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Buddhaland-Bullshit: Ikkyu und die Moral

"... obwohl ich denke, dass es mehr oder weniger anerkannt ist, dass unterdrückte Sexualität sich in komplexen, häufig beängstigenden Glaubenssystemen äußert." * "Religion ist ein ritualisierter gemeinschaftlicher Orgasmus." * Ein User im "Buddhaland" trat eine Diskussion über "Amoralismus im Zen" los und warf dazu gleich mal als Stichwort Ikkyu ein. An der Deutung dieser Figur - und der möglichen Motive des Users - lässt sich gut aufzeigen, wie beschränkt die Denke mancher Zennies ist. Zunächst versucht es ein Anhänger von ausgedehntem Zazen mit dem Hinweis, dass auch Ikkyu viel Zazen machte und sich als moralisch zeigte, weil er sich über die amoralische Raffgier des Klerus erboste. Ikkyus Treiben versteht dieser User insgesamt als "Provokation". Wenn es provokativ war, zu den Huren zu gehen, dann war es offenbar auch provokativ, sich gegen den habsüchtigen Klerus zu stellen. Jedoch übersieht der User, dass beide Gruppen, Gei...

Händchenhalten und Kinderzeugen im Buddhismus

In allen Himmeln mit Ausnahme der Formfreien Sphäre ist Kleidung gebräuchlich, auch wenn Geschlecht [männlich/weiblich] nur in fünf von sechs Begierde-Himmeln vorhanden ist. Die fünf Wege der Befriedigung sexuellen Verlangens sind:   (1) durch Kopulation; (2) durch Umarmen; (3) durch Hände-Halten; (4) durch einander zulächeln oder anlachen; und (5) durch einander anblicken. Da sie in Kontakt mit der Erde sind, vereinigen sich die Bewohner der Himmel der vier Groß-Könige sowie des Himmels der Dreiunddreißig Götter durch Kopulation. Im Yama-Himmel erzeugt eine einzige Umarmung ein neues Lebewesen. Im Tusita-Himmel ist das gegenseitige Halten der Hände ausreichend. Im Nirmanarati-Himmel ersetzt ein Lächeln die sexuelle Vereinigung, und im höchsten Begierde-Himmel reicht der Blickkontakt. Geburt (welche in allen Himmeln spontan ist) erfolgt in den Begierde-Himmeln wie folgt: Kurz bevor ein deva geboren wird, findet eine devi eine Blume in ihrer Hand. Sie weiß aufgrund dieses Ereigni...

Jan Böhmermann:
Die Rachsucht eines Mannes und einer Frau

Auf meine dailyTV -App wurde die vollständige Version der viel diskutierten ZDF Neo Royale Sendung geladen, in der Moderator Jan Böhmermann einige herablassende Verse über den türkischen Staatspräsidenten Erdogan vorliest ( hier ab Min. 13:15), die er als Beispiel einer Schmähkritik präsentiert, das so nicht veröffentlicht werden dürfe und strafbar wäre. Dieser Rahmen macht bereits deutlich, dass der nun eingetretene Effekt - die Diskussion um die Strafbarkeit seiner Worte (denn Böhmermann meinte in der darauf folgenden Sendung, dass er für alle Texte verantwortlich sei, obwohl dem natürlich nicht so ist) - bereits von ihm vorweggenommen wurde. Dies ist ein Kennzeichen einer gelungenen Satire, die dadurch genial wird, dass sie den Anlass - Erdogans Kritik an einer vorherigen Satire eines anderen Fernsehsenders - neu erschafft, damit er gegebenenfalls nun gerichtlich zur Auslotung der wahren Meinungs- und Kunstfreiheit in Deutschland führt (wie es etwa in der Zeit vorgeschlagen wird...

