Donnerstag, 28. Juli 2011

Dôgens EIHEI KOROKU (IV):
Das Anpassen der Lehre

"Ein herausragender Lehrer legt frei die unzähligen Lehren dar und nimmt je nach Auffassungsgabe der Zuhörer verschiedene Formen an. Zen-Übende bezweifeln dies, doch können sie es nicht erkunden. Warum nicht? Könnt ihr es verstehen? Ihr solltet den Geist eines alten Zen-Meisters vollständig verwirklichen, und zwar nicht in Worten, sondern durch euren Körper."

Diese Stelle birgt ein Problem. Es ist das der selbstreferentiellen Zen-Sprache und des damit einhergehenden geschlossenen Gedankensystems - der "herausragende" Zen-Meister (den wir uns natürlich wünschen) lehrt stets je nach Auffassungsgabe der Zuhörer, mit anderen Worten: Er sagt und tut ("durch den Körper") stets das Richtige. Es würde sich dann folglich nicht geziemen, ihn zu kritisieren. Der herausragende Lehrer wird so schier unantastbar. Das sollte jedoch nicht sein. Dôgens Denken ist hier idealistisch.

Das Lehren "je nach Auffassungsgabe" impliziert zudem a) eine homogene Zuhörerschaft, wie wir sie selten finden, b) die Fähigkeit eines Lehrers, anderen in ihre Köpfe zu schauen und ihre Auffassungsgabe richtig einzuschätzen. Dies ist natürlich, insbesondere bei Vorträgen vor Unbekannten, kaum möglich. Wie ich schon desöfteren betonte, sollte es einen Kern der Zen-Lehre geben, den  (ob mit Worten oder Taten) weitgehend unabhängig von der Auffassungsgabe darzustellen die Aufgabe des Zen-Adepten sein sollte. Natürlich kann man man versuchen, die Sprache dem Bildungsgrad von Zuhöreren anzupassen, richtiger wäre jedoch, so einfach und klar zu sein, dass auch eine zu erwartende gemischte Sangha verstehen kann. Tatsächlich war dies von Anfang an nicht anders. Darum konnten auch Analphabeten zu Zen-Patriarchen werden. Das, was "von meinem Herzen zu deinem Herzen" übertragen wird, ist das, was vom Einzelnen "erkannt" oder "verwirklicht" wird - und es nimmt gar keine Form an, weil es formlos ist. Die Zen-Lehre soll darum immer ihren eigenen Rahmen, der sich in Dôgens Lehrerverherrlichung andeutet, sprengen können. So zitiert er auch später: 
   Chao-chou sagte: ‚Seit ich einst einen großen Mönch gesehen habe, ist mir klar, dass er niemand anderes als ich selbst ist.‘

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