Montag, 12. März 2012

Naikan

Kürzlich wurde mir ein Buch voller amüsanter taoistischer Übungen und sinnlosem Aberglauben geschenkt. Diese Stelle jedoch gefiel mir: "Zu Hause behandelte Wang Liping seine Eltern mit größtem Respekt, der von tiefen und echten Gefühlen getragen war. Beim stillen Sitzen gingen seine Gedanken oft zurück in die Kindheit, als seine Mutter ihn voller Liebe aufgezogen hatte, und vor seinen Augen erschienen Szenen, die ihre Mühe bei der Erziehung von sechs Kindern zeigten. Diese Bilder der Erinnerung waren so klar und wirklich, dass sie Lipings Herz rührten. Wenn Kinder in die Liebe ihrer Eltern eingehüllt sind, so halten sie das für völlig normal und natürlich, wie ins Licht der Sonne eingetaucht zu sein, und nichts kann ihre emotionale Bindung erschüttern. Wenn Menschen sich als Erwachsene der Fürsorge ihrer Eltern erinnern, wie könnten sie beim Gedanken an die elterliche Liebe nicht Rührung empfinden?" (Chen Kaiguo/Zheng Shunchao: Der Meister vom Drachentor. München 2000)

Diese Überlegungen stellt man auch beim Naikan an, das auf den Jodo Shinshu-Praktizierenden Ishin Yoshimoto zurückgeht und in den 50er-Jahren entwickelt wurde. Im Wiki-Eintrag lest Ihr ja, wie es funktioniert. Diese Form der Selbstbefragung (die sicher auch Kritiker kennt) hat in der Regel eine Wirkung, die ich für ganz wesentlich auf dem buddhistischen Pfad halte und die selbst die größten Zweifler am Sinn jeder religiösen Übung anrühren könnte. Es ist DANKBARSEIN. Dankbarsein gehört nicht explizit zu den sechs Haupttugenden (paramita). Und nicht jeder hat Grund, seinen Eltern gegenüber so zu empfinden. Doch ich frage Euch: Ist ein tägliches Gefühl der Dankbarkeit nicht wesentlicher als jede Sitzmeditation, ja ist es nicht die beste Grundlage für Freigebigkeit, ethisches Verhalten und Weisheit?

Kommentare:

  1. DANKBARKEIT ist eine Tugend sentimentalischer Religiosität. Wir haben niemenden darum gebeten, auf die Welt zu kommen, also warum sollten wir uns erkenntlich zeigen für die Gunst, die man uns erweist und die wir nicht im selben Mass vergelten können? Wie der Bettelmönch mit der Schale, danken wir den Eltern nicht. Wir schenken ihnen die Gelegenheit, uns zu lieben.

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  2. Für mich hatten die Bettelgänge der Zenmönche - trotz ergreifender Schilderungen wie von Uchiyama Roshi - stets diesen etwas selbstzentrierten Beigeschmack. Da ist von diesem Theravada-Schmarotzertum noch etwas ins Takuhatsu reingerutscht, bei aller Schulung in Demut, die damit einhergeht.

    Wieso sollte jemand einen Bettler lieben? Aber mit den Eltern ist es wohl so - wenn man gern am Leben ist und sie viel für einen getan haben, dann fällt die Dankbarkeit leichter.

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  3. Namaste!

    Dankbarkeit ist wohl auch eine Form von "Annehmen, was ist". Eine positive Grundhaltung.

    Undankbarkeit, bzw. die Hinnahme der Gegebenheiten als selbstverständlich oder gar selbstverursacht (der Schwachsinn von wegen: "Es läuft gerade alles gut, ich werde wohl in früheren Leben viel gutes Karma angesammelt haben!") stellt in meinen Augen eine pessimistische oder eben überhebliche Grundhaltung dar - beides negativ.

    Wenn es darum geht, "mit dem Leben klarzukommen", dann sind die letzten beiden Ansichten wohl eher nicht zu empfehlen.

    Die Frage in Bezug auf das Zazen auf dem Kissen ist doch, was es uns bringt und wofür wir es tun?

    Erwachen findet sowohl mit als auch ohne Zazen statt; meistens wohl nicht, während man gerade das Kissen platt sitzt, sondern bei alltäglichen Erfahrungen.

    Für manch einen ist das SitZen das Richtige.
    Für manch ein Ego ist das SitZen das Richtige.
    Für manche Leute ist das SitZen aus verschiedenerlei Gründen nicht das Richtige.

    < gasshô >

    Benkei

    PS: Schade, dass man über die Tendai-Übung, welche dem Naikan zu Grunde liegt nicht allzuviel in Erfahrung bringen kann.

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  4. Naikan geht, wie bereits erwähnt, auf Ishin Yoshimoto (1916 - 1988) zurück. Sein Vater war ein Dünger-Vertriebshändler.
    In seiner Jugend schloss er sich der buddhistischen Jodo Shinshu Schule an und unternahm eine schwierige Praxis namens Mishirabe, bei der man mehrere
    Tage in einer Höhle meditiert, ohne Nahrung und Flüssigkeit zu sich zu nehmen, und ohne zu schlafen. 1941 entwickelte er daraus die weniger riskante Methode
    des Naikan ("insight looking" : Innenschau, oder "seeing oneself with the mind eye"). Er eröffnete 1953 sein erstes Zentrum (1)

    Chikako Ozawa de Silva hat anthropologische Feldstudien in der Naikan Szene betrieben. In seinem akademischen Bericht schreibt er darüber , das man bisher
    im Westen Naikan oft so sah, das es "bestehende japanische Moralvorstellungen und konservative soziale Normen unterstützt und verstärkt". Im Gegensatz zum
    westlichen Ödipus-Komplex, bei der man die Abhängigkeit von der eigenen Mutter und der Angst vor einem übermächtigen Vater zu heilen versucht, wird in der
    japanischen Gesellschaft der "Ajase-Komplex" thematisiert - eine Mutter versucht ihren unerwünschten Sohn zu töten, dieser will sich an ihr rächen und
    erkrankt an einer schweren Hautkrankheit. Heilung erfolgt erst nach dem Akt des Verzeihens und der gegenseitigen Akzeptanz.
    Chikako de Silva erfährt in Naikan , "das andere Menschen facettenreicher und zugleich sympathischer sind, als ich dachte". Auch Nicht-Japaner können
    erleben, das anstelle einer "kritischen und negativen Bewertung ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber den Mitmenschen und den eigenen Lebensumständen sich
    einstellt". (2)


    Davon ausgehend ist es gut, im Alltag eine grundsätzliche Haltung des Dankbarseins zu kultivieren.







    Quellen:
    (1); von Elsie Jones-Smith; Theories of Counselling and Psychotherapy: An Integrative Approach; Seite 422.
    (2) Chikako Ozawa de Siva, Elmore University, Atlanta. Demystifying Japanese Therapy: An Analysis of Naikan and the Ajase Complex through Buddhist Thought.
    PDF.


    Nachbemerkungen

    Naikan kann man den kognitiven Therapien zuordnen. Ein mehr körper- und erlebnisorientierter Ansatz ist die bioenergetische Gruppentherapie
    (Bioenergetic Analysis, Alexander Lowen).

    Ein Erfahrungsbericht zu einem intensiven Naikan-Retreat auf Tricycle (Englisch):
    John Kain, The beautiful Trap, tricycle magazine, Spring 2004. http://www.tricycle.com/practice/beautiful-trap


    In Dankbarkeit, W.

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