Wundersames aus der buddhistischen Kosmologie

Die Berechnung von Größe und Distanz Die letzte bzw. kleinste Einheit für die Bemessung von Größen und Distanz war das paramanu oder Atom. Für die Kalkulation von Größen anhand dieses paramanu bis hin zum anguli (Finger oder buddhistischer Inch) finden wir häufig folgende kuriose Tabelle:  7 paramanu = 1 anu 7 anu          = 1 loharaja oder Metall-Teilchen mit 49 paramanu 7 loharaja   = 1 abraja oder Wasser-Partikel mit 343 paramanu 7 abraja      = 1 sasaraja oder Hasen-Teilchen bzw. exakt eine Portion                         Hasen-Dung, mit 2.401 paramanu 7 sasaraja   = 1 aviraja oder Schafs-Teilchen mit 16.807 paramanu 7 aviraja      = 1 goraja oder Kuh- bzw. Ochsen-Teilchen mit 111.649            ...

Brad Warner-Bullshit: Erleuchtung und Regeln

Wie letzte Woche (auch im Kommentar) angekündigt, möchte ich den Unterschied zwischen einer beschränkten buddhistischen Ethik - und dem Gefangensein mancher Buddhisten darin - zu einer tieferen moralischen Grundhaltung, wie sie meines Erachtens aus tatsächlicher Erkenntnis ("Erwachen") entspringt, weiter verdeutlichen. Letzte Woche wies ich schon darauf hin, dass man sogar hermeneutisch, also durch Interpretation von Texten und Tradition, in der Lage ist, fundamentalistische Deuter zu wiederlegen, die aus dem Dharma ableiten, weder der Organspende noch der Sterbehilfe oder dem selbstbestimmten Suizid zustimmen zu können. Ich denke, dass damit schon angedeutet wurde, wie eine weiter gefasstere, empatherische buddhistische Ethik aussehen könnte, als sie viele Dogmatiker, die auch im Internet die Mehrheit zu stellen scheinen, vertreten.      Heute dient mir ein Beitrag Brad Warners über "Erleuchtung und Jungfräulichkeit" als Ausgangspunkt. Vorausgeschickt werden mu...

Buddhaland-Bullshit: Selbstmord

Ich möchte in Zukunft seltsame Ansichten aus anderen Blogs oder Foren aufgreifen, bevorzugt wahrscheinlich aus dem "Buddhaland" (eine unerschöpfliche Fundgrube groben Unsinns) und von Brad Warner. Verweisen möchte ich auch auf meine kleine Liste mit Literaturempfehlungen jenseits des Buddhismus, die ich - rechts in der Spalte unter den Infos zu meiner Person - jeweils am Monatsanfang erneuern will und die einen Teil meiner aktuellen Lektüre wiederspiegelt.   Im "Buddhaland"  fragte gerade ein User, was der Buddhismus zum Selbstmord sage. Den Buddhismus gibt es ja nicht, also ergab sich gleich eine Bandbreite von Antworten. Zwei der intelligenteren stammen von den Usern accinca und Sudhana und verschweigen doch einen Teil der Überlieferung oder sind sich deren Widersprüchen gar nicht bewusst. Schauen wir uns an, was dabei herauskommt. Beide User, obschon der eine Zen vertritt und der andere Theravada, legen offenbar gleichermaßen Wert auf die schriftliche Ü...

Gibt es Zen für Agnostiker? (102 kg)

In einem Kommentar zum Blog vom 2. März fragte "Beginner": "Gibt es eine Form des Zen, die auch für Agnostiker verdaulich ist?  ...  Gibt es also eine Form des Zen, die man eher als Philosophie und nicht als Religion auffassen kann? Falls ja, kannst du mir diesbezüglich eine Orientierungshilfe geben? Wer (auch Englisch Sprechende) praktiziert Zen so? Welche Literatur geht in diese Richtung? ...  Ein Konterpart zu 'Kritisierte Lehrer' wäre wirklich hilfreich." Ich will die Gelegenheit zu einer ausführlicheren Antwort nutzen, die noch einmal klar machen dürfte, was mich auch zu diesem Blog bewegt hat. Zunächst ist zu klären, wo man steht. Ich bevorzuge den Begriff "Nicht-Theist". Der Gnosis, so man sie nicht als Geheimwissen versteht (man denke an den klassischen Zen-Satz "Offene Weite, nichts von heilig"), sondern als "Erkenntnis", bin ich nicht per se abgeneigt, auch wenn der Ausdruck religionswissenschaftlich in der Reg...

