Sonntag, 30. Oktober 2011

Zen-Mythen:
Schmerzen beim Sitzen

Im Laufe meiner meditativen und Uebersetzungsuebungen stiess ich immer wieder auf die Formulierung "mit den Schmerzen eins werden". Ich halte sie fuer nicht mehr angebracht und will dies erlaeutern. Wenn wir mit etwas eins werden, setzen wir voraus, dass da zwei sind. Auf dem Zenweg legen wir jedoch diese Vorstellung ab. Ist das mit Einswerden gemeint, dann sind wir also quasi Schmerz, dann IST da Schmerz, ohne dass er bewertet wird. Diese Art zu denken ist sicher erstrebenswert. Betrachten wir nun aber den Sinn von Schmerzen. Sie zeigen uns, dass etwas nicht richtig ist, dass wir krank sind, uns falsch ernaehren, aber auch, dass wir falsch sitzen. Die ganz natuerliche Reaktion in letzterem Fall ist eine Veraenderung der Sitzhaltung. Die im Dogenzen praktizierte Haltung ist leider nicht geeignet, besonders schmerzarm zu sein. Darum finden wir auf alten Darstellungen Bodhidharmas auch meist einen krummen Ruecken des Patriarchen, weil sich der beim langen Sitzen automatisch einstellt. Der Dogenadept wendet nun geistige Konzentrationskraft auf, statt es sich einfach bequem zu machen, weil er das Erwachen faelschlich an eine in seiner Schule als einzig korrekt angesehene Meditationshaltung koppelt. Tatsaechlich macht er damit aus etwas, das eins ist, zunaechst erst mal zwei, geht also einen Umweg. Das ist recht seltsam. Denn auch der Buddha des Palikanons sass anders.
   Dennoch kann im niederschmerzigen Bereich der Zenadept schon bald Erfolge verspueren. Leider ordnet er sie faelschlich seiner mentalen Kraft zu, naemlich der rechten Ansicht des Einsseins mit dem Schmerz. Was tatsaechlich passiert ist das gleiche wie bei jedem Training - eine koerperliche Gewoehnung. Darum haben auch Japaner mit dem Fersensitz kein Problem, einzig, weil sie ihn lange genug eingeuebt haben - eine grosse geistige Leistung im Sinne eines Schmerzaushaltens oder Einswerdens ist nicht mehr noetig.
   Wenn die Schmerzen dann auf der bekannten Schmerzskala nicht mehr nur bei 2 oder 3 liegen, wo ich sie mal im Zazen anordne, sondern in den  Bereich ab 6 oder 7 kommen, dann greift der Zenadept in aller Regel auch zu Schmerzmitteln. Die Vorstellung des Einsseins mit dem Schmerz, das Beobachten und Gewahrsein des Schmerzes werden sekundaer. Nicht alles, womit ich eins bin, dient meiner Lebensqualitaet. Letztlich sind Schmerz und Zennie dann wieder zwei, auf der phaenomenalen Ebene, weil nur so auf den Schmerz angemessen reagiert werden kann - dazu bedarf es einer Unterscheidungskraft. Wenn ihr das nicht glaubt, wartet einfach ab, bis eure Lehrer vom Krebs zerfressen werden oder aehnliches. Wenn ihr schon vorher ein Einsehen habt, dann versteht ihr auch, dass Erwachen ein spiritueller Prozess ist, der selbst dem leproesesten und skoliosesten Krueppel genauso gelingen kann wie einer Deshimaru-Kopie.

Kommentare:

  1. Na,
    das ist aber für rechtschaffene Zenisten ein starker Tobak. Wo in vielen Zen-Gruppen schon die falsche Sockenfarbe für die Exkommunikation sorgt. Buddha mit krummem Rücken, Bodhidharma mit schiefem Grinsen - wo bleiben da unsere Zen-Heiligen? Hat Rinzai etwa Rückenschmerzen beim Zazen gehabt?
    Das Interessante ist für mich, daß in den ganzen alten Texten der chinesischen Patriarchen das stille Sitzen oder die Sitzhaltung fast nie erwähnt werden, obwohl ansonsten jeder Alltagsquark durch den Kakao gezogen wird. In dem genialen Werk "Dialog über das Auslöschen der Anschauung" kann man leicht sehen, weshalb.
    Ich denke, daß erst mit dem Japanisieren des Zen diese Übermacht der Struktur Einzug gehalten hat - und dabei den Geist des Zen (?)weitgehend vertrieben hat.
    Gruß vom Berg
    Christoph

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  2. Hi GuiDo,

    mal kurze Frage hierzu. In welcher Haltung sitzt du denn Sesshins oder längere Sitzperioden?

    Ich bin sehr gerne für Vorschläge offen, wenn du eine Haltung kennst in der man längere Zeit, oder auch nur eine Stunde bewegungslos mit weniger Schmerzen sitzen kann als in den "klassischen" Meditationshaltungen die in den meisten Traditionen sehr ähnlich sind.

    Viele Grüße,

    Auf-Dem-Boden-Meditierer

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  3. Also, ich sitze so, wie ich es gelernt habe, ebenfalls auf dem Boden. Aber eine Stunde bewegungslos mit weniger Schmerzen sitze ich auf einem guten Stuhl oder in einem bequemen Sessel. Du kannst ja mal ausprobieren, ob das, was da durch Deinen Geist geht, sich im bequemen Sessel wesentlich unterscheidet und ob es tatsaechlich unmoeglich ist, dort die entsprechenden Gedanken ziehen zu lassen oder wie auch immer damit in Deiner Tradition umgegangen wird.

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  4. Ich erinnere bezüglich dieser Frage auch gern an Yoga-Sutra, II.46. wo es lapidar bezüglich der Meditation heißt:
    "Die Sitzhaltung soll fest und angenehm sein."
    Nix´ von wegen "Schmerzen muss man aushalten können..."

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  5. Ohjela, Mythos!
    Wie ehrlich und herrlich sein kann, wenn die Blinden-Wahrsager mal gemeinsam ein Elefant zu befummeln.

    Ein asiat. Zen Buddhist

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