Samstag, 21. April 2012

Wie das Selbst das Selbst abwirft

"Sieger bin ich über alles, das ich kannte, aber ungebunden bin ich an alles, das erobert und bekannt ist. Indem ich alles aufgebe, bin ich frei durch die Zerstörung des Begehrens. Nachdem ich so alles unmittelbar selbst verstanden habe, wen soll ich meinen Lehrer nennen?"

Edie Meidav erzählt in ihrem Epos "Henry Goulds magische Reise" (München 2003) von einem, der auszog, um ausgerechnet auf Sri Lanka (Ceylon) in den 30er-Jahren eine ideale Gesellschaft zu errichten. Viele Kapitel werden durch buddhistische Ideale wie im obigen Zitat eingeleitet. An einer Stelle siegt jedoch die Sinnlichkeit über den religiösen Pfad (fette Hervorhebung von mir):

"Als sie und Henry sich lieben an diesem windigen Nachmittag (...) geschieht eine Preisgabe, wie Henry sie niemals zuvor erfahren hat. Nicht bei der Meditation und niemals beim Erfolg. (...)
   Es ist vielleicht, weil er sich endlich gestattet, mit ihr zusammen zu sein - an dem Angelpunkt, an dem er nicht mehr sagen kann, wo sie beginnt und er endet. Das also ist es, was die Buddhisten meinen, sein Gedanke ist Gedanke. Sie suchen sich langsam ihren Weg durch die Nachmittagsliebe. Dies ist das Selbst, das das Selbst abwirft.
   Er sieht ihren Schimmer, sieht die Kaskade von Haar, das sich auf dem Kissen ausbreitet, und denkt, sie ist hier, um gekannt zu werden; er kann diesen Blick festhalten, bis sie ihn ergreift, ohne zu blinzeln und auch ohne Furcht. Heute sind diese Augen nicht so gespenstisch, nein, sie erkennen ihn. Sie wählen ihn geradezu. Hier stehe ich auf meiner Warte und stelle mich auf meinen Turm. Keine Sprache ist vollkommen genug, um genau diese Tatsache zu vermitteln. Sie ist erkennbar nur in dieser besten und einfachsten Art des Schweigens."

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