Montag, 16. August 2010

Warum man alle das Gleiche lehren sollte und Nibbana gemäß der dukkha-Lehre gleich dem Tod sein müsste

(aus einer Mailingliste)

I. "Die häufigsten Mißinterpretationen der Lehre rühren von der Annahme, daß jede Belehrung für jedermann gleichermaßen geeignet ist und daß sie, jeweils für sich genommen, nur vorläufige Belehrungen sind."

In Foren habe ich immer wieder erfahren, dass dies nicht eine häufige Mißinterpretation, sondern im Gegenteil die gängigste ist. Und erkannt, dass genau sie falsch ist.

Dies ist also eine der Meinungen, gegen die ich scharf angehe. Aus einem einfachen Grund. Aus eigener Erfahrung betrachte ich es als Aufgabe, den Dharma allen Menschen gleichzeitig vermitteln zu können - in einer heterogenen Gruppe von Akademikern und Analphabeten wäre es die Aufgabe Buddhas, die passenden Worte oder Gesten für alle zu finden. Ich halte dies für möglich. Ansonsten stelle ich die Gegenfrage: "Was im Pali-Kanon hat der Buddha denn für die Gebildeteren gesprochen, sag es mir, dann spar ich mir den Rest." Diese elitären Ausreden haben für mich gar keinen Wert. Und tatsächlich gelang es dem Buddha. Man sieht es an Predigten, bei denen gleich tausend Menschen erwachten. Es ist unvorstellbar, dass diese eine homogene Gruppe bildeten. Tatsächlich ist es so, dass es nicht einen Buddha Shakyamuni gibt, sondern viele Schreiber, Redner, Überlieferer. So erklärt sich der unterschiedliche Stil, so erklären sich widersprechende Aussagen. Das ist die einfachste und beste Erklärung, die sich mit sonstigen religionswissenschaftlichen Erkenntnissen deckt. Es ist nicht so wesentlich, dass die Zuhörer sich unterschieden, sondern die Pali-Kanoniker. Und einige von ihnen waren recht beschränkt.

An verschiedenen Beispielen lässt sich das im Detail belegen. Der Vinaya, als Mönchslektüre gedacht, definiert z.B. erst den Unterschied zwischen Mensch- und Tierleben. Dieser Unterschied ist jedoch für jeden Buddhisten unabdingbar. Zu glauben, es genüge, wenn Mönche ihn kennen, ist grotesk. Erst das Parajika, der Ausschluss eines Mönches aus der Sangha nach Töten eines anderen Menschen, macht das klar - denn das Töten eines Tieres ist lediglich ein Pacittiya-Vergehen. Der Irrglaube, man dürfe die Schriften so lesen, als würden sie sich an eine je spezielle Hörerschaft richten, würde hier dazu führen, dass die anderen das Töten eines Mensch- und Tierlebens auf die gleiche oder auch nur annhähernd gleiche Stufe stellen. Es gibt, wie wir wissen, inzwischen viele buddhistische Lehrer im Westen, die genau dies tun - und üblerweise sogar welche, die nach dem Vinaya ordiniert wurden. Sie leiten aus dem Gebot des Nicht-Tötens eine Allgemeingültigkeit ab, die durch den Vinaya widerlegt ist. Der Vinaya stuft ab.

II. Buddhadasa Bhikkhu: "Morality ... cannot do away with suffering."

Ich sage es einmal ganz einfach. Der Schmerz existiert als "Gefühl" - und ebenso als Schmerz-Bewusstsein. Dies ist seine eigentliche Existenz. Darum ist der Schmerz selbst dukkha. Im Unterschied zu den anderen gemeinhin zitierten "Gefühlen" ist er jedoch der Überwindung nicht ohne Weiteres zugänglich. Jedenfalls, in bestimmten Bereichen, nicht mehr mit den Mitteln des Achtfachen Pfades usf.

