Montag, 21. Mai 2012

Warum frühes Chan den säkularen Buddhismus vorwegnimmt

"Ein Sutra sagt: 'Schneide alles Böse ab, kultiviere das Gute, dann wirst du zum Buddha.' 
Das sind falsche Gedanken, die dein eigener Geist erzeugt."

Ich möchte nun die versprochene Entgegnung auf einige neuere Blogs und Bewegungen formulieren, in der Hoffnung, dass diese auf ihrem Weg davon inspiriert sein mögen. Der Einfachheit halber fasse ich unter dem "Säkularem Buddhismus" der Überschrift hier mal all die Bestrebungen zusammen, abseits von etabliertem Buddhismus (ob er nun vornehmlich Religion oder Spiritualität ist) eine moderne, aufgeklärte, kritische Praxis der Buddha-Lehre zu etablieren. Ich werde natürlich den erheblichen Unterschieden in Blogs, die ich zeitweise hier verlinkt hatte, so nicht gerecht. Aktiv sind vor allem Stephen Batchelors "Secular Buddhism", in Deutschland etwa "Der Unbuddhist", dann international Glen Wallis "Speculative Non-Buddhism" und weitere, die sich - meist mit akademischem Hintergrund - von verschiedenen Warten dem Phänomen Buddhismus nähern und insbesondere seine Grundannahmen und sein Vokabular hinterfragen und dekonstruieren. 

Nachdem ich mich dort eine Weile umgeschaut hatte (und weiterhin Abstecher mache), fiel mir auf, dass sich einige Unzufriedenheit mit dem tradierten Buddhismus direkt aus der im Westen etablierten und vorherrschenden Lehre der Theravadins, der Tibeter und eines späten Zen erklären lässt. Ich halte diese Gegenbewegung für sehr wichtig, möchte jedoch hier einmal aufzeigen, warum sich einem im frühen Zen (Chan) der Chinesen Verwurzelten manches Problem nicht stellt, wie also bereits mit dem Entstehen des Zen das Heilmittel für zahlreiche kopflastige Erwägungen der Moderne angeboten wurde. Alle Zitate stammen aus den Tun-huang-Manuskripten, die als "Bodhidharma-Anthologie" bekannt wurden, ohne diesem Bodhidharma selbst zugeschrieben werden zu können (siehe Jeffrey L. Broughton: The Bodhidharma Anthology, Berkeley 1999):

1) "Wenn jemand den Geist des Kultivierens des Weges kräftigen will, sollte er den Geist jenseits der Grenzen von Normen schicken."

"Verlangt jemand nicht nach Verständnis und sucht nicht nach Weisheit, dann wird er die Irrungen und Wirrungen der Dharma- und Dhyana(Versenkungs)-Meister vermeiden."

Im Grunde könnte dies das Schlachtmotto der "Unbuddhisten" sein. Von Anfang an ruft das Zen zur Sprengung jedes Althergebrachten auf. Zen, so man es überhaupt als Buddhismus verstehen mag, ist seit jeher eine permanente Revolution.

2) "Wer, ohne sich auf die Lehre eines Meisters zu verlassen, den Dharma aus den Ereignissen herleitet, wird einer mit scharfem Verstand genannt. Wer nur aus der gesprochenen Lehre eines Meisters versteht, ist dumm."

Hier wird die Offenheit gegenüber empirischer Wissenschaft und eigener Erfahrung letztlich der Schriftüberlieferung vorgezogen.

3) "Der Bodhisattva sieht das Dharma-Reich als sein Zuhause an und die vier unermesslichen Bewusstseinszustände* als Ort der Vorschriften. Frage: Gibt es im Dharma-Reich ein Einhalten oder Brechen der Vorschriften? Antwort: In der Essenz des Dharma-Reiches gibt es weder gewöhnlich noch heilig."

"Jeder Ort schlechten Karmas wird vom Bodhisattva zu einem Buddha-Geschehen gemacht."

"Den weglosen Weg gehen heißt, den Buddha-Weg zu verstehen. So einer lehnt weder Eifersucht noch Verlangen ab. Denn wer verstanden hat, für den ist Eifersucht eifersuchtslos und Verlangen ohne Verlangen."

Die Vorschriften, Gebote, Gelübde sind hier auf *Freundlichkeit, Mitempfinden, (Mit)Freude und Gleichmut beschränkt. Eine ausgedehnte Liste von Gelübden und Forderungen an den Praktzierienden existiert nicht, drei Charaktereigenschaften, die das Miteinander erleichtern und eine, die einem selbst besonders gut tut und kein Phänomen ablehnen muss, also ein- und nicht ausschließt, sind die Grundausstattung des Bodhisattva. Buddhismus (Zen) war einmal ganz einfach. Und er umfasste das ganze Spektrum des Lebens, ohne schwarz-weiß zu malen.

