Dienstag, 13. Juli 2010

Der Dalai Lama spricht ... Unsinn



Da hatten mich schon einige Aussagen im Interview des Dalai Lama (DL) mit der Bild-Zeitung überrascht, z.B. dass er neun Stunden schläft und Kindererziehung nur als Belastung ansieht (kurz danach jedoch u.a. die Familie als einen "wirklichen Wert des Lebens" bezeichnet). Am dümmsten war seine Aussage, er läse keine Romane, sie seien "nur Fiktion". Zwei Stunden nach meiner Lektüre dieses Interviews - bei dem ich ihm entgegnet hätte, auch der Pali-Kanon sei schließlich nur ein Märchenbuch, genau wie der Koran, die Thora und das Neue Testament, es käme halt drauf an, was man daraus macht - erkannte ich dann in Tobias Wolffs Roman "Alte Schule", wie sehr das Lesen von "Fiktivem" das Leben von Menschen beeinflussen kann, und wie stark ein authentisches Leben die Schreibe. Es ist wirklich traurig, dass der DL der ihm von Kindesbeinen eingetrichterten Weltsicht keine anderen Horizonte beifügt. Hat er wirklich nicht verstanden, dass auch die Schreiber der von ihm studierten Sutren ihre Fantasie benutzten, um sich in Worten einer erkannten Wahrheit zu nähern? Wohl nicht, denn an einer Stelle kolportiert er wieder mal, dass mentales Glück körperlichen Schmerz unterwerfen könne und erweckt damit den Eindruck, das könne stets so sein - dabei hängt es lediglich vom Ausmaß der Schmerzen ab: Sind sie zu stark, bist du (Meditierender) garantiert zu schwach. Insofern ist das, was der DL sagt, sogar gefährlich.

Lustiger ist das lange, in DL- und Indisch-Englisch geführte Interview oben vom Sender NDTV. Aus der Neurowissenschaft meint der DL mitzunehmen, dass wir alle gleich seien, dabei zeigt gerade sie das Gegenteil, wie z.B. durch Ausschalten bestimmter Regionen im Hirn Kriminalität möglich oder erleichtert wird. Dieses ständige Beharren auf der Gleichheit ist im Übrigen eine der hartnäckigen Fiktionen des DL. Alle Systeme, die versuchten, die Gleichheit der Menschheit im großen Stil auf dieser Welt zu etablieren, führten ins Verderben. Doch der DL sieht sich - in sozialökonomischer Hinsicht - ja als Marxisten, was soll man da anderes erwarten.

Ansonsten - die üblichen Gemeinplätze, mit denen religiöse Führer bei der dummen Masse durchkommen. Z.B. dass die Dinge in Tibet sich "definitiv in 5, 10 oder 15 Jahren ändern werden". Und voller Illusionen ist der DL auch, wenn er meint, dass 99 % der Menschen innerhalb wie außerhalb Tibets für einen Kurs der Nicht-Gewalt sind. Ich bloggte hier schon, dass junge Tibeter wahllos auf Wildtiere schießen, wenn sie durch die Pampa gurken. Und wie falsch der DL die Bedeutung von Tibet einschätzt, heutzutage eine Provinz im riesigen und mächtigen China, die in der Weltpolitik nie eine bedeutende Rolle spielen kann. Was zum Buddha bildet er sich da nur ein?

Kommentare:

  1. Ich denke, dass es eine Vereinfachung ist, den Marxismus, insbesondere in seiner realen Umsetzung als ein System darzustellen, das bestrebt ist, "die Gleichheit der Menschen im großen Stil zu etablieren".
    Auch in den Verfassungen der meisten marktwirtschaftlich geprägten Demokratien werden zunächst gewisse menschliche Grundzüge vorausgesetzt, die allen Menschen gemeinsam sind. Man kann hier also durchaus auch von einem die Gleichheit der Menschen betonenden System sprechen.
    Der Marxismus war in Bezug auf Gleichheit nur eines unter mehreren Modellen, das mit einer, von den vorhergehenden Systemen teils als von Gott gewollt, teils anders begründeten Ungleichheit aufräumen sollte. Und das war nur ein Anspruch unter mehreren.
    Dass der DL in sozialökonomischer Hinsicht sich mit dem Marxismus gut abfinden kann verwundert mich nicht. Basiert doch auch das Leben im Kloster auf teils ähnlichen Wertgrundlagen wie ein idealistisch verstandener Marxismus.
    Fehlinterpretationen neurowissenschaftlicher Erkenntnisse zur Rechtfertigung eigener Meinungen heranzuziehen ist im Buddhismus nicht selten.
    Es wundert mich insbesondere wie gerne schwere psychische Störungen ausgeklammert oder einfach nicht beachtet werden, um ein möglichst zusammenhängendes und allgemeingültiges Konzept eines "Erleuchtungsweges" aufstellen zu können. Dieses ist dann leichter verständlich und kann somit die Massen besser erreichen.

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  2. Der Dalai ist halt kein Deutscher sonst könnte er das ständige Genörgel an absolut allem wohl besser verstehen.

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  3. Wenn schon BILD fragt !!!
    Da sind schon manch andere darüber gestolpert, - i.e. die Fragestellungen von BILD.

    Siehe auch die eigentümlichen Aussagen zu den Träumen (!) von Frauen.

    Aber an Gui-do und seinen Verknüpfungen hätte BILD auch seine Freude!
    Schon mal dort beworben?

    Gruß Ike

    PS: Danke für das längere Interview mit dem Dalai Lama.

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  4. Man merkt es: Der Blogger bewegt sich im europäischen Dogmatismus und ist eifrig auf der Suche nach Häresien. Chefideologe in einer politischen Partei wäre evtl. auch passend.

    Hinweis (obwohl allgemein bekannt, aber so allgemein anscheinend doch nicht, auch europäische "Gelehrte" haben da wohl ihre Probleme, vielleicht diese insbesondere):

    Der Umgang mit "Abweichungen", inkl. Synkretismus, wie sonderbar auch immer, ist im Buddhismus traditionell entspannt und locker. Europäer mit dem Hang zu mindestens 150%iger Reinheit der Lehre (welcher eigentlich?) haben da wohl mitunter Probleme.

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