Freitag, 17. Februar 2012

Prajna und reines Fühlen

In dem Shin-buddhistischen Klassiker Naturalness von Kenryo Kanamatsu (Bloomington 2002) fand ich folgende interessante Passagen:

"Prajna oder Nicht-Denken oder Gedanken-losigkeit unterscheidet nicht, sondern ist jenseits des selbstzentrierten Bewusstseins (vijnana), das die endlosen Verflochtenheiten von Unterscheidungen erzeugt. Als grundlegendes reines Fühlen umfasst prajna das gewöhnliche, sachliche, objektunterscheidende, zeitgebende Bewusstsein. Die gesamte buddhistische Lehre dreht sich um diese zentrale Idee des reinen Fühlens oder des Nicht-Denkens oder der Gedanken-losigkeit und zeigt damit, dass keine spirituelle Wahrheit durch Reflexion oder Demonstration erfasst werden kann. (...)

In diesem reinen Fühlen, das sich normalerweise als Glaube an den Wert des Lebens manifestiert und in ekstatischer Form als Intuition des Undenkbaren Zeitlosen Daseins - und nicht in Gedanken, die sich auf spekulative Weise zusammensetzen -, kommt das Bewusstsein dem Ziel der Metaphysik am nächsten: Letztgültiger Wirklichkeit (...) Es ist im reinen Fühlen, wo man sich des Guten bewusst ist bzw. eines Universums als einem Ort, an dem zu sein gut ist."

Der Titel dieses Werkes, Naturalness (Jinen), beschreibt, was Shinran* als die Befreiung des Selbst lehrte, bei der die Eigenkraft (jiriki) mit der "anderen" Kraft (tariki), die nicht in einem selbst liegt, verschmilzt. Dies entspricht der Aufgabe eines Eigenwillens (hakarai) an einen Ewigen Willen. So soll der Glaube an Amida verstanden werden (der sich u.a. auf das Sukhavat-vyuha-Sutra stützt, in dem Shakyamuni dem Shariputra das Reine Land und die wundervollen Tugenden Amidas darlegt). 
   In diesem Prozess gibt es keine Stufen, sondern eine plötzliche Übertragung (parinamana/eko), die einem Sprung (ocho) gleichkommt.
   Das Karma ist zugleich Karma wie aber auch Nicht-Karma (akarma). Durch die Identifizierung mit den Grenzen des Karmas entsteht Freiheit - so wie erst eine gespannte, festgesetzte Harfensaite die Freiheit der Musik ermöglicht -, indem also der Mensch erkennt, dass er bereits Karma ist. Die Welt mit ihren Leiden, Verfehlungen und Dualismen wird eins mit der spirituellen Welt. So entsteht auf dieser Erde das Reine Land Amidas.

[*1173-1263, Begründer des Laienbuddhismus und der Jôdo-shinshû in Japan]

1 Kommentar:

  1. Namaste!

    Shinran Shonin gehört mit Sicherheit zu "den großen Verwirklichten".

    Den Eigenwillen und den damit verbundenen Glauben an die eigene Kraft (Jiriki) aufzugeben, um "das ganz andere" anzunehmen klingt immer recht simpel.
    Ist es aber nicht.
    Nach meiner Erfahrung ist dafür immer auch eine Art "absolutes Scheitern" erforderlich - und wer will das schon?

    So "dümpelt" man dann immer zwischen den beiden Richtungen; wer kann ermessen, wohin es führt?

    Vielleicht hat Meister Hônen doch recht, wenn er ausführt, dass Amida uns im Augenblick des Todes geleitet; denn dann wäre auf jeden Fall das Scheitern absolut - zumindest für die meisten von uns.

    - Namu Amida Butsu -

    < gasshô >

    Benkei

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