Mittwoch, 14. Juli 2010

Hakuins Dokugo Shingyô: Mahngedicht (II)

"Ssuma aus der Sung-Zeit* war ein wahrer Prinz,
wie schade, dass solch wertvolle Augen verschlossen blieben.
Wann immer er schwierig zu lösende Koan las,
behauptete er, es wären Rätsel zum Mönche-Ärgern.
Für die schwersten Verbrechen müssen Menschen stets Buße tun,
und die Verleumdung des Dharma ist kein geringes Vergehen!
Viele Banden aus Schurken dieser Art gibt es auf der Welt,
die Zen-Landschaft ist unglaublich öde.
Wenn ihr aber einmal den Geist der Buddha-Patriarchen erfasst habt,
wie könntet ihr da blind für deren Worte bleiben?
Um festzustellen, wie authentisch eure eigene Verwirklichung ist,
benutzt die Patriarchenworte wie strahlende Spiegel.
Heutzutage ist die Zen-Übung anmaßend und flach,
man folgt den Worten der Falschen oder den eigenen Launen.
Wenn Hörensagen und Bücherwissen eure Bedürfnisse befriedigen,
dann sind die Gärten der Patriarchen
noch eine Million Meilen entfernt.
Darum ersuche ich euch, große Menschen:
Vergesst euer eigenes Wohlbefinden!
Lasst die fünblättrige Zen-Blume** noch einmal erblühen!"

(* Der bekannte konfuzianische Gelehrte Ssuma Kuang, 11. Jh., stand dem Buddhismus nicht ablehnend gegenüber; Hakuin kritisiert ihn dafür, in seinen Schriften durch Missverständnisse der Zen-Lehre Schüler in die Irre geführt zu haben.
** Ein Verweis auf die fünf Schulen des Zen, die während der Tang-Dynastie aufkamen.)

[Quelle: Norman Waddell: Zen Words for the Heart. Hakuin's Commentary on the Heart Sutra (Boston & London 1996)]

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.