass der Vater einer Freundin Rons diesen Palmwein produzierte. Doch wann immer ich danach fragte hieß es, man würde lediglich den Palmsaft abzapfen, kochen und verkaufen. Vielleicht hatten sie schon einmal einen besoffenen Deutschen gesehen? Mich führten sie wohl an der Nase herum. Den Palmsaft schmeckte ich trotzdem, er konnte direkt vom Baum getrunken werden. Der Vater kletterte behende hoch, kam mit einem vollen Plastikbehälter herunter, die Flüssigkeit wurde durch ein Sieb geschüttet und so trinkbar. Köstlich. 
   Eigentlich wollte ich längst wieder in Thailand sein, aber die Freundlichkeit und Offenheit vieler Khmer hielt mich in Kambodscha zurück. Weil ich die Tempel gesehen und nicht allzu viel zu tun hatte, versuchte ich weiter, die Lebensverhältnisse der Dorfbewohner kennenzulernen. Dann kam mir die Idee, eine Woche lang in einer von Japanern erbauten Schule mit den Schülern Englisch zu sprechen. Ich stellte mich dem einzigen Lehrer vor, der am Vormittag zwei Stunden Khmer und Mathematik unterrichtete. Er nahm mein Angebot an, ohne selbst Englisch zu können, setzte sich in den ersten beiden Stunden meiner Tätigkeit zu den Schülern, verkürzte jedoch fortan seinen eigenen Unterricht, um eher zur Feldarbeit zu kommen, die ihn besser ernährte als sein Job in der Schule. Lehrer erhielten wie andere Beamte vom Staat nur zwischen 15 und 20 Dollar Monatsgehalt. Sie mussten sich Zusatzeinnahmen verschaffen. Häufig rechneten Polizisten, Richter und Ärzte ihre Leistungen für Beschwerdeführer, Klienten und Patienten extra ab, Lehrer fand man nicht selten beim Ackerbau wieder.
    Meine Klasse bestand aus Kindern im Alter von sieben bis sechzehn Jahren, sie waren diszipliniert, gutgelaunt, wissbegierig und von schneller Auffassungsgabe. Ihr Lerneifer hat mich völlig überrascht. Wenn ich ein Kind drannahm, erhob es sich, bevor es sprach. Am Ende des Unterrichts standen alle Kinder auf und sangen ein Lied für den Lehrer. Wieder war ich gerührt. Ein Mädchen hatte ihr Haar geschoren. Ich sprach sie darauf an und wollte gerade scherzhaft mit der Hand über ihre Stoppeln streichen, da wich sie mir kichernd aus und rannte davon. Normalerweise ist der Kopf Tabu, man berührt ihn nicht leichtfertig. Die anderen Kinder erklärten mir, der Vater des Mädchens sei gestorben. Wenn ein Elternteil in Kambodscha stirbt, wird den Kindern der Kopf kahlgeschoren. Ich hatte die Kleine schon für eine Nonne gehalten. Eines Morgens störte ein anderes Mädchen den Unterricht, weil sie ständig aus dem Fenster schaute und mich auf draußen spielende Kinder hinwies. Ich forderte sie auf, sich allein ganz nach hinten zu setzen. Das verblüffte alle. Das Mädchen fing kurz darauf an zu weinen und rannte aus dem Klassenzimmer. Abends saß ich vor der Hütte ihrer Verwandten, wo ein Fest gegeben wurde und man sich einen Fernseher nebst Videorekorder und großen Boxen geliehen hatte. Es lief ein mir unverständliches kambodschanisches Melodram in miserabler Qualität. Plötzlich tauchte jenes Mädchen auf und brachte mir wortlos wie zur Entschuldigung einen Teller voller Süßigkeiten.

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