Dienstag, 3. Mai 2011

Bin Laden is dead ... again

Färbte sich Bin Laden wirklich Jahre nach seinem vom französischen Geheimdienst bereits über den News-Ticker gemeldeten Tod noch die Haare - und warum musste er so schnell bestattet werden? Das Fernsehen ...
   ... gibt mir Gelegenheit, auf einen wirklich unerträglichen Satz eines alten Mannes einzugehen, dem ich als Literaturkritiker im TV einst recht gerne zusah. Marcel Reich-Ranickis Frau Teofila ist vor ein paar Tagen in hohem Alter verstorben. "Auf die Frage, woran seine Frau gestorben sei, antwortete Marcel Reich-Ranicki: "An Deutschland. Um 11.00 Uhr."" (Quelle)
   Meinte er "IN Deutschland"? Hmm Meinte er Selbstmord (sie habe sich absichtlich hier aufgehalten, um daran zugrunde zu gehen)? Hmm. Meinte er vielleicht: "An den Muslimen Deutschlands"? Ja, das könnte Sinn machen. Von Muslimen umringt zu sein, beunruhigt manche Juden. Was die Rechten angeht, so ist Deutschland mittlerweile in Europa eine einsame Insel - fast überall ringsherum spielen sie inzwischen eine politisch bedeutsame Rolle, nur hier nicht. Sollte Reich-Ranicki also etwas anderes gemeint haben, darf ihn der Staat dann wegen Beleidigung und übler Nachrede zur Rechenschaft ziehen? Mein Beileid jedenfalls. Ich habe den Eindruck, seine Aussage hat entscheidend mit Religion und Ideologie zu tun. Und dafür ist dieser Blog zuständig.

(Foto von Smalltown Boy, wikipedia.de)

Kommentare:

  1. Also ich versuch mal, Deine Position in meinen Worten zusammen zu fassen:

    Du meinst, auch Menschen, deren Familie man umgebracht hat, dürfen gegenüber dem Tätervolk nicht ausfällig werden und auch für solche Äußerungen sollte eine konsequente Strafverfolgung einsetzen. Wenn schon so viele Mörder und Profiteure im Dritten Reich ungestraft davon gekommen sind, darf uns der gleiche Fehler nicht bei den Opfern unterlaufen.

    Und natürlich müssen auch Täterkinder oder Täterenkel (zu denen evtl. du gehörst?) das uneingeschränkte Recht haben, auf den ehemaligen Opfern herum zu hacken.

    Insbesondere wenn man Übersetzer und Verleger buddhistischer Literatur ist, hat man geradezu die Pflicht, solche Äußerungen dazu zu nutzen, noch mehr Unfrieden zu stiften. Erst wenn die letzte Meinung ausgekämpft und der letzte Andersdenkende beerdigt ist, wird auf der Erde über allen Gräbern wahrer Friede herrschen. Nachsicht und Freundlichkeit sind nur Hindernisse auf dem Weg dort hin.


    Habe ich Deine inhaltliche Position und deine publizistische Haltung korrekt wieder gegeben?

    Gassho

    Dein eifriger Leser aus Halle

    AntwortenLöschen
  2. Namaste!

    Tot, ja so scheint es jedenfalls.

    So haben die ersten beiden Mai-Tage also schon zwei neue "Heilige" gebracht:
    - den seeligen Papst Johannes Paul II, und
    - den Märtyrer (Achtung: nicht das KFZ!) Osama Bin Laden.

    Beide haben wohl ein paar Gemeinsamkeiten (tiefreligiös, Opfer von Schusswaffenattentaten) aber auch gravierende Unterschiede...

    Heilig sein, was heißt das eigentlich?
    Und kann man das durch den Tod überhaupt werden? Ich glaube nicht.

    Für mich ist Heiligkeit eine (wahrscheinlich absolut utophische) Lebensführung, für die man keine nachtodliche Bestätigung braucht.