Haiku nach dem Tsunami

Harutsunami sarishi waga mura nomareyuku Frühlingswellen Als sie davonziehen verschlucken sie mein Dorf (SATÔ Kuniko, 79 Jahre, Minamisôma, Fukushima) *** Gareki nomi nokoru furusato yama warau Nur Trümmer sind in meiner Heimatstadt übrig Der Berg lacht (SAITÔ Keisui, 77 Jahre, Yamamoto, Miyagi) *** Aomuke no sentei ni hana chiriyamazu Auf dem Kiel  des gekenterten Schiffes unaufhörlich Blüten (TAKANO Mutsuo, 64 Jahre, Tagajô, Miyagi) *** Haha no koe kikitakute tutsu aomisaki Sie steht auf dem bemoosten Kap und wartet darauf die Stimme ihrer Mutter zu hören (KOWATA Sachiko,, 75 Jahre, Minamisôma, Fukushima) *** Gekishin ni taekishi fubo no haka arau Vater Mutter in wilden Beben wasche ich ihre Grabsteine (TAKAHASHI Aiko, 83 Jahre, Minamisôma, Fukushima) *** Zwischen dem 11. März und 31. August 2011 retteten Soldaten der japanischen Streitkräfte 19.286 Menschen, bargen 9.505 Leichen ...

Dazhu Huihai räumt Vorurteile aus

Heute darf Meister Dazhu Huihai (?-788) zu Wort kommen. Das ist der weise Meister, der vom "Drehen des illusionären Rades des Gesetzes", vom "Erlangen des illusionären Nirwana" und vom "Transzendieren des illusionären Kreislaufes von Werden und Vergehen" sprach. Auf die Frage eines Schülers, was er machen solle, wenn er nicht erleuchtet würde, erwiderte Dazhu schlau: "Du bist ja freiwillig nicht erleuchtet, niemand hindert dich daran." Ich hatte Dazhu hier schon mal zitiert, als es um die Definition karmischer Handlungen ging. Dazu zählte er: Die Suche nach dem Eingang ins Nirwana; das Vermeiden von Unreinheit und Festhalten an Reinheit; das Sammeln von Errungenschaften und Nachweisen dafür; das Unvermögen, die völlige Losgelöstheit von allen Regeln und Vorschriften zu erlangen. Für diejenigen, die es nicht glauben wollen und denen ihrer Lehrer/innen was anderes erzählen, nochmal umformuliert: Am Besten Ihr strebt nicht nach Nirwana...

Vor der Ehe noch schnell mal Mönch werden (103 kg)

"Tini erwiderte mit Entschiedenheit: 'Weil er ... seine Liebe heißt für mich Angst, Zweifel, Erstarrung; sie stürzt mich in Wirrnis und noch größere Leere ... ich habe doch nichts, was ich ihm geben kann außer bloßem Sand, einer ganzen Sandwüste ... ich habe keine Liebe, in die er sich flüchten kann - und gerade die braucht er! Liebe ... ich habe keine, bin ausgebrannt ...'" [Arminjn Pane: In Fesseln (Horlemann 1993)] Ich bin einst im "wahren Leben" einer solchen Frau begegnet. Es war beim letzten Mal, als ich verliebt war - und das erste Mal, dass ich mit klarem Blick da durch ging, und mir, sehenden Auges, nichts ersparen wollte. Im Nachhinein stellte sich wie immer die Frage, ob es nicht vielleicht besser ist, sich überhaupt nicht in die damit verbundenen Illusionen zu verstricken und ohne solch tiefe Gefühle für eine bestimmte Person durchs Leben zu gehen. Ich habe diese Frage für mich verneint. Aber ich suche nach nichts, warte, was das Leben an Üb...

