Donnerstag, 11. Februar 2016

Flüchtlinge (104 kg)

"Die Grundlage jeder Regierung ist das Recht und nicht das Mitleid." (Woodrow Wilson)

"Es gibt Obergrenzen, wie viele Migranten ein Land integrieren kann. Eine offene Gesellschaft braucht Grenzen, um offen bleiben zu können in einem Umfeld voller Illiberalität." (Der niederländische Soziologe Paul Scheffer in der SZ vom 31.01.2016). 

In den vergangenen Wochen machte mich die Polizei mehrfach stutzig. Ja, die Polizei. In einem Video über eine Auseinandersetzung von offensichtlichen Ausländern mit Deutschen in der Münchner U-Bahn sah sie keine Straftat, obwohl ein Fahrgast in den Schwitzkasten genommen wurde.* Und auf die Bemerkung einer AfD-Politikerin, an der Grenze solle die Polizei notfalls von der Schusswaffe Gebrauch machen, hörte man aus deren Gewerkschaftskreisen, dies sei nur bei einem Verbrechen und Flucht möglich. Offenbar geht es hier um Wortglauberei. Während die AfD-Vorsitzende sich auf einen illegalen Grenzübertritt bezog, ist tatsächlich - nach Androhung - ein Warnschuss und mehr möglich, sollten sich Menschen durch Flucht ihrer Kontrolle entziehen. Wenn die Polizei sich Bewaffneten entgegensieht, geht das zuweilen auch schnell.
   Der oben erwähnte Migrationsexperte Scheffer bedauerte das monatelange Ausbleiben einer lebhaften innerdeutschen Debatte über Merkels Willkommensgestus. Eine bekannte deutsche Wochenzeitung habe sogar seine kritischen Bemerkungen mehrfach redaktionell relativiert. Erst am 3. Februar hörte man vom obersten Verfassungsschützer, der IS würde Kämpfer mit dem Flüchtlingsstrom einschleusen (noch vor wenigen Monaten war dies naiv aus Polizeikreisen verneint worden, mit der Randnotiz, diese Kämpfer würden eher den bequemeren Luftweg wählen). Dies wird freilich sofort relativiert mit dem Hinweis, dahinter stünde die Strategie des IS, den Flüchtlingsstrom diskreditieren zu wollen und so ein Aus- und Einwandern der unter dem IS Leidenden zu behindern. Es gibt neuerdings eine weit verbreitete Neigung, solche Gefahren herunterzuspielen, um an der großen Geste des deutschen Mitleids - das sich aus einer falsch verstandenen Schuld an der Vergangenheit speist - nicht rütteln zu müssen.
   Als die unsäglichen Riesenpapierbögen zu den Kommunalwahlen bei uns eingingen, schimpfte meine Mutter, sie würde ungültig wählen, und wir waren uns einig, dass sich zuletzt niemand geistig so hervorgetan hatte, dass er/sie sich als wählbar aufdrängte. Mein Bruder, der in einer Flüchtlingsunterkunft nach dem Rechten sieht (zunächst Syrer, nun eher Afghanen, und nur Männer), erzählte mir, dass dort die Mülltrennung nicht verstanden, in der Sporthalle geraucht würde und gewisse Ansprüche bei der Kleiderwahl zutage träten. Das ist an sich noch kein Drama. Wegen der Spannungen und der Gewalt in den Unterkünften selbst ist mein Bruder um den Job jedoch nicht zu beneiden.
   Wenn die Politik Merkels so fortgesetzt wird, ist dies nicht mehr mein Land. Also wird entweder sie gehen oder ich. Da ich schon mit einem Bein draußen bin, dürfte mir das leichter fallen. Allerdings bin ich gar nicht so pessimistisch. In einigen Ländern Südostasiens, in denen ich mich schon aufhielt, hätte Merkels Alleingang zwar möglicherweise zu einem Militärputsch geführt, und ein paar Vernünftigere hätten sie entmachtet. Deutsche haben oft eine lange Leitung, und so wird es also noch eine geraume Zeit brauchen, bis dann am Ende doch die Grenzen dicht sind und diesmal Deutschland eine hohe Mauer baut, weil ein Zaun es nicht tun wird. Ob das noch zu meiner Lebenszeit geschehen wird, weiß ich nicht. Doch: "Wir schaffen das." Nur ganz anders, als es sich Merkel vorstellt. Grenzen zu und Augen auf, wie Scheffer meinte. Mitempfinden in Grenzen statt grenzenloses Mitleid (Helfersyndrom). Und ja, es ist im Grunde Merkel selbst, die Europa in Gefahr brachte. Oft wurde darauf verwiesen, dass nun endlich eine Christdemokratin mit dem "C" im Namen ihrer Partei ernst machte. Und wie üblich sehen wir das Unheil heraufdämmern, wenn sich jemand durch seinen Glauben leiten lässt, wo Vernunft gefragt wäre. Ein Buddhist an ihrer Stelle würde auch bloß in seinem metta ersaufen, ohne je ein Schlauchboot bestiegen zu haben. Und sich nochmal drei Generationen in Geduld üben, bis die "Integration" funktionieren soll (was sie nicht tut, wie ich aus meinem einstigen "Asso-Block", einem sozialen Brennpunkt, ja hin und wieder berichete).
   Kommen die Ärmsten oder bereits Privilegierte? Könnte wirklich jeder die durchschnittlichen fünftausend Dollar für eine Flucht auftreiben? Ich bin dafür, die finanzielle Hilfe auf Flüchtlingslager und Unterkünfte in der Nähe der jeweiligen Heimatländer zu konzentrieren. Ein Flüchtlingslager sollte so aussehen, dass ein menschenwürdiges Leben darin möglich ist, aber sogleich ein Rückkehrwunsch in die Heimat umgesetzt wird, wenn in dieser wieder Friede einkehrt. Deutschland ist kein solches Lager für Flüchtlinge, sondern hat den Nimbus eines irgendwie heiligen Landes. Einem solchen Land kehrt vor allem derjenige den Rücken zu, der die Scheinheiligkeit durchschaut hat und den man seiner Heimat entfremdet. Der zuvor schon Entfremdete wird zum Bleiben neigen.

