Montag, 1. August 2011

Warum ein Buddhist der Organspende zustimmen kann/soll

     "Dôgen sprach in der Vortragshalle: „Shâkyamuni Buddha sagte zu Menschen und Himmelswesen: ‚Menschen werden in Jambudvîpa[1] als Folge ihres besten Karmas geboren, doch in Uttarakuru[2] als Folge ihres schlimmsten Karmas.‘ Lasst mich euch erklären, Mönche: Was ist das schlimmste Karma? Es ist, Kot oder Urin auszuscheiden. Was ist dann das beste Karma? Es ist, früh am Morgen Haferschleim zu essen und mittags Reis, am frühen Abend Zazen zu machen und um Mitternacht schlafen zu gehen."(Eihei Kôroku, Kap. IV)


[1]    Der südlichste der vier Kontinente nach indischer Vorstellung – die Menschenwelt.
[2]    Der nördlichste der vier Kontinente nach indischer Vorstellung – seine Bewohner sollen tausend Jahre alt werden und fortdauerndes Glück erleben.

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Kürzlich ließ sich Sôgen in seinem Blog über die "Erklärungslösung" der Organspende aus und versuchte aufzuzeigen, dass auch der Definition des Hirntodes letztlich ein abendländisches Weltbild der Trennung von Leib und Seele zugrundeläge. Ein Kommentator war von seinen Gedankengängen ganz angetan.

Ich nicht. Und weil ich in seiner Kommentarfunktion nur kurz hätte antworten können, will ich es lieber hier tun. Gerade der letzte Absatz, wo fantasiert wird, aus Nutzengründen könnten sozial Schwache vielleicht einmal zu Organspenden herangezogen oder verpflichtet werden, zeigt doch, dass mit Ängsten gespielt und schwarz gemalt werden soll. Ich kann mal als Gegenbeispiel ein asoziales Arschloch aus einer einkommensschwachen Siedlung nennen - Hartz IV-Empfänger, früher offenbar gern am Wasserhäuschen zum Saufen und nach Jahren der Dialyse nun eine Nierenspende. Es läuft also tatsächlich genau umgekehrt in diesem Sozialstaat. Es dürfte nicht wenige Menschen geben, die aus diesem Grund keine Organe spenden wollen - weil sie nicht möchten, dass sie in Gestalten landen, die der Allgemeinheit vor allem schaden und die sich zudem gern selbst ruinieren. Und man kann sich nun mal in der Regel nicht aussuchen, wer das gespendete Organ bekommt. Das im Einzelfall möglich zu machen wäre m.E. wesentlicher, um neue Spender zu gewinnen. Gerade wenn man sich des Ursache-Wirkungs-Prinzips bewusst ist. Es würden noch genug Menschen übrig bleiben, denen es egal ist, wohin ihre Organe gehen, wenn sie tot sind.

In Sôgens Formulierungen zum "Sterbeprozess" sehe ich vor allem den Einfluss des tibetischen Buddhismus. Im Zen ist Leben und Sterben "eins" und es hat sich inzwischen glücklicherweise bei vielen Zen-Lehrern die Einstellung durchgesetzt, man könne zwar nichts über die "Wiedergeburt" (und damit auch über Stufen von Zwischenexistenzen) sagen, würde ihr Konzept jedoch nicht benötigen. Gerade weil keine künstliche Unterscheidung bezüglich eines Einschnittes durch den Tod gemacht werden soll, ist es im Sinne einer Zen-Aufklärung doch so, dass die Menschen bei rechtem Verständnis zu Organspendern werden müssten. Der "Sterbeprozess" bleibt, was er ist, ob Organe entnommen werden oder nicht. Die Aufgabe des "Sich Versenkens" ist die gleiche wie im gesunden Zustand. Von daher ist auch nicht nachvollziehbar, weshalb "Unentschiedenen" bzw. ihren Angehörigen die Verweigerung der Organspende nahegelegt wird. Ein Zen-Adept weiß doch, dass "nichts passieren" kann und die Spende ethisch in jedem Fall das "Anhaften" in den Schatten stellt.

