Sonntag, 13. Mai 2012

Der große Zweifel und die Nachfolge

Zu den wichtigen Eigenschaften eines guten Zen-Lehrers gehört, den "Großen Zweifel" zu wecken. Damit ist die allgemein unter Menschen verbreitete Frage gemeint, die uns nach dem Woher und Wohin unserer Existenz suchen lässt: Was war ich vor meiner Geburt, wie wird es nach meinem Tod sein? Dem Zweifel wird in einer Schule des Zen durch Kôan oder Huatou Rechnung getragen, Geschichten, Aussprüche oder Worte, die über ein rein logisches Antworten auf eine existentielle oder Sinn-Krise hinaushelfen sollen, hin zum Vorgedanklichen. Bleibt man jedoch dabei stehen, sich moralisch "einwandfrei"  zu verhalten, Gedankenaufruhr zu beherrschen und nicht mehr ständig unterscheidend zu werten, kann man doch noch wie "ein Toter auf Bodenhöhe" sein: Die Meditationsmethode hat sich nicht restlos der "Großen Angelegenheit von Leben und Tod" hingegeben, und im Dornengestrüpp des Daseins, wenn echte Prüfungen kommen, kann ein so Übender zu Fall kommen. Chanmeister Yuanyun Jiexian (1610-1672) hat davor gewarnt.

In einem seiner letzten Beiträge zur "Adult Practice" hat Muho darauf hingewiesen, dass es anderen möglich sei, ihre eigene Zen-Linie zu begründen, und Beispiele dafür genannt. Er hält es offenbar auch für wahrscheinlich, dass solche Linien bald wieder "aussterben". In der Geschichte des Zen haben wir bereits Beispiele für das Aussterben selbst von starken Zenlinien. Müssen wir das eigentlich fürchten, wo es heute noch sicherer als je zuvor Möglichkeiten der "Überlieferung" einer solchen Linie gibt? Im Grunde kann alles, was einmal war, wieder neu aufflammen.

Meister Yuanyun beschrieb ausführlich, wie gewissenhaft ein Meister bei der Bestätigung seiner Dharmanachfolge sein sollte, und wie bedeutsam es sei, dass diese gesichert wird. Für ein Zeitalter des Verfalls der Lehre beschrieb er jedoch auch diese Alternative: "In einer solchen Situation ließen echte erleuchtete Meister die Übertragungslinie lieber abreißen und zogen sich in erhabene Einsamkeit zurück. Dies betrachteten sie als den Weg, die Lehre gerade zu rücken und zu retten. Obwohl sie keinen Dharma-Erben hinterließen, leuchtet ihr Licht hundert Generationen lang. Kann man dann wirklich sagen, sie hätten die Linie enden lassen?

In so genannten Übungszentren, wo man sich nicht an die angemessenen Richtlinien hält, ernennt ein Meister zahlreiche Schüler zu seinen Nachfolgern und erreicht doch nichts, denn wenn man Melonenreben am Mittag wässert, werden sie keine Früchte tragen. Nicht lange danach wird eine solche Linie ruiniert sein und ein schreckliches Durcheinander hinterlassen. Kann man das etwa ein Fortführen der Übertragung nennen?"

Kommentare:

  1. Im „Dornengestrüpp des Lebens“ kommt jeder Übende zu Fall und das immer wieder. Wozu sonst das „Darüberhinausgehen“?
    Da hilft selbst die beste meisterliche Vermeidungsstrategie nicht. Paradebeispiel dafür ist, wie hier so treffend beschrieben wurde, das Problem der Gründermeister mit ihrer Nachfolge. Spätestens hier bersten alle Träume von „tiefer Verwirklichung“.

    Ich hörte einen Zen-Meister chaostheoretisch-affin sagen, dass das Scheitern einer neuen Linie bereits in ihrer Anfängen beschlossen läge.
    (Das könnte bereits an den Gründen liegen, weshalb der Gründer gegründet hatte.)
    Den Beweis dafür hat der erwähnte Meister dann in den letzten Jahren selbst angetreten.

    Auch Meister Yuanyun wusste sicher, wovon er sprach.
    Doch in den „Zeiten der Dämmerung“, in denen die Sonne scheinbar weder unter- noch aufgeht, wer kann da freiwillig alles loslassen, woran er sein Leben lang gebaut hat, von seinem Vormeister für die große Mission autorisiert und mit dem heimlich gehegten Wunsch, dass sein Name seine Sterblichkeit überleben werde, obwohl hinlänglich bekannt ist, dass Namen Schall und Rauch sind?
    Selbst das Licht, das „hundert Generationen“ leuchtet, ist vielleicht nicht mehr als ein irr lichtendes Missverständnis oder warum ist es schier unmöglich, aus den Fehlern der Vorgänger zu lernen?

    Dennoch mag die Kosequenz der Einsiedelei für die Allgemeinheit weniger schädlich zu sein, als all die herumkrebsenden und um Vormacht kämpfenden Möchtegernnachfolger.
    Für den Verursacher zumindest bietet sie die Möglichkeit eines weiteren entscheidenden bedeutungslosen Schrittes.

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    1. Auch darüber muss hinausgegangen werden. Das schüttelt einer ab und macht den nächsten Schritt. Alles Gedankengestrüpp.

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  2. Namaste!

    Ich denke nicht, dass "alles, was einmal war wieder aufflammen kann".

    Es ist sicherlich so, dass der Dharma fortbesteht; sein Kern bleibt derselbe, seine Peripherie passt sich den Gegebenheiten an, wird ggf. abgeworfen und dafür eine neue aufgenommen. Der Kern bleibt letztlich derselbe.

    Anders bei Überlieferungslinien und Traditionen. Was da einmal verloren gegangen ist kommt so schnell nicht wieder und manchmal sogar gar nicht.

    Ich denke da z. B. an die Bhikkhuni-Ordination im Theravada. Die ist aus Sicht einiger Hardliner auch unwiederbringlich verloren gegangen, so dass für Frau nur noch der Mae Chi-Status optional wäre.

    Wenn ein (Zen-)Lehrer keine Schüler (spreche hier bewusst nicht von "Dharmanachfolgern") und keine Aufzeichnungen hinterlässt, dann endet seine Linie / Tradition. Eine Wiederbelebung wird es mangels authentischen Zeugnissen auch nicht geben.

    Ähnlich ist es wohl auch mit der Nihon Daruma Shû des Dainichi-bô Nônin gewesen, wobei es hier ja sogar Aufzeichnungen und Schüler gab; diese schlossen sich dann allerdings Dôgens Sôtô Shû an.

    Oder denken wir an die Zen-Schulen/-Häuser in den Glanzzeiten Chinas, von denen heute auch nicht mehr alle vertreten sind. Wer will die, auf welcher Grundlage, wiederbeleben?

    Wichtig ist "der Große Zweifel" und die "Klärung der Frage von Leben und Tod". Offizielle Nachfolgen, Zertifikate und institutionelle Traditionen können sinnvoll einzig und allein dem Zweck dienen, "die Saat des Zweifels" zu wässern und bei der "Klärung der Frage" unterstützend zu wirken.

    < gasshô >

    Benkei

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