Die Definition von Nirwana ist: Vollständige Elimination von dukkha. Die Elimination von Schmerz ist im Leben nicht möglich bzw. mehr oder weniger Zufall (oder in den Augen mancher eine Folge von Karma). In der inneren Logik der Sutren - gleicht man sie mit diesen Erkenntnissen und Erfahrungen ab, die zu Zeiten Shakyamunis bekannt gewesen sein dürften - ist es demnach unmöglich, Nirwana im Leben zu erreichen. Genau dies lehren - und erhoffen - aber auch viele Theravadin. Es kann ihnen folglich nie gelingen, denn den Schmerz können sie nicht ausschalten, egal, wie sie denken, meditieren, sich in Gleichmut üben - und ich meine, nochmal, den Schmerz, der dukkha ist. Denn der Schmerz ist nie etwas anderes. Das Lamentieren mag es sein, doch der Schmerz ist es nicht. Der Liebeskummer, der Ärger, die Wut sind jedoch immer etwas anderes. Sie sind eben keine physiologische Notwendigkeit. Der Schmerz schon. Er besitzt die Eigenschaft, sich ganz gegen unseren Willen und trotz allen Vorbeugens etc. anzuhaften, und er tut dies zuweilen mit einer Kraft, die mit keiner Beleidigung, Schmähung, Liebe, Lob usf. vergleichbar ist.

Nibbana ist hingegen das Ungestaltete.

"A.III. 47-48 Das Gestaltete und das Ungestaltete

Drei Merkmale des Gestalteten gibt es, ihr Mönche. Welche drei?

* Ein Entstehen zeigt sich;
* ein Vergehen zeigt sich; und
* eine Veränderung des Bestehenden zeigt sich.

Diese drei Merkmale des Gestalteten gibt es, ihr Mönche.

Drei Merkmale des Ungestalteten gibt es, ihr Mönche. Welche drei?

* Kein Entstehen zeigt sich;
* kein Vergehen zeigt sich; und
* keine Veränderung des Bestehenden zeigt sich.

Diese drei Merkmale des Ungestalteten gibt es, ihr Mönche"

Kein Entstehen, kein Vergehen, keine Veränderung - genau dies ist nicht möglich beim Schmerz, und zwar unabhängig von der Haltung dazu.

Kommentare:

  1. Einfach den Schmerz annehmen - er ist ja nichts als "Jetzt". Und das vergeht nicht.

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  2. Da Schmerzen sogar zum neurogenen Schock - und damit etwa zum Kreislaufversagen - führen können, halte ich dieses "annehmen" nicht für ein allgemeingültiges "Heilmittel".

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  3. Ja, aber Schmerz und gerade chronischer Schmerz hat immer eine psychische Komponente. Entspannungsmethoden und innere Einstellung zu Schmerzen sind aus der modernen Schmerztherapie nicht mehr wegzudenken. Auch (nicht nur aber auch) aus der der Zen-/Buddhalehre (oder wie immer ihr es nennen wollt) entstandene Konzepte haben bereits vor langer Zeit Einzug in diese gefunden.
    Trotzdem ist die psychische Komponente von Schmerzen nur eine unter mehreren. Ich denke, das ist der Punkt den Gui Do deutlich machen möchte.
    Bitte lasst dieses Thema doch einfach bei den Medizinern, denn die haben weit mehr Erfahrungen damit und glaubt nicht, dass sie auf der Leitung stehen, nur weil sie sich nie mit Buddha beschäftigt haben.

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  4. Gerade in einem Interview mit Werner Ablass gehört:
    "Leid ist für mich die künstliche Verlängerung von spontan auftretenden Schmerz oder Ärger"
    Das Buddha Schmerzen hatte, ist ja völlig unstrittig. Er liess ja sogar Vortäge von seinen Schülern weiterhalten, weil seine Rückenschmerzen zu groß waren. Aber dieser ganze Rattenschwanz war da vielleicht nicht dran.

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    Giri

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