4) "Alle Sutren und Abhandlungen erzeugen Geist. Wenn kein Geist erzeugt wird, welchen Nutzen hat dann die Sitzmeditation? Wenn keine schlauen Kunstgriffe aufkommen, muss man sich auch nicht mit rechter Achtsamkeit abquälen."

"Die Erkenntnis der Buddhas kann den Menschen nicht durch Sprache gezeigt noch kann sie verborgen werden, und auch durch meditative Versenkung kannst du sie nicht ausloten."

Dieser Satz ist wichtig für alle, die an jedweder Methode der Meditation und des Sitzens haften. Selbst eine zwingende Korrelation von Erkenntnis und Sitzen, ja sogar von Erkenntnis und Versenken wurde im frühen Chan abgelehnt!

5) "Als Mensch in die Hölle zu fallen bedeutet, im Geist ein Ego zu erschaffen. Wenn die Menschen sagen: 'Ich tue Schlechtes, also erfahre ich Bestrafung; ich tue Gutes, also empfange ich Belohnung', dann ist dies übles Karma. Von vornherein haben solche Dinge nicht existiert, doch die Menschen unterscheiden und behaupten willkürlich, es gäbe sie. Genau darin liegt das üble Karma."

"Gewöhnliche Menschen bestehen auf der Unterscheidung: 'Ich begehre, ich bin wütend.' Solche Ignoranten werden in die drei üblen Wiedergeburten fallen."

Karma ist die fiktive Unterscheidung im Geist, das moralinsaure, dualistische Denken. Üble Folgen entstehen genau dann, wenn Menschen meinen, wütend und begehrlich zu sein an sich würde dieses Karma schaffen.

6) "Zahllose gewöhnliche Menschen auf der ganzen Welt sind von Begriffen und geschriebenen Worten gebunden."

"Sie benutzen Geist, um Geist loszuwerden ..."

"Wenn du intellektuelles Verstehen benutzt, um einen passenden Namen zu finden, werden geistreiche Entwürfe entstehen. Willst du solche gewitzten Tricks beenden, dann erzeuge keinen Gedanken an Erleuchtung und berufe dich nicht auf das Wissen der Sutren und Abhandlungen."

Wenn sich der Gedankenapparat immer weiter dreht, auf der Suche nach einer modernen Form des Buddhismus, wird die Lösung nur provisorisch sein. Frühes Zen (Chan) fordert: 

"Wenn Bewusstsein und Gedanke beruhigt sind, so dass kein einziger Gedankenimpuls mehr da ist, dann kann man von vollständigem Erwachen sprechen. Gleichermaßen ist alles an Gedanken und Bewusstsein, was nicht zur Ruhe kommt, ein Traum."


Kommentare:

  1. "Wenn Bewusstsein und Gedanke beruhigt sind, so dass kein einziger Gedankenimpuls mehr da ist, dann kann man von vollständigem Erwachen sprechen. Gleichermaßen ist alles an Gedanken und Bewusstsein, was nicht zur Ruhe kommt, ein Traum."

    Tja also ist Lobotomie doch die Lösung, dann hat sich das mit dem Gedankenimpuls auch erledigt, dann feuert in dem Bereich des Hirns nix mehr...

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  2. Es ist schade, dass dir deine Praxis offenbar nur rationale Erwägungen erlaubt und nicht die Erfahrung, dass Gedanken beruhigt werden und keine "Impulse", d.h. weitere Gedankenketten oder Gefühlslagen, mehr auslösen. Ich habe dir den Unterschied zu deiner Lobotomie schon einmal erklärt, und ggf. kann es auch dein Hausarzt tun. Die Lösung im Zen (Chan) ist die Methode der Versenkung, die zu obigen Ergebnissen führen sollte. Freiheit besteht dann darin, eine Wahl zu haben - will ich nun Gedankenassoziationen auslösen oder nicht. Manchmal sind sie hilfreich, manchmal nicht. Jeder, der sich im Alltag in Gedanken verstrickt und erfahren hat, dass dies nicht zwangsläufig so sein muss, wird eine Ahnung von dieser Art der "Gedankenberuhigung" bereits haben. In diese Richtung sollte man weiterüben.