    < gasshô >

    Benkei

    AntwortenLöschen
  3. Mal was anderes, was hälst du also Kritiker denn von Sekkei Harada, Autor von "Die Essenz des Zen"? Finde so wenig über den!

    AntwortenLöschen
  4. Zu Anonym 3: Zu Sekkei Harada kann ich nix beitragen.

    Zu Anonym 1: Nein, das meine ich nicht. Dein "Tätervolk" ist nicht Deutschland, sondern das Dritte Reich. Und ich hacke hier nicht auf einem "Opfer" herum, sondern auf einem Täter, nämlich dem, der das Zitat getan hat. Er ist derjenige, der Unfrieden stiftete.

    AntwortenLöschen
  5. Ich lese deinen Blog gerne, deine Kritik an anderen buddhistischen Lehrmeinungen oder Irrtümern und Lehrern (wirklichen und selbsternannten) finde ich meist erhellend und bedenkenswert.

    Dieser Kommentar ist allerdings überflüssig, bestenfalls wirr oder einfach nur dumm. Was willst du eigentlich sagen? Warum bringst du die Muslime ins Spiel? Weil du sie nicht magst, einen anderen Grund sehe ich nicht? Weisst du, was Reich-Ranicki und seine Frau im Dritten Reich erlebt haben, woran sie leiden und litten und woran/warum sie gestorben ist? Manchmal wäre es auch für einen Zen-Rüpel besser, er hielte einfach mal den Mund.

    Ein Leser aus Berlin

    AntwortenLöschen
  6. Ich werde Deine Frage bald in gewisser Weise beantworten, indem ich ein Dokument meines Vaters einscanne, das ich gerade beim Aufräumen fand. Er war Jahrgang 1927 und bekam es zum Schulabschluss. Dort ist vom "Vaterland" die Rede. Ich habe keine Angst davor, Deutschland als mein "Vaterland" zu bezeichnen, dies ist auch ethymologisch korrekt. Wenn jemand meint, seine Frau sei "an Deutschland" (und eben nicht: am Deutschen Reich) gestorben, dann beleidigt er mein Vaterland. Hätte ER den Mund gehalten, hätte ich mich nicht bemüßigt gefühlt, etwas zu sagen. Eine Aussage, die HEUTE Deutschland mit einer tödlichen Krankheit implizit gleichsetzt, ist FÜR MICH "überflüssig, bestenfalls wirr oder einfach nur dumm". Wie Du meinen Beitrag im Weiteren verstehst, ist Deine Sache.

    AntwortenLöschen
  7. Immer cool bleiben...........

    es handelt sich um einen koan allerhöchster Kategorie.

    AntwortenLöschen
  8. Nachtrag: Ich dachte ja immer, dass der Buddhismus und Zen die Menschen besser/klüger machen können. Etwa indem sie helfen, das Anhaften (ans Ego, an Sachen, an Vor-Urteile) abzuschwächen und aufzulösen. Z.B. das Anhaften an närrische Gedankengebilde wie einem "Vaterland" das "beleidigt" werden kann.

    Und wieder zerbröselt eine meiner Illusionen...

    Leser aus Berlin

    AntwortenLöschen
  9. Komisch, ich dachte das sogar mal vom Judaismus ...

    Wer den Unterschied zwischen Vorurteil und Urteil nicht versteht, der kann keine Entscheidungen treffen, vor allem keine ethischer Natur. Das Vaterland ist kein Gedankengebilde, sondern geistige, sprachliche, physische Heimat. Wenn du keine hast, finde ich das schade. Beleidigt wird - da hast du Recht - letztlich immer nur der Mensch, nicht das Gebilde, es muss sich also ein Vertreter des Vaterlandes beleidigt fühlen, und das bin hier ich.