Gedichte von Saigyô

 "Nun sind die Blüten überall, und ich kann hingehen,  wo ich nie zuvor gewesen bin." Saigyô (1118-1190) war ein  Wandermönch und -poet der Shingon-Schule. Viele seiner Verse wurden eingeleitet von Angaben zu Ort, Zeit und Anlass der Gedichte. Er schrieb gern über die Kluft zwischen Wirklichkeit und Erscheinung und über Handlungen und Ansichten, die die gewöhnliche Gesellschaft aufgrund ihres Hangs zu Illusionen nicht begreifen konnte. Saigyôs Ablehnung dieser Gesellschaft ging einher mit dem Wunsch nach Anerkennung für sein poetisches Talent. Er brachte sowohl sein Vergnügen als auch sein Leiden am Leben eines Einsiedlers zum Ausdruck. Saigyôs Verse tragen zuweilen metaphysische Züge, die in einer tiefen ekstatischen Erfahrung gründen. Die Form des waka -Gedichtes (das aus 5-7-5-7-7 Silben besteht) verstand er als eine Art buddhistisches Mantra. Natürliche Schönheit war für ihn ein Ausdruck der Erleuchtung, und von ihr beeinflusst zu werden bedeutete die Übung ...

Flüchtlinge (104 kg)

"Die Grundlage jeder Regierung ist das Recht und nicht das Mitleid." (Woodrow Wilson) "Es gibt Obergrenzen, wie viele Migranten ein Land integrieren kann. Eine offene Gesellschaft braucht Grenzen, um offen bleiben zu können in einem Umfeld voller Illiberalität." (Der niederländische Soziologe Paul Scheffer in der SZ vom 31.01.2016).  In den vergangenen Wochen machte mich die Polizei mehrfach stutzig. Ja, die Polizei. In einem Video über eine Auseinandersetzung von offensichtlichen Ausländern mit Deutschen in der Münchner U-Bahn sah sie keine Straftat, obwohl ein Fahrgast in den Schwitzkasten genommen wurde.* Und auf die Bemerkung einer AfD-Politikerin, an der Grenze solle die Polizei notfalls von der Schusswaffe Gebrauch machen, hörte man aus deren Gewerkschaftskreisen, dies sei nur bei einem Verbrechen und Flucht möglich. Offenbar geht es hier um Wortglauberei. Während die AfD-Vorsitzende sich auf einen illegalen Grenzübertritt bezog, ist tatsächlich - ...

Miet dir nen Mönch!

Dieser Tage ging durch die Presse, dass eine große buddhistische Organisation Japans gegen den Miet-Mönche Service protestierte, der über Amazon angeboten wurde. "Obo-san bin", so der Name des Dienstes vom Anbieter  Minrevi , blieb nämlich bei diversen Leistungen (ab 300 USD), etwa für Beerdigungen, um ein Vielfaches unter dem, was Tempel üblicherweise an horrenden Gebühren verlangen. Zudem fehlt vielen Japanern inzwischen jeder Bezug zu einem bestimmten Tempel.     Der Fall ist nicht nur interessant, weil sich hier der übliche Futterneid auf dem kapitalistischen Markt offenbart - ohne Rücksicht auf die sakralen Inhalte, die angeboten werden -, sondern auch, weil damit eine Chance vertan wird, das Religionsgewerbe als solches transparent zu machen. Ganz so deutlich wollen viele eben nicht aufs Brot geschmiert sehen, worum es meistens geht. Aus diesem Grund habe ich mir mal so meine eigenen Gedanken gemacht, welche Angebote denn für einen Miet-Mönch Sinn machen wür...