Freitag, 15. April 2011

Die dicke Nonne und der schmale Mönch

Es war einmal, vor vielen Jahren ... Philippe Coupey wollte ein Teisho-Buch mit Lehren von Deshimaru Roshi bei mir verlegen. Irgendwann gab es eine Diskussion um die ersten offiziellen westlichen Zen-Meister in den USA, und ich erwähnte Jiyu-Kennett. Damals hatte ich mir ein paar Schriften von ihrem Kloster Shasta Abbey bestellt, darunter auch ein liturgisches Werk mit Noten und detaillierten Zeremonien für Feiertage sowie Rezitations- und Sutrentexten auf Englisch, aus dem ich links eine Seite abgebildet habe. Dann noch ein Tondokument, auf dem die Meisterin sprach - es war unerträglich lahm und zum Einschlafen. Mehr wusste ich nicht über sie, aber nach dem Motto: Wenn wir draufhauen, bleibt kein guter Zen-Meister übrig, hat sich nun auch zu ihrer offenbar herrischen Person ein kritischer Blog (auf Englisch) finden lassen.

Und wer noch mehr Illusionen zerstört haben will, der lese, ebenfalls auf Englisch, Stuart Lachs' Ausführungen zu Sheng Yen und insbesondere seiner Autobiografie. Lachs hat jahrelang in Sheng Yens Sangha gearbeitet und kann präzise nachweisen, wo sich der gebürtige Chinese seine Biografie schönredet, um ein stimmiges Meister-Image zu erzeugen. Im zweiten Teil seines Essays behandelt  Lachs einen hier kaum bekannten Lehrer, der sich in eine homosexuelle Liebesgeschichte zu einem seiner Schüler verstrickte. Der Lachs schrieb mir mal in Bezug auf seine früheren kritischen Essays zum Machtmissbrauch im amerikanischen Zen auf meine Frage, ob er denn dort noch einen Roshi empfehlen könne: Nein, keinen.

[Abbildung: Jiyu-Kennett (Hg.): The Monastic Code [Shasta Abbey 1993], S. 8]

Kommentare:

  1. Namaste!

    Hallo GuiDo, Du schreibst: "Wenn wir draufhauen, bleibt kein guter Zen-Meister übrig", und hast ja auch schon viel auf Zen-"Meister" draufgehauen.

    Missstände aufzeigen, Scheinheiligkeiten entlarfen und Hokuspokus beleuchten halte ich für eine gute und sinnvolle Sache.

    Aber als ich den o. a. Halbsatz las, da stellte sich mir dann automatisch die Frage:
    Bleibt wirklich niemand übrig?

    Nun also zwei Fragen an Dich:
    1.) Welche verstorbenen Zen-Meister des 20. Jahrhunderts würdest Du "übrig lassen", sprich: hälst Du persönlich für authentisch?
    2.) Gibt es gegenwärtig lebende Menschen, die Du nach Deinem momentanen Wissensstand als authentische Zen-Lehrer betiteln würdest?

    Bin sehr gespannt auf Deine Antworten!

    < gasshô >

    Benkei

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  2. Lieber Guido,

    hast Du Sheng-Yens Biographie (auf die Du mit Link verweist) gelesen?

    Ike

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  3. An Ike: Von Sheng-Yen habe ich einiges gelesen, wegen der von Lachs aufgezeigten Probleme der Hagiographie bin ich aber bei (Auto-)Biografien in der Regel mit "Querlesen" zufrieden. Das hat seinen Grund u.a. auch in einem bezeichnenden Zitat, das ich anderswo fand und das auch Lachs aufgreift. Sheng Yen meint darin sinngemäß, dass ein Zen-Meister nicht irren könne und man ihm vertrauen müsse, selbst wenn es so aus sähe, als ob ... Aus diesem Grund und wegen einer seltsamen Reaktion in seinem Umfeld, die ich nicht weiter ausführen möchte und als Verleger erlebte, habe ich mich auch gegen die Publizierung eines seiner Werke entschieden.

    An Benkei: Wir kennen uns ja lange genug aus der Ferne, so dass ich Dir unterstellen kann, keine Fangfragen zu verfassen. Im Moment ist es jedoch so, dass ich Dir entweder nur wenig überraschende Antworten geben könnte (wie zu 1. Yamamoto Gempo, Hsu Yun, Soyen Shaku, Sokei-an, De Chan (früherer Shaolin-Abt), Sawaki, Uchiyama, Sodo Yokoyama, Zenkei Shibayama, Omori Sogen, Buddhadasa Bhikkhu, wahrscheinlich Shunryu Suzuki und zu 2. wohl Ming Zhen Shakya, Shodo Harada, Kojun Kishigami, Shohaku Okumura, Muho und Shundo Aoyama - siehe http://www.facebook.com/pages/Shundo-Aoyama/108600879530) oder besser sagen würde: Was weiß denn ich? Weder kenne/kannte ich diese Menschen persönlich lange genug, noch kann eine solche Aufzählung Anspruch auf Vollständigkeit erheben, nicht zuletzt, weil ich vergesslich bin (hah, eben fällt mir noch Lisa Simpson ein ;-). Und keinesfalls stimme ich mit allen soeben genannten stets überein ...

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  4. Namaste!

    Hallo GuiDo.
    Nein, als Fangfragen sollte der Kommentar nicht rüberkommen (auch wenn ich zugeben muss, dass man ihn durchaus so lesen kann - sorry!).

    Danke für Deine Antworten!

    Letztlich muss ich Dir ganz beipflichten. Die Authentitzität eines Lehrer wird man wohl nur erfahren, wenn man über Jahre hinweg mit ihm/ihr gesessen hat. Ansonsten muss die Antwort wohl immer lauten - "Was weiß ich denn schon?".

    Das Lesen von Werken berühmterer Lehrer kann vielleicht einen "Vorgeschmack" auf ihre Einsichten geben, oder auf die Art zu lehren. Aber mehr auch nicht. Nicht jeder Lehrer passt zu jedem Schüler, nicht jeder noch so authentische Lehrer ist stets der richtige für einen selbst.
    Und letztlich geht man den WEG doch immer irgendwie ein-sam.

    So kehren wir dann also wieder zum Ausgangspunkt zurück:
    "Missstände aufzeigen, Scheinheiligkeiten entlarven (wohl mit "v" statt "f", sorry) und Hokuspokus beleuchten".
    Das erspart dem suchenden Schüler in Spe nämlich dann das jahrelange "ZusammensitZEN" mit dem falschen Lehrer, so der Schüler denn willig ist zu hören und nicht bereits eine Beratungsresistenz entwickelt hat.

    Ich wünsche noch einen schönen Palmsonntag!
    < gasshô >

    Benkei

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  5. Schade, alles Asiaten? Gibt es denn keine empfehlenswerten Lehrer hier in Deutschland?
    Schönen Karfreitag noch
    Immanent

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