    Der Zen-Weg führt über die Zerstörung der Illusionen zurück zur Einfachheit. Du denkst dualistisch, wenn du meinst, du könntest nicht mehr beleidigt werden, wenn du den Zen-Weg gehst und gegangen bist. Ich beschreibe hier einen faktischen persönlichen Zustand. Du hängst der Illusion irgendeines "Idealzustandes" an.

    Juristisch ist die Beleidigung darum auch ebenso definiert wie die Verunglimpfung des Staates.

    "§ 90a
    Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole

    (1) Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3)
    1. die Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder oder ihre verfassungsmäßige Ordnung beschimpft oder böswillig verächtlich macht ... wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft."

    AntwortenLöschen
  10. Köstlich!
    Neben der von mir schon lange ersehnten Klärung des Zusammenhangs zwischen 'Vaterland' und 'Nicht-Dualität' hat mich die (fast rührend naive) Beweisführung

    1. Der Staat behauptet, er könne verunglimpft werden, also kann der Staat verunglimpft werden...

    2. Der Staat bin ich (Credo aller Gemeinschaftskundelehrer).

    3. Wer den Staat beleidigt, beleidigt mich.

    doch sehr amüsiert. Hier schließt sich auch der Kreis zu den etwas zusammenhanglos in den Text eingeflochtenen Muslimen, handelt es sich doch anscheinend um einen Reflex auf die in der Griesheimer Foockenstraße nicht unbekannten Forderung 'Respekt, Alder!'...

    Nicht zu übertreffen ist allerdings der orthographische Lapsus 'ethymologisch (sic!) korrekt'; das ist beinahe valentinesk...

    Nightrainmonk

    AntwortenLöschen
  11. Danke für den Hinweis auf diesen verbreiteten Schreibfehler (etymologia ...). Ich habe keinen Korrekturleser für meinen Blog, es ist nicht der erste und nicht der letzte Fehler dieser Art.

    Diese Erbsenzählerei sagt dann aber auch was über dich aus. Die Foockenstraße ist momentan lediglich meine ladungsfähige Anschrift, ich wohne woanders. Die Anspielung ist mir darum schleierhaft.

    Für dich mögen die Muslime "zusammenhanglos" sein, ich aber glaube tatsächlich, dass Reich-Ranicki und seine verstorbene Frau, die wie ich in Frankfurt am Main leb(t)en, die Empfindung haben/hatten, dass Deutschland besonders an "seinen" Muslimen krankt. Was ich also andeutete, nein, sogar explizit sagte (!), ist, dass ich RR einen Reflex auf Muslime unterstelle in seinem Zitat, dass nur scheinbar etwas mit der Vergangenheit - und dem Deutschen Reich - zu tun hat. Ich glaube, dass der gegenwärtige RR weniger an seiner Vergangenheit als an seiner Gegenwart knabbert und diesen Satz aus einem anderen Grund sagte, als ihn die meisten Leser unterstellen.

    Und genau da schließt sich der Kreis zu Bin Laden - denn der wurde schon mehrfach tot gesagt und als solcher Mythos konstruiert, dass mit seiner Hilfe das Feindbild Islam aufrecht erhalten werden konnte. Was also Bin Laden widerfuhr und was RR sagte, das hat für mich miteinander zu tun. Beides ist der von dir benannte Reflex auf eine (abgelehnte) muslimische Kultur, und ich formuliere diesen Reflex aus und arbeite ihn heraus.

    Und genau so lässt sich in ein paar Sätzen mit den üblichen Reizthemen dem Leser der Spiegel vorhalten.

    Schade, dass ich sowas immer wieder erklären muss. Demnächst lasse ich den nötigen Interpretationsspielraum einfach stehen und lösche Kommentare wie deinen. Dass ich Leute wie dich amüsiere, ist mir dann ausreichende Genugtuung.

    Ein paar Kommentare in der Art "hast du nichts besseres zu tun als ..." habe ich dann tatsächlich gelöscht. Wer nicht intelligent genug ist zu verstehen, dass man Leute in die Pfanne hauen kann (wie Ole Nydahl), ohne von Wut ergriffen zu sein, braucht sich hier nicht um einen Kommentar zu bemühen. Wie könnte ich meinerseits jemandem, der Ole Nydahl und Konsorten nicht durchschauen kann, Unterscheidungsbewusstsein unterstellen?

    AntwortenLöschen
  12. Ich finde, dass ein - meinethalben polemischer - Kommentar vertretbar und angemessen ist, wenn das 'Unterstellen von Reflexen' und Vermutungen darüber, was RR 'eigentlich' meint, nicht durch den Hauch einer Bestätigung durch tatsächliche Äußerungen gestützt werden.

    Was deine Politik bei der Zulassung/Löschung von Kommentaren angeht: das ist ganz und gar deine Sache, aber wäre es da nicht einfacher und ehrlicher, die Kommentare gleich selbst zu verfassen?

    Im übrigen stelle ich mir gerade vor, ob Hakuin inzwischen statt des bekannten dreifachen 'Ist das so?' nicht besser deutsche Gerichte bemühen sollte, um Beleidigungen und falschen Verdächtigungen entgegenzutreten.
    Aber vermutlich war er auch 'Dualist'...

    Nightrainmonk

    AntwortenLöschen
  13. Hakuin hat nicht in einer multikulturellen Gesellschaft gelebt (der Einfluss der chinesischen reichte dafür nicht aus). Er hatte wohl weder Ahnung vom Judentum noch vom Islam. Ich kann mir jedoch gut vorstellen, dass er eine Empfindung wie "Vaterland" und Heimat kannte, starb er doch - nach ausgedehnten Reisen - ausgerechnet in seinem Geburtsdorf Hara (das er nebenbei noch zu einem (H)Ort des Zen gemacht hatte).

    Man muss als Zen-Adept nicht die "Überwindung des Dualismus" damit verwechseln, deutlich zu manchen Dingen Stellung zu beziehen (was ja impliziert, auch wieder zu polarisieren). Die Überwindung des Dualismus bedeutet für mich eine klare Sicht auf die Dinge. Ich kann keine klare Sicht erkennen, wenn jemand mit 91 Jahren noch an einer Vergangenheit lebensentscheidend zu hängen glaubt, die mehr als 65 Jahre zurück liegt. Hier zeigt sich dann auch die Schwäche der jüdischen Religion, die sie m.E. mit der muslimischen gemeinsam hat: eine Schwäche, loslassen (hier: verzeihen) zu können.

    AntwortenLöschen
  14. Und hier der Nachtrag zur Entwicklung der deutschen Sprache (gefunden über hebis.de, mein Studium ist schon länger her ...):


    Kurzes deutsches Wörterbuch für Ethymologie [sic!], Synonymik und Ortographie
    von Friedrich Schmitthenner
    Darmstadt: Metz, 1834

    AntwortenLöschen
  15. Und wieder wurde ein Kommentar gelöscht. Herr Reich und seine Frau waren nicht im KZ, sondern mehrere Jahre im Warschauer Ghetto. Noch zu Kriegszeiten heuerte er bei der polnisch-kommunistischen Geheimpolizei an, wo er noch nach dem Krieg tätig war.

    Würde man es einem ehemaligen Kriegsgefangenen, der drei Jahre in Sibirien oder auch "nur" Frankreich war, durchgehen lassen, wenn er 2011 noch behaupten würde bzw. über ihn behauptet würde, er sei "an Sibirien" oder Frankreich gestorben? Na also.

    AntwortenLöschen
  16. Nein, Sarah L., ich lösche Beiträge, die zu "Flame Wars" führen können, persönliche Anmache enthalten oder ignorieren, was ich bereits klargestellt habe. Hier poltere ich, und andere können es in ihren eigenen Blogs oder in Foren tun.

    AntwortenLöschen

Das Sichten und Freischalten der Kommentare kann dauern.