Samstag, 10. Juli 2010

Missverständnisse im Buddhismus (III): Selbstmord

Immer wieder findet man seltsame Ansichten von Buddhisten, nach denen so etwas wie ein individuelles Herz oder Bewusstsein nach einem Selbstmord überleben könnte und durch diesen ein ungünstiges Karma sich fortpflanze (etwa bei Dr. Lautwein). Die Ansichten im Pali-Kanon bezüglich des Suizids sind jedoch durchaus nicht eindeutig, sondern komplex, um nicht zu sagen: widersprüchlich. Im Samyutta Nikaya (S.4.23.) lesen wir von Godhika, der sich erdolchen will. Da er nicht mehr am Leben hängt, darf er das und findet gar Erleuchtung im Selbstmord. Interessanterweise ist es hier Mara, Buddhas übler Gegenspieler, der darauf pocht, Bhikkhus dürften nicht Hand an sich selbst legen.
   Im Vinaya, dem Verhaltenskodex für Ordinierte, finden wir dann detaillierte Ausnahmen für den Selbstmord (durch Nicht-Essen), darunter auch bei unheilbaren Krankheiten. (Vin. A. [Kommentar] 467)
   Seltsam mutet der Tenor an, der den Erwachten unter derartigen Umständen die Selbsttötung erlaubt, den Unerleuchteten jedoch nicht. Dabei sind es gerade sie, die besonders unter Schmerzen und Gebrechen leiden könnten. Hier stimmt dann einiges bei den Exegeten des Pali-Kanon nicht. Wieso sollte jemand, der das Leiden aufheben will, eine solche Zweiklassengesellschaft definieren, und warum sollte jemand so kramphaft dieses Leben zur Erkenntnis und Durchdringung des Leidens (d.h. zum "Erwachen") nutzen müssen - auch unter größter Pein -, wenn doch bei einer Wiedergeburt eine weitere Chance gegeben wäre?
   Fazit: Nutze dein (einmaliges) Leben, erwache, und am Ende entscheide selbst, ob Du reif bist, ggf. ein bisschen nachzuhelfen. 

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