Mittwoch, 30. November 2016

Dahui übers Zazen (101 kg)

In der Buddhismuswissenschaft ist man sich nicht einig, wie die zahlreichen, offenbar widersprüchlichen Aussagen mancher Meister zum Zazen zu verstehen sind. Keine Frage, dass sich Dôgen Zenji aufs Zazen fixiert hat, aber im frühen chinesischen Chan findet sich noch recht wenig, was die konkrete Zenpraxis beschreiben würde. In Huinengs Plattformsutra wird gar gegen das stille Sitzen gewettert, und wenn am Ende der sechste Patriarch seiner Mönchsgemeinde rät, sich weiterhin zum Zazen zu treffen, dann wirkt das eher wie ein nachträglicher Zusatz zur Ehrenrettung des Sitzens oder wie die einzig naheliegende Idee, die man den Zurückbleibenden beibringen konnte (was sonst sollte eine Ordiniertengemeinschaft schon künftig vereinen?). Manche Gelehrten sind der Meinung, hierbei ginge es um die üblichen zen-rhetorischen Tricks, mit denen alles in Frage gestellt werden soll. Andere hingegen glauben, dass Zazen nie die Rolle in der frühen Zen(Chan)-Geschichte spielte, die es heute insbesondere im Westen innehat. Eine ähnliche Diskussion entspannte sich um die Bedeutung von Achtsamkeitsübungen, die einen medizinisch belegten Nutzen haben, aber nicht die Rolle im Buddhismus hatten, die ihnen heute von manchen Lehrern zugedacht wird.
   Mich hat immer interessiert, wie Zen für Laien sinnvoll praktizierbar ist. Mönchisches Zen neigt noch heute zu einer gewissen Nabelschau und zu rigorosen Ansichten und Praktiken, die eher Züge von religiöser Abschottung als von Weltoffenheit tragen. Einer der alten Zenmeister, der begriffen hatte, dass auch Zazen nur ein "geschicktes Mittel" ist und nicht verabsolutiert werden sollte, war Dahui Zonggao (1089-1163). Sein Weg bestand darin, sich möglichst den ganzen Tag lang auf ein "Schlüsselwort" (huatou) aus einem Kôan zu konzentrieren, wobei das Zazen dabei möglich, aber nicht unabdingbar war. An einen Minister schrieb er:

"Es ist nicht so, das ich den Leuten üblicherweise kein Zazen beibrächte, kein Kungfu an einem stillen Ort [Sitzen und die Konzentration auf ein huatou galten als 'harte Anstrengung', chin. gongfu] . Es geht darum, ihnen eine passende Medizin für ihre Krankheit zu verschreiben. Tatsächlich gibt es keine Belehrung in ultimativer Wahrheit. (...) Wenn es wünschenswert ist, still zu sitzen, tue es. Dabei darfst du nicht am Sitzen hängen oder es als letztgültige Methode ansehen."

In einer Rede wehrte sich Dahui: "Man hört oft, ich würde den Leuten kein Sitzen im Lotussitz beibringen. Das ist ein Missverständnis. Haben die je etwas von geschickten Mitteln (upaya) gehört? Ich will, dass ihr versteht: Gehen ist Chan, Sitzen ist Chan, Reden und Schweigen, Bewegung und Bewegungslosigkeit verkörpern alle die Stille. Manchmal wache ich nachts auf und setze mich gleich in den Lotussitz hin. Nach einer Weile - keinerlei Gedanken mehr. Da sage ich mir erleichtert: 'Reich der Buddhas!' Aber das ist alles. Ihr dürft Sitzen nicht als höchstes Kriterium ansehen. Sitzen bedeutet nicht, Körper und Leben loszulassen."

Kommentare:

  1. Ich finde, die eigenen eingefleischten, mentalen Vorstellungen zu erkennen u.a von "Wen ich dies mache tritt das ein, wenn ich dies nicht mache tritt das ein, ist eine immerwieder kehrende Tatsache.
    Frei-er von den eigenen oder übernommenen, eingefleischten Vorstellungen, Gedanken "zu werden", ist wirklich befreiend.
    Wer eine passende Medizin für die individuellen Leiden (Krankheit) besitzt und diