Dienstag, 15. Mai 2012

Han Shan über Erleuchtung und Übung

Meister Hanshan (1546-1623) schrieb[1]:
   „Es gibt Übende, die zuerst erleuchtet werden und dann mit der Kultivierung beginnen, und andere, die zunächst üben und dann Erleuchtung erfahren. Dabei gibt es zwei Arten von „Erleuchtung“: die eine durchs Verstehen, die andere durch Erfahrung. Wenn jemand den Geist erkennt, indem er den Lehren Buddhas und der Patriarchen folgt, wird dies Einsicht durch Verständnis genannt. Diese führt nur zu einem konzeptionellen Verständnis, der Übende wird machtlos sein, da sein Geist nicht mit der Umwelt eins wurde, und er wird vielen Hindernissen begegnen. Dies wird simulierte Weisheit  genannt und entstammt nicht echter Übung.
   Andererseits halten diejenigen, die durch Übung erleuchtet werden, geradlinig an ihren Methoden fest, bis sie sich an einen Ort getrieben haben, wo „Berge und Flüsse vollständig erschöpft sind“. Plötzlich fällt ihr letzter Gedanke ab und sie erkennen gründlich den Geist. Es ist, wie wenn man seinen Vater an der Kreuzung sieht – es gibt keinen Zweifel, wer es ist. Oder wie beim Wassertrinken – nur der Trinkende weiß, ob es warm oder kalt ist. Es gibt keinen Weg, es anderen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Dies ist wahres Üben und wahre Erleuchtung. Danach muss der Übende auf der Grundlage seiner Erfahrung seinen Geist mit der äußeren Umwelt verschmelzen. Er muss die starken karmischen Hindernisse seines Lebens, täuschendes Denken und emotionales Anhaften loswerden, damit nur der Wahre Geist des einen Geschmacks[2] übrigbleibt. Dies ist die Erleuchtung durch Erfahrung.
   Was echte Erleuchtungserlebnisse betrifft, so gibt es tiefe und seichte. Wenn jemand an der Wurzel des Problems arbeitet, das Nest des achten Bewusstseins und die dunklen Höhlen der Unwissenheit zerstört, dann geht er direkt auf die Erleuchtung zu, ohne sich auf irgendeine andere Lehre zu stützen. Wer dies erreicht, hat besonders ausgeprägte karmische Wurzeln und erfährt tiefe Erleuchtung. Am schlimmsten ist, wenn jemand nur wenig erlangt und sich damit begnügt. Man sollte Illusionen, die vom Licht erzeugtem Schatten ähneln, nicht für Erleuchtung halten. Wer dies tut, hat nicht die Wurzel des achten Bewusstseins vernichtet, seine Handlungen werden gekünstelt sein. Solch eine Erfahrung ist nur eine Manifestation des eigenen Bewusstseins. Sie als wahr anzusehen ist, wie einen Dieb für den eigenen Sohn zu halten. Ein Altehrwürdiger sagte: „Weil Übende des Weges nicht das Wahre erkennen und ihr altes Bewusstsein dafür halten, durchwandern sie unzählige Zeitalter von Geburt und Tod. Unwissende halten ihr Bewusstsein für ihr wahres Selbst.“ Darum: Überschreitet diese Grenze.
   Andererseits gibt es solche, die plötzliche Erleuchtung erfahren und diese dann fortdauernd kultivieren. Obwohl sie tiefe Erleuchtung erlebt haben, haben sie nicht plötzlich ihre Gewohnheiten und Neigungen abgelegt. Es ist nötig, auf Grundlage der eigenen Erleuchtungserfahrung die Kraft selbstbeobachtender Erhellung zu erzeugen, um die Umwelt zu erfahren und mit dem Geist abzugleichen. Wenn man mit einem Prozent der äußeren Erscheinungen verschmelzen kann, dann hat man ein Prozent des Dharmakaya[3] erlangt. Wenn man ein Prozent der täuschenden Gedanken getilgt hat, wird sich ein Prozent der grundlegenden Weisheit manifestieren. All dies hängt von der Stärke der Übung ab, die naht- und lückenlos sein muss. Inmitten von Geschäftigkeit zu üben bedeutet, der Übung Kraft zu entziehen.


[1] Xuzang Jing (Erweiterter buddhistischer Kanon) Nr. 1456, 73: 469b08.
[2] Im Lotussutra heißt es, der Dharma sei von einem Geschmack – dem der Befreiung. Das ganze Leben wird dann als Dharma erfahren.
[3] Dharma-Körper, steht für die ursprüngliche erleuchtete Natur des Geistes, die allumfassende Einheit und Leerheit des Geistes; hier: der transzendente Körper aller Buddhas, frei von Eigenschaften.

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