Im Grunde wird hier impliziert, dass der (meditative) Sterbeprozess durch das Erzeugen von Schmerzen oder - was beim Hirntod absurd wäre - das Eingreifen in irgendwie selbstbestimmte und gesteuerte Gedankenflüsse infolge der Organentnahme gestört würde. Das wäre gerade so, als würde man sich keine Gallenblase und keinen Blinddarm mehr entfernen lassen, weil in der Narkose sozusagen das Samadhi, die Versenkung, gefährdet würde. Wer schon unter Narkose war, der kann freilich dies bestätigen: Entweder erinnert man sich an rein gar nichts, es war also "nichts gewesen", oder man hat irgendwelche seltsamen Träume, Albträume, Visionen oder Erscheinungen gehabt, die letztlich im Zen ins Reich der Täuschungen verwiesen werden. Was soll also nach menschlichem Ermessen sonst passieren? Ein Samadhi im Zen-Sinne ist in einem solch bewusstlosen Zustand nicht möglich, und wir können davon ausgehen, dass der Hirntod diese Tatsache noch "zuspitzt". Es ist also nicht so, wie Okumura Rôshi mal auf die Frage, was er denn täte, wenn es nach diesem Leben weiterginge, vielleicht sogar scherzhaft antwortete: "Ich würde weitermeditieren." Das Ich ist im Hirntod aufgelöst, das Weitermeditieren setzt jedoch etwas voraus, was nicht mehr gegeben ist, aber gegeben sein müsste, um Kriterien eines Sterbeprozesses gelten zu lassen, nämlich jenes personale "ich". Das "Entpersonalisierte" haftet ja an nichts mehr - nicht einmal am Meditieren.

Wir laufen also, wenn wir die Endgültigkeit des Todes für das individuelle Ich verdrängen, gerade Gefahr, Opfer eines abendländischen Weltbildes zu werden, und das entgeht Sôgen. Aus diesem Grund haben auch bedeutende Theravada-Mönche wie Buddhadasa Bhikkhu lebensverlängernde Maßnahmen abgelehnt, doch selbst in ihren buddhistischen Heimatländern hat man aus falsch verstandenem Mitleid gegen ihren Willen - und aus Angst vor jener Endgültigkeit - den Sterbeprozess nicht nur mental, wie es Sôgen nahelegt, sondern rein physisch verlängert. Wie mir ein Schüler eines solchen Meisters einmal sagte, war dieser am Ende jahrelang nur noch "Gemüse". Wenn wir den Mut haben, den Hirntod als das Ende eines phänomenalen Vorgangs "Leben" zu betrachten, der in einem tieferen Sinne sich nicht von dem illusionslosen Grundzustand eines Wesens (seiner Buddha-Natur) unterscheidet und deshalb mit Sterben und Tod eins sein kann (die nach buddhistischer Auffassung diese Buddha-Natur nicht tangieren), dann vermeiden wir, dass "Gemüse", also der für hirntot Erklärte, nur vor sich hin welkt oder in einer Verbrennungsanlage landet, statt mit brauchbaren Organen noch anderes Leben zu nähren.

Was bedeutet es wirklich, "Körper und Geist abzuwerfen"?

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      "Am 1. September sprach Dôgen in der Vortragshalle: „Ich sitze konzentriert auf dem Zazen-Kissen und denke jenseits von Denken und Nicht-Denken. Dies ist so wundersam wie ein Kobold. Durch das Zazen auf diesem Berg schlucke ich einen Mund voller Buddhas und fühlender Wesen und fange Hasen und wilde Elefanten auf einen Schlag, genau wie es ein auf dem Boden lauernder Löwe tut. Während ich versuche, ein Buddha zu werden oder die buddhistische Übung zerstöre, lache ich herzlich über die Täuschungen in den drei oder fünf Fahrzeugen[1]. Ihr solltet bestimmt nicht den Weg verwirklichen oder euren Buddha-Geist klären, indem ihr anderen folgt. Selbst Zazen für immer abwerfend und die Leere allein empfangend, müsst ihr nur ihren Klang hören. Wollt ihr noch mehr wissen?
         Die fünf Blätter der Pflaumenblüten öffnen sich im Frühling jenseits der Zeit. Der Mond hängt weiß am Morgenhimmel." (Eihei Kôroku, Kap. IV) 


[1]    Die drei Fahrzeuge sind die der Shrâvakas, Pratyeka-Buddhas und Bodhisattvas, zu den fünf Fahrzeugen zählen noch die der Menschen und der Himmelswesen.

1 Kommentar:

  1. Habe selber eine lange Zeit eine unklare Ablehnung gegen Organspende gehabt. Mittlerweile halte ich es im Rückblick auch nur für eine subtile Form von Angst. Wenn wer was brauchen kann - bitte!
    (Andere Fragen sind soziale Implikationen, "Beschaffungskriminalität" oder dergleichen...)

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