Freitag, 16. Juli 2010

Missverständnisse im Buddhismus (IV):
Wiedergeburt

Zum Grundwissen im Buddhismus gehört die zwölfgliedrige Ursachenkette, die das "Entstehen in Abhängigkeit" beschreibt. Auf sie wird u.a. verwiesen, wenn Lehrer meinen, die Wiedergeburt sei nun mal ein unabdingbarer Bestandteil des Dharma. Was aber, wenn diese Kette nur acht Glieder hätte? Edward Conze deutete schon in Buddhistisches Denken (Frankfurt 1988) an, dass es sich "bei der Kette der zwölf Glieder, wie sie in der Orthodoxie der theravâdins und sarvâstivâdins erscheint, um eine spätere scholastische Version einer leicht abweichenden früheren Theorie handelt."* (S. 223)
   "Unwissenheit wäre demnach nicht nur nicht unbedingt das erste Kettenglied, sondern ihr würden dem Suttanipâta zufolge upâdhi, "Zuneigungen"(?) vorausgehen, dem Majjhima-Nikâya zufolge die Ausflüsse (âsava). Außerdem enthalten einige der älteren Aufzählungen Bedingungen, die in der festgelegten Fassung des Grundsatzes fehlen, etwa "Wahrnehmungen" und "vielfältige Konzepte" (prapanca), die in der Heilslehre des mahâyâna eine entscheidende Rolle spielen. (...) vier der Kettenglieder fehlen. Es sind dies 4. Name und Form, 5. die sechs Sinnesfelder, 11. Geburt und 12. Verfall und Tod. Übrig bleiben
1. Unwissenheit
2. Karma-Bildung
3. Bewusstsein
6. Kontakt
7. Gefühl
8. Verlangen
9. Ergreifen
10. Werden.
   Nun ist leicht zu erkennen, dass die vier fehlenden Punkte eben genau diejenigen umfassen, die der Seelenwanderung des Individuums sozusagen Körperhaftigkeit geben und das Los des wandernden Organismus beschreiben. Es scheint daher keineswegs ausgeschlossen, dass dieser Lehrsatz ursprünglich nichts mit der Frage der Wiedergeburt zu tun hatte und dass die Anordnung seiner Teile auf die drei Lebensspannen eine sholastische Ergänzung darstellt."
   Leider hat auch Dôgen diese Ergänzung übernommen. Hätte es nicht gerade durch die Zen-Übung ein Leichtes sein können, sich von den Gedanken an mehrere Lebensspannen zu verabschieden? Wie so oft, bietet jedenfalls der widersprüchliche Pali-Kanon hierfür ebenfalls Grundlagen.

P.S.: Munish Schiekel wies mich dankenswerterweise auf einer Mailingliste gerade darauf hin, dass Richard F. Gombrich in seinem Buch What the Buddha Thought (2009) ein ganzes Kapitel diesem Thema widmet und Conzes Verdacht verifiziert und vertieft.

* In der Fußnote werden von Conze für die abweichende Version beispielhaft aufgezählt: Sn 727-53, 862ff., DN ii 62, MN i 48.

1 Kommentar:

  1. Für mich beruhen die meisten Mißverständisse des späteren Buddhismus auf das Ignorieren oder nivilieren oder Schönreden von Buddhas Lehre des Nicht-Ich, Anatman.
    Meiner Meinung nach beginnt der buddhistische Weg erst mit der Verwirklichung der Rechten Sehens des Nicht-Ich, Nichtgetrenntheit. Daraus entspringen dann Ethik, Versenkung, Weisheit.
    Was nicht ausschliesst, daß auch Buddha bei seinem Lehren Fehler passiert sind.
    Weil er versuchte über etwas zu sprechen, über das man nicht sprechen kann, etwas zu lehren, was nicht gelehrt werden kann. Daher war ein Scheitern ja vorprogrammiert, und wurde über die Jahrhunderte dann konserviert.

    Love
    Giri

    AntwortenLöschen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.