Donnerstag, 29. Juli 2010

Missverständnisse im Zen (III): Körper

Was ist eigentlich mit "Körper" im Buddhismus gemeint? Ist der Buddhismus nicht dem Christentum überlegen, weil er keinen zwanghaften Unterschied zwischen Geist/Seele und Körper konstruiert, sondern sie als eins betrachtet? Wie steht es dann aber mit den Passagen, die das Fleischliche in den Sutren kaum weniger verwerfen als mancher Bibeltext?
   Der Körper sind in der Buddha-Lehre viele, manche heißen sogar so, obwohl sie doch eher eine feinstoffliche oder lichtvolle, in der Regel nur den Bodhisattvas sichtbare Buddha-Gestalt bezeichnen (Sambhoga-kâya). Wenn Dôgen also davon spricht, Körper und Geist abzuwerfen (shinjin datsuraku), was macht dann ausgerechnet der Zen-Adept, der kerzengerade in einem für Knie eher ungesunden vollen Lotussitz dahinmeditiert? Was wirft er ab? Es ist nicht das Fleisch, das Bedingte, nicht dass, was aus den skandha besteht und von uns Körper genannt oder gar mit uns identifiziert wird. Denn tatsächlich darf ein Zennie sogar sagen: "Ich bin Körper." Was er abwirft, ist der Körper des Geistes, nicht "Körper und Geist" (ob nun eins oder nicht). Eine Passage aus dem Samâdhirâja Sutra* mag dies verdeutlichen (Kap. XII, Abschnitt 9):
   "Der Körper des Tathagata sollte als gleich mit dem Intellekt angesehen werden, der aus unzähligem Verdienst entsteht, aus dharmas geboren wird, frei von allen Kennzeichen, tiefgründig, unerkennbar, aus unerkennbaren dharmas bestehend, bewegungslos, unbefestigt, in der Essenz identisch mit dem Raum, unsichtbar und jegliches Sichtfeld überschreitend, das ist der absolute Körper, der verstanden werden muss."
    Wenn wir uns nicht an den fleischlichen Körper klammern, müssen wir auch nicht zwanghaft Zazen betreiben. Genauso wenig müssen wir uns sorgen, wenn jener Körper schmerzt. Das Nirvana des  fleischlichen Körpers wird dauerhaft erst im Tod erreicht, indem er vergeht. Wann aber befreien wir unseren Geist und den "Körper unseres Geistes"?

[* Das Samâdhirâja oder Candrapradîpa Sutra entstand im 2. Jh. n. Chr. Es spielt in der Madhyamaka-Schule eine bedeutende Rolle, auch wenn es weder zum tibetischen noch chinesischen Schriftkanon gehört. In Nepal wird es als eins der "9 Dharmas", der höchststehenden Texte, angesehen; in der Kagyu-Tradition findet man darin die Ankunft Gampopas und der Karmapa vorausgesagt. Der Ausdruck samâdhi wird in diesem Sutra gleichbedeutend mit Sutra und shûnyatâ (Leere) benutzt.]


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