Dienstag, 19. Oktober 2010

D.J. Khyentse: Weshalb Sie KEIN Buddhist sind

Heute war ich in der Bibliothek der philosophischen und theologischen Hochschule St. Georgen, die an der Stadtgrenze zu Offenbach liegt. Eine Regelung der Fernleihe besagt, was noch im Stadtgebiet des Entleihers eingesehen werden kann, das soll er bitteschön dort lesen. Während ich dort also auf "The Zen Canon" von Steven Heine wartete, konnte ich mir ein Werk durchlesen, das ich wiederum aus der UB Frankfurt über die Fernleihe bekommen und nach St. Georgen mitgenommen hatte und das mir von ein paar Seiten empfohlen worden war. Ein Fehler.
   Der Autor von Weshalb Sie kein Buddhist sind, Dzongsar Jamyang Khyentse, ist Bhutanese, Jahrgang 1961, bekannt als Regisseur von "Spiel der Götter" und in seiner Heimat Oberhaupt des Dzongsar-Klosters und für ca. 1.600 Mönche verantwortlich. Bis zur Lektüre seines Buches hatte ich noch einige Hoffnung auf den bhutanesischen Zweig des Buddhismus gesetzt, nun ist sie dahin. Der Knackpunkt sind die "Gefühle", zag bcas (sprich: sagtsche), deren Übersetzung der Autor eigens ein Nachwort widmet. Obwohl er sich der Fallstricke dieses Wortes bewusst ist, führt er folgendes aus: Kein Buddhist ist, wer

1) an eine dauerhafte Substanz oder ein dauerhaftes Konzept glaubt,
2) nicht glaubt, dass alle Phänomene illusorisch sind,
3) glaubt, dass Erleuchtung innerhalb der Sphären von Zeit, Raum und Kraft/Energie existiert,
4) nicht glaubt, dass ALLE GEFÜHLE SCHMERZ SIND.

Ich möchte nicht auf die Eigenschaften des atman (zu denen Charakteristika wie "nitya", ewig, gehören), die der Buddha laut dem Mahaparinirvana-Sutra (MPNS) kurz vor seinem Tod korrigierend in seine Lehre einbrachte, eingehen, um nicht zu langweilen (Punkt 1). Im allgemeinen kann ein Zen-Buddhist die Punkte 1-3 unterschreiben, wobei der dritte darauf hinausliefe, dass Erleuchtung entweder "unendlich" und damit raum- und zeitlos wäre (und man sich dann gleichzeitig Raum und Zeit als endlich denken müsste) oder aber wir ja alle schon von Anfang an erleuchtet sind.
   Ich will mich auch nicht wundern darüber, dass sogar ein Bhutanese Muslime nicht ab kann: "Muslime schreien, sie würden verfolgt, und vergessen dabei die Zerstörung, die ihre Mogul-Vorfahren angerichtet haben." (S. 67) Und dass er natürlich alles Chinesische schlecht macht ("die tief sitzende Heuchelei vieler asiatischer Staaten wie China und Singapur", S. 54). So etwas bringt Pluspunkte unter den westlichen Anhängern des Shangrila-Buddhismus. Zu populistisch und platt sind auch des Autors Ausflüge in den Boulevardjournalismus dieser Welt: "Gefühle können krank und verdreht sein, bis hin zu Pädophilie und Bestialität führen. Der Kannibale von Rothenburg ..." Solche Gleichsetzungen kennt man von RTL II, wo gerade eine Serie "Tatort Internet" läuft, in der Erwachsene sich als 13-jährige ausgeben, um endlich nachweisen zu können, dass es andere Erwachsene gibt, die das ausnutzen wollen.
   Einen eigenen Blog-Beitrag erforderte auch eine Erwiderung auf Khyentses Behauptung, Mahayana-Sutren würden den Fleischgenuss untersagen (es sind im Wesentlichen das MPNS, das Lankavatara- und das Angulimaliya-Sutra, die dies behaupten, von denen zwei in Khyentses Buddhismus - siehe oben - keine Rolle spielen dürften, und diese Entwicklung zum Vegetarismus entstammt sowieso erst dem späten Mahayana).

