Dienstag, 17. August 2010

Warum Weisheit vor den Geboten kommt

(recycelt aus einer Mailingliste)

Kürzlich hatte ich eine ernüchternde Erfahrung mit jemandem, dessen Blog ich schätze. Es ging um die Ansicht, belegt durch Zitate, dass der Buddha gegen Ehebruch sei. Ich analysierte diese Zitate und sagte, hier sei klar davon die Rede, dass ein Verheirateter nicht seine eigene Frau teilen solle (also Egoismus). Ehebruch war in diesen Zitaten stets, nicht eine verheiratete Frau zu nehmen, und eben nicht, was im Fall des Buddhisten Tiger Woods diskutiert wurde, dass ein Verheirateter irgendeine (auch nicht-verheiratete) Frau nimmt. Schließlich zog sich der Theravada-Mönch auf eine Auslegung zurück, die doch nun mal seit 2.500 Jahren Bestand habe und nach der dann eben die unverheiratete Frau den Ehebruch beginge. Das aber stand in seinen Zitaten eben gar nicht. Und ich warte bis heute auf umfassendere.

Es ist absolut klar, dass Lehren, die zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten entstanden, nicht allgemein verbindlich sein können. Was wusste Buddha z.B. von der chinesischen Ethnie, wo die Frau das Sagen hat und ihrem Mann erlaubt, sich andere Frauen zu nehmen? Wäre das ein Thema gewesen, hätten das die Pali-Kanoniker auch abgehandelt, genauso wie die Polyandrie in Nepal usf.

"Verbindlich" für den Zen-Buddhisten ist also zu fragen, wie ein "leeres" Ego so an der eigenen Frau hängen kann wie das der Pali-Kanoniker. Nicht, dass ich das nicht nachvollziehen könnte. Aber wir dürfen dabei nicht stehenbleiben. Das ist unser Zen-Weg, das Anhaften zu hinterfragen.

"nicht eingebettet ist in den Dreiklang von sila (Ethik), samadhi (Versenkung), prajna (Weisheit)"

Auch das ist ein alter Hut - der Theravadin. Auch Lehrer wie Thich Nhat Hanh trennen dies nicht sauber.  Wenn man die sila wörtlich befolgt und sich in Versenkung übt, hat man dann automatisch prajna? Ist das seine Ansicht?

Zunächst erfahren wir allerdings im Pali-Kanon, dass ganze Heerscharen von Zuhörern erwachten, indem sie Buddhas Worten lauschten. Also ohne dass jemand die sila überprüfte. Dieser Dreiklang ist nicht mal im Pali-Kanon ausgemacht. Wir könnten lediglich davon ausgehen, dass die sila mit einer gewissen Selbstverständlichkeit sowieso eingehalten wurden. So ist das auch heute die Regel. Der Hinweis auf die Sila erscheint mir etwas schwach, erkennt man doch an der Macht des Dharma, dass er auf ganz andere Weise verwandeln kann.

Der Theravadin Buddhadasa Bhikkhu  beschrieb, wie die Reihenfolge ist: "Morality has to do with behaviour and happiness and is basically the same the world over. A religion is a system of practice of a higher order which differs greatly among the various religions." Dann, so baut sich z.B. sein Handbook for Mankind auf, kommt er zu "insight": "morality und concentration" - also sila und samadhi - seien für dieses höchste Gut zwar eine Grundlage.  Doch: "Buddhism aims directly at the complete elimination of defilements."

Es ist doch wichtig zu verstehen, dass dies durch die sila nicht gelingt, auch nicht durch samadhi, sondern letztlich nur durch prajna. Im Zen heißt dies "Erwachen", Buddhadasa Bhikkhu nennt es "insight". Nur auf dem klassichen Übungsweg des Ordinierten oder dem Stufenweg der Tibeter wird daher etwas zur Grundlage, was tatsächlich umgekehrt prajna zur Grundlage hat. Dies erkennen wir am Erwachen von ganz unterschiedlichen Individuen, die alle ganz unterschiedlich moralisch gelebt haben und dennoch durch "insight" in den Buddha-Dharma erwachten. In Wahrheit entsteht die Moral also aus prajna.

Es gibt dafür einen ganz einfachen Test. Wenn von sila die Rede ist und wenn in Diskussionen darauf hingewiesen wird, geht es regelmäßig um das ÄUßERE Einhalten von Regeln, so wie sie der Interpret versteht. Tatsächlich ist bekannt, dass aber bei den sila die Einstellung zählt. Man kann z.B. auch bestimmte sila äußerlich korrekt und tadelsfrei einhalten, aber egozentrische Motive dabei haben. Natürlich soll das auch laut dem Pali-Kanon nicht sein. Es ist jedoch nicht möglich, dies an den diskutierten Äußerlichkeiten festzumachen. Das Einhalten der sila bedeutet im Hinblick auf prajna also nicht viel. Auch lässt sich prajna nicht auf Äußerlichkeiten beschränken. Wer die sila einhält, kann nicht unbedingt prajna erkennen, aber wer prajna hat, sollte erkennen, warum jemand die sila einhält. Auch wenn der Shakyamuni Buddha noch so sehr Moral predigt, die Umsetzung wird offenbar als selbstverständlich angesehen, wenn erst Erwachen/Nicht-Anhaften da ist. Nicht aber umgekehrt.

Die Feuerpredigt: http://www.palikanon.com/vinaya/mahavagga/mv01_03_15-21.htm#Feuerpredigt
Die dort genannten "Flechtenasketen" waren Brahmanen, die sich "die Zöpfe abschnitten". Brahmanen lebten vor ihrer Bekehrung natürlich nicht erklärtermaßen nach den sila Buddhas. Am Ende jedoch heißt es: "Als diese Belehrung vorgetragen wurde, wurde den tausend Mönchen die Gemütsverfassung frei von den Beeinflussungen ohne zu ergreifen."

Das ist die Beschreibung von Erwachen.

Das Problem ist immer dasselbe. Wenn man meint, man könne mit dem Pali-Kanon eine konsistente Lehre konstruieren, bedarf es nur des Nachschlagens, um diesen Irrtum zu korrigieren. Aus diesen Gründen entstand Zen. Von Anfang an beschäftigten sich Zen-Meister mit der Überlieferung, und sie verstanden, dass die Feuerpredigt bedeutet: Prajna steht über - und nicht neben - den sila.

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