Montag, 9. August 2010

"Illusionen" beim Philosophen Hartmann

"Damals war die öffentliche Diskussion (...) über Hartmann als den Schöpfer des neuesten großen philosophischen Systems so lebhaft, dass man sogar sagte, das 19. Jahrhundert habe zwei Dinge hervorgebracht: die Eisenbahn und Hartmanns Philosophie.
   Vor allem die 'drei Stadien der Illusion' ließen mich Dankbarkeit der Philosophie gegenüber empfinden. Um zu beweisen, dass das Glück nicht Ziel des Menschenlebens sein könne, entwickelte Hartmann das Konzept der drei Stadien der Illusion. Im ersten Stadium versuche der Mensch, in der realen Welt das Glück zu erreichen. Hartmann zählt die Illusionen dieses Stadiums: Jugend, Gesundheit, Freundschaft, Liebe, Ehre auf und zerstört eine nach der anderen. Liebe etwa sei im Wesentlichen Leiden. (...) Im zweiten Stadium suche man das Glück nach dem Tode. Die Voraussetzung hierfür sei die Annahme der Unauslöschlichkeit des Individuums. Das Bewusstsein des Individuums verlösche jedoch mit dem Tode. (...) Im dritten Stadium suche man das Glück in der Zukunft des Weltprozesses. Das habe die Annahme einer evolutionären Entwicklung der Welt als Voraussetzung. Aber wie sehr die Entwicklung auch voranschreite, Alter, Krankheit, Not und Gefahr hörten nie auf. Man nehme sie sogar schärfer wahr, da die Nerven sensibler würden. Das Leid nehme mit der Evolution zu. Betrachte man jene drei Stadien, so erkenne man, dass das Glück ewig unerreichbar sei. Hartmanns Metaphysik zufolge ist DIESE WELT DIE BESTE ALLER MÖGLICHEN WELTEN. Wenn man aber frage, was besser wäre, ihr Sein oder Nichtsein, so wäre es besser, sie existierte nicht."

Aus: Mori Ogai, Im Umbau (Frankfurt 1989)

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