Kommen wir zum zentralen Problem in Khyentses Deutung: Gefühle seien aus Egoismus geboren, Siddharta "entdeckte weierhin, dass wir nicht unsere Gefühle sind." (S. 55)
"Wenn das Gewahrsein verloren gegangen ist, haben wir das, was Buddhisten Unwissenheit nennen. Genau aus dieser Unwissenheit entstehen unsere Gefühle."
"Wenn man vom Pfeil des Verlangens getroffen wird, verlässt uns [sic] jeglicher gesunder Menschenverstand." (hier folgt ein Vergleich mit "Maras Pfeilen", S. 64)

Und nun halten wir mal kurz inne und fragen uns aufrichtig, ob wir das tatsächlich so sehen, ob das unsere Wahrheit ist, oder ob uns hier nicht wieder mal einer was predigen will, was er selbst gar nicht lebt. Gefühllose Menschen - sind die nicht manipulierbarer als solche, die als Bündel von Wut, Eifersucht, Liebe und Lust daherkommen? Ist es nicht nur scheinbar umgekehrt? Kann man nicht einem Schüler mit dieser Art von "Gefühlskälte" ein solch hohes Ziel vorgeben, dass er scheitern und sich immer wieder verzweifelt an den Lehrer wenden muss (der es selbst damit ganz anders hält)? Ist das nicht einer der billigsten Tricks des Mode-Buddhismus? Habt acht!

Khyentse gibt uns einen Hinweis für den Grund seiner Fehldeutung. In seiner Sprache bedeutet "rangwang" ich + Macht, "shenwang" andere + Macht. Der Autor folgert: "Man ist glücklich, solange man selbst die Kontrolle hat" (S. 69). Mit seinem einfachen Schwarzweiß-Denken, dass sich oben schon andeutete, ist ihm nicht bewusst, wie viele Menschen heute gerade in der Machtlosigkeit ihr Glück finden (etwa bei SM-Spielen). Wenn Glück "Bewusstheit" bedeutet, wie der Autor meint, wieso macht er sich nicht bewusst, dass er hier nur ein Gefühl gegen das andere austauscht: "Hellwach auf einem Felsgrat zu balancieren ist nicht mehr so beängstigend, ja, es kann sogar ziemlich AUFREGEND sein" (S. 72)?
   "Wenn sie sich ihrer Gefühle bewusst werden, sobald diese auftauchen, ... schränken sie deren Aktivität ein." (S. 71) An diesen Sätzen lässt sich nicht nur zeigen, worauf ein Verhältnis Meister-Schüler im Vajrayana-Buddhismus basiert - nämlich auf der Manipulation natürlicher Regungen im Schüler. Vielmehr zeigen sie auch die Rückständigkeit dieses Fahrzeuges auf. Wir sagen im Zen: Wenn du traurig bist, sei traurig, wenn du fröhlich bist, sei fröhlich. Wir fliehen die Gefühle nicht. Wir stellen uns ihnen. Wenn wir sie uns bewusst machen, dann verbinden wir damit kein Ziel. Ich würde sofort aufhören zu meditieren, wenn ich dadurch die Liebe zu einer Frau "einschränken" würde. Jedem Leser dürfte klar sein, welcher katastrophale Unfug in diesem Missverständnis des Autors angelegt ist. Unsere Aufgabe ist die Akzeptanz, das Durchschauen und das LoslassenKÖNNEN von Gefühlen, letzteres, das Können, ist die Option, die uns befreit. Eine Option ist keine Verpflichtung. Wir alle wissen genau, dass nicht alle Gefühle Schmerz sind, denn Vergänglichkeit ist nicht dasselbe wie Schmerz. Hier liegt der Irrtum Khyentses. Es ist möglich, Gefühle ganz im Augenblick zu erleben, in ihrer momentanen Existenz, ganz in ihnen "aufzugehen", ohne unterscheidendes Bewusstsein, das sie in ihrer (zukünftigen, projezierten) Vergänglichkeit sieht, und in diesem Moment ein "schmerz-freies" Gefühl zu erfahren, ja: Gefühl zu sein. Dies wissen in der Regel auch Nicht-Zen-Adepten, auch Anfänger auf dem Weg. Erst recht kennzeichnet es den langjährigen Schüler, der nach Zweifeln und dem Auskosten beliebiger Freiheit wieder da anlangt, wo er eigentlich begonnen hat: Dort, wo die Dinge so sind, wie sie sind. Lust ist Lust und damit basta. Schmerz ist Schmerz und damit basta. Du lachst, na schön. Du weinst, auch okay.

Doch da, wo Unterscheidungskraft angebracht wäre (und nicht dem Alleinssein mit der Wirklichkeit im Wege steht), fehlt sie Khyentse: "man genießt Kaviar ... nimmt gekochte Vogelnester zu sich ... für ihre Eitelkeit wird ein Leben ausgelöscht." Ohne weitere Definition, wieso und was überhaupt "ein Leben" ist, schmeißt dieser Ordensleiter auf unsägliche Weise mit Parolen um sich. "Die Einstellung, dass unsere Eitelkeit das Leben EINES ANDEREN wert ist, basiert auf einem Feshtalten am Ich" (Hervorhebungen von mir, S. 137). Ja, um Buddhas willen, wo ist denn bitte das Ich der Tiere, die ständig das Leben anderer Tiere nehmen? Ist damit nicht der Beweis erbracht, dass es nichts mit dem "Ich" zu tun hat? DAS nenne ich, um den Autor zu zitieren, "nur eine oberflächliche Frömmigkeit" (S. 142)

Gegen Ende meint Khyentse auch noch: "Man kann tatsächlich ein Drogensüchtiger sein und dennoch die vier Siegel (s.o.) akzeptieren." Nein, das kann man nicht. Offenbar braucht man doch das Zen, um zu verstehen, dass LoslassenKÖNNEN sich mit SUCHT nicht vereinbaren lässt. Dieses Loslassen ist immer Freiheit, niemals Abhängigkeit. Es ist auch die Freiheit, auf den Himalaya-Buddhismus zu scheißen, solange er uns nichts besseres zu bieten hat.

1 Kommentar:

  1. Ähnliche Gedanken kamen mir einst, als ich in meinem Garten einen Regenwurm mit dem Spaten teilte. Wo ist das Karma jenes Wurmes, warum wiederfuhr ihm solch schreckliches. Was habe ich mir jetzt wieder aufgeladen. Buddha und mein Hausverstand lehrten mich, dass jedes Lebewesen den Tod fürchtet, und wir daher vom töten abstehen sollten. Habe ich mir jetzt ob des Wurmes wieder 1000 Jahre in den Höllenbereichen aufgeladen. Erspare ich mir zumindest die Hälfte, wenn ich hunderttausend Verbeugungen (nach Mekka oder zur Stupa?) mache?
    Und dann war da noch das Herz Sutra, bzw, die Übersetzung des Mantras von Kobon Chino: zerfalle zerfalle, und wir können nichts dagegen tun.
    Außer vielleicht wieder den Weg der Mitte finden. Ein saftiges Steak schmeckt sicher mindestens so gut wie Froschschenkel oder das Hirn eines noch lebenden Affens. Im Alltag kann ein Käsesandwich bekömmlicher sein als ein mit Antibiotika vollgestopfter Truthahn. Und gegen Verstopfung hilft Joghurt. Und dann können wir alle besser auf falsche Frömmigkeit scheißen.

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