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  3. Nun die Praxis ist natürlich nicht der richtige Zeitpunkt um rationale Erwägungen anzustellen, außerhalb halte ich es jedoch sehr wichtig darüber zu reflektieren. Siehe Zen und Krieg etc. Ganz klar, für einen Diktator gibt's nicht besseres als Soldaten und Untergebene die "nicht denken" ;)

    "Freiheit besteht dann darin, eine Wahl zu haben - will ich nun Gedankenassoziationen auslösen oder nicht." aha...und wer denkt dies? Wie funktioniert das ohne Gedanken? Ist da nun ein "zweiter Kopf" wie man im Zen so schön sagt? Ich verweise hier mal auf Krishnamurti "The controler is the controlled".

    Gedanken beim Sitzen beruhigen sich für mich von selbst, oder eben nicht. Das ist doch überhaupt nicht relevant, die Frage ist doch glaube ich den Gedanken...oder sind es nur Gedanken?

    Aber das Hirn zum schweigen zu bringen ist glaube ich nicht so gut, weder für einen selbst noch für die Gesellschaft...

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  4. "Wer denkt dies?" Die Frage, wer dies denkt, klärt sich in der Übung, und wenn sie dies nicht tut, sollte man mit seiner Übung aufhören, weil sie nichts taugt. Den Ansatz zu glauben, dass sich etwas in der Übung klärt, nennt man Vertrauen. Ohne dieses Vertrauen wird die Übung solch rationalen Erwägungen geopfert.

    Niemand kann bisher die Frage beantworten "wer dies denkt". Nach meiner Erfahrung findet sich in einer Übung nach dem Modell des frühen Chan jedoch die Antwort. Die zur Zeit bekannten Hirnforscher und Philosophen, die solche Fragen stellen, üben meines Wissens allesamt nicht in dieser Art. Darum konnte mir z.B. ein Wolf Singer auf meine Bitte, mal seine Versuchslabors anzuschauen, nicht mal antworten - obwohl ich ihn vor dem Vorwurf mancher Buddhisten, Affen dafür leiden zu lassen, nur gern in Schutz genommen hätte. "Wer fragt/will dies?" war in diesem Fall ganz einfach zu beantworten: Gui Do. Wenn man jedoch nicht weiß, wie Nicht-Denken funktioniert, dann ist man nicht in der Lage, unbefangen, also ohne weitere wertende und angstbesetzte Gedankenkonstrukte, zu antworten, also zu handeln. Man macht sich einen Kopp - ein klares Zeichen der Gedankenkette, das Gegenteil von Nicht-Denken, aus dem heraus ein instinktiv rechtes Handeln erfolgen kann.

    Das Hirn wird nicht zum Schweigen gebracht, sondern seine zwanghaften Assoziationsketten und Wertungen. "Was relevant ist" wird hernach das Handeln. Auch dies wird von denen nicht verstanden, die über Analogien wie die der Lobotomie spekulieren. Sie fallen auf die Lehre der Theravadin herein, wonach bereits der Gedanke (auch moralisch) entscheidend ist. In diesem Blog wurde dem mehrfach widersprochen. Nicht-Denken äußert sich nicht in Nicht-Handeln, sondern in einem erweiterten Handlungsspielraum (Freiheit). Das ist, was "gut für einen selbst und die Gesellschaft" ist. Es ist nicht die Frage, wo im Hirn sich Mitempfinden lokalisiert, sondern wie es sich im Handeln zeigt. Den Gedanken wird ihre Überbewertung im frühen Chan entzogen. Die Hirnforscher machen zur Zeit noch das Gegenteil.

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  5. Im Grunde genommen, ist es nicht Möglich jemandem den "Zustand" von Nicht-Denken zu Erklären. Nicht-Denken bedeutet, weder Denken noch nicht Denken noch das Gegenteil davon. Aber was will man mit so einer Aussage anfangen ? Es ist völlig jenseits dessen was zu Erfahren ist.

    Im Grunde genommen geht es darum zu Erkennen das es nichts zu Erkennen gibt, dann hast du es Erkannt.

    Allerdings gibt es dann auch kein Trennung mehr zwischen dir und deinen Gedanken. Der Gedanke hat Erkannt das es keinen gibt der Denkt ...damit meine ich, dass der Denker (das ICH) ein Erfundener Gedanke ist. Dann verschwinden beide sowohl der Denker als auch der Gedanke. Es besteht dann zwischen dem Gedanken und dem der Denkt weder eine Einheit noch eine Trennung . Kurz es bleibt nicht von dir als Person Übrig Du bist dann weder Existent noch Nicht Existent.

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