"Flüchtlingshilfe ist keine Lösung. Die Lösung ist: Gebt uns eine Waffe, und wir erledigen den Rest." (Ein Afghane zu William T. Vollmann im Jahr 1984)

"Levi erzählte, dass die Männer ihre Frauen manchmal wie Autos abstellen, wenn sie irgendwo hingehen, und sie zwei Stunden lang mit dem Gesicht zur Wand stehen lassen." (William T. Vollmann: Afghanistan Picture Show oder Wie ich die Welt rettete. Suhrkamp 2008)

* Einige Tage, nachdem ich diesen Beitrag verfasste, korrigierte die ermittelnde Polizei diese Ansicht.

[Selbst im World Wide Web gibt es harsche Ländergrenzen, sie folgen dem Prinzip des "Geoblocking". Daher nun mein zweiter Versuch, den folgenden Titel - wenn auch in einem schlechteren Video als zuvor - zu verlinken ... Das bessere Video sieht man mit dem Tor-Browser hier.]



[Natsume Mito:  Kyabesyuno Yatsunouta]

1 Kommentar:

  1. Nichts auf der Welt ist von Dauer. Landes-Staaten Grenzen können sich je nach politischen, wirtschaftlichen Macht-Umständen, verschieben. Dann kann es sehr schnell gehen, dass man selber von den leidvollen Folgen, unfreiwillig auf der Flucht ist. Wer hätte dann nicht die Über-Lebens-Hoffnung, dass man Zuflucht findet von den Menschen herbei geführten Katastrophen u.a Umweltzerstörung, Armut, Kriege, Hunger und Gewalt. Ob die flüchtenden Menschen in der EU leben oder nicht-es ist die Zeit des grossen, Umbruchs-Weltweit! Wir alle, werden und sind davon betroffen.
    Wir ernten, was wie säen.

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