Mittwoch, 20. April 2011

Die Kalachakra-Folklore

Kalachakra wird u.a. mit "Rad der Zeit" übersetzt. So nannte auch Werner Herzog seinen Film aus dem Jahre 2003, der zunächst das gleichnamige Ritual in Bodhgaya zeigen sollte, das der Dalai Lama damals aber wegen Krankheit absagen musste. Kurz danach fand es in Graz statt. Werner Herzog drehte dort auf Initiative von Anhängern des DL und mit dessen Einverständnis. Schließlich sah man nicht viel mehr als das Erstreuen und Verwischen eines Sandmandalas, der Rest blieb nebulös. Herzog enthielt sich eines kritischen Kommentars, auch wenn manche Bilder für sich sprachen. Beim Verteilen von geweihten Gerstenkügelchen und anderen Fressalien beispielsweise gab es ein Gerangel und Gedrängel wie unter Hungernden in Haiti, absolut kein Benimm. Die Gläubigen schnappten sich auch Grashalme, weil sie glaubten, darin könnten ihre Träume "gespeichert" werden. Ein Buddhist aus der Mongolei in tibetischer Robe ließ ein paar Vögel frei, weil sie, um Buddha werden zu können, frei sein müssten. Durch Gitterstäbe von den Armen getrennt, legten die Mönche diesen etwas in deren Bettelschalen. Der Kailash wurde von Herzog als "der heilige Berg der Buddhisten" bezeichnet, als gäbe es außer diesen Folklore-Hippies keine anderen.   Der Höhepunkt war, den Dalai Lama sagen zu hören, dass alle Menschen gleich seien, just nachdem man ihn standesgemäß mit "Your Holiness" angesprochen hatte. So viel Realsatire hätte ich Herzog gar nicht zugetraut, und sie war auch nicht beabsichtigt. Weder stellte er einen Zusammenhang zwischen nutzlosen Ritualen her (die Tibeter beteten zu Hunderttausenden für DLs Gesundheit, er konnte aber dennoch das Ritual in Bodhgaya nicht vollziehen und musste später ganz profan an der Gallenblase operiert werden), noch beleuchtete er den seltsamen Mythos hinter Kalachakra. Er entstand erst im 10. Jahrhundert in Indien und wurde früh mit der Astrologie verknüpft. In seinen prophetischen Texten sagt er kriegerische Auseinandersetzungen mit Feinden des Buddhismus voraus, die mithilfe des Reiches Shambala besiegt werden, was dann ein "Goldenes Zeitalter" einläute. Damit kann aus heutiger Sicht eigentlich nur die Vernichtung des Islam gemeint sein, ich frage mich nur, warum der DL im gleichen Film dann dazu rät, dass jeder seiner angestammten Religion treu bleiben soll. Ach, ich weiß, dieser Krieg zwischen Spirituellen und Un-Geistlichen ist nur symbolischer Natur und spielt sich im Individuum ab. Wie auch immer, die Tibet-Romantiker kann offenbar gar nichts schrecken.

1 Kommentar:

  1. Namaste!

    Das, was ich bisher zum kriegerischen Aspekt des Shambala-/Kalachakra-Mythos gelesen, gesehen oder gehört habe, ähnelt sehr dem "Harmagedon", wie es heute noch die Zeugen Jehovas auffassen. Basis für letztgenanntes ist die "Apokalypse des Johannes".

    Mich würde es nicht wundern wenn der Shambala-/Kalachakra-Mythos-Verfasser vorher besagten Bibeltext gelesen hat - über die Seidenstraße fand ja immer ein reger Austausch statt, nicht nur von Gütern, sondern auch von Ideen.

    Endzeitvisionen [besser wohl "Versionen"] halte ich für äußerst interessant. Beinhalten sie aber einen kriegerischen Aspekt mit der entweder-oder-Wahl ("entweder Du stehst auf unserer Seite, oder Du bist gegen uns") dann sind sie einfach nur noch gefährlich!

    Das zeigten die Giftgas-Anschläge von Tokyo und das zeigen andere entsprechend motivierte Terroranschläge von selbstherrlichen verblendeten Möchtegernanhängern anderer Religionen.

    Darum mein Tipp für den eifrigen Weltuntergangsjünger:
    Besser Sandsäcke stapeln, Konserven horten und warten, als selbst das Schwert zur Hand zu nehmen und zu starten!

    Ich für meinen Teil horte meinen Arsch lieber aufs Kissen, harre der Dinge die da kommen mögen und weiß "Et kütt, wie et kütt!"

    Ein schönes Osterwochenende!
    < gasshô >

    Benkei

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