Freitag, 13. April 2012

Der Körper lebt, die Seele stirbt

Die Terasse des Leprakönigs ist ein Bühnenstück von Yukio Mishima (1925-1970), benannt nach dem gleichnamigen Tempelkomplex in Angkor. Am Ende gibt es einen Dialog zwischen der Seele, die stirbt, und dem Körper. Mishima interpretiert den Bayontempel mit seinen Gesichtern des Buddha Avalokiteshvara als quasi ewige, spiegelbildliche Verkörperlichung des Khmer-Königs Jayavarman VII., der den Bau in Auftrag gab. Die Idee, dass nicht die Seele, sondern der Körper unsterblich sei, findet hier ihren in Stein gemeißelten Ausdruck. Der Körper spricht zur Seele in einem zennahen Duktus:

"Stirb nun also, verlösche. Der frische Morgenatem, der Morgenwind, in die weiten Lungen inhaliert - auf diese Weise beginnt der Tag für den Körper. Dann badet der Körper, kämpft, rennt, liebt, betrinkt sich mit den besten Weinen der Welt, wetteifert, um zu sehen, welche Form die schönere ist, macht Komplimente usf. - bis er sich am Ende des Tages mit einem anderen Körper zur Ruhe bettet. Der Körper eilt also durch jeden Tag mit von duftenden Seewinden geblähten Segeln.
   Etwas zu planen - das war deine Krankheit. Etwas zu machen - das war deine Krankheit. Meine Brust glitzert wie ein Schiffsbug in der Sonne, während ich das Wasser mit den mitleidslosen Rudern der Jugend durchpflüge.
   Ich komme nirgendwo an. Ich habe kein Ziel. Ich schlage einfach weiter mit meinen fünffarbigen Flügeln wie ein Kolibri, der in der Luft steht. Meinem Beispiel nicht zu folgen - das war deine Krankheit."

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.