Montag, 25. Juli 2011

Dôgens EIHEI KOROKU (III):
Die Dinge sehen, wie sie sind

          Am 15. Tag des zehnten Monats im Jahre 1236 verbrannte Dôgen bei der Eröffnungszeremonie der Vortragshalle im Tempel Kôsho-ji[1] Weihrauch und betete für den Frieden aller Seelen. Später sagte er: „Ich habe mich nicht in vielen Klöstern aufgehalten. Sobald ich Ju-ching[2] sah, erkannte ich klar, dass meine Augen horizontal und meine Nase vertikal angeordnet sind.[3] Ohne von anderen getäuscht worden zu sein, kehrte ich mit leeren Händen nach Japan zurück. Darum bin ich nun ohne Buddhismus. Ich habe mich eine Weile dem Lauf der Dinge überlassen. Am Morgen geht die Sonne im Osten auf, in der Nacht zeigt sich der Mond im Westen. Wolken haben sich zerstreut und die Berge zeigen sich deutlich. Der Regen hat aufgehört, und die benachbarten Berge erscheinen niedrig. Was bedeutet dies?“

Nach einer Weile fuhr er fort: „Alle vier Jahre ist ein Schaltjahr. Ein Hahn kräht früh am Morgen.“ Dann erhob er sich für eine kurze Zeit auf dem Podium und stieg schließlich herab.

So beginnt das Eihei Koroku. Das ist authentisches chinesisches Chan. Die Dinge sind, wie sie sind - die Dinge sehen, wie sie sind. Der Mensch ist eingebunden in den Kreislauf der Natur. Erwacht, verziehen sich die Dunstschleier vor seinem Geist. Er lässt sich nicht von anderen täuschen und weiß, dass er nichts festhalten kann. "Darum bin ich nun ohne Buddhismus" heißt: Zen ist ein eigener Weg jenseits des traditionellen Buddhismus und seiner Dogmen.


   [1]   Gegründet von Dôgen in Uji nahe Kioto.
   [2]   T’ien-tung Ju-ching (1163–1228), Dôgens Meister und Abt der Ching-tê-ssu und Ching-tsu-ssu-Tempel.
   [3]   D.h., die buddhistische Lehre verweist auf die Realität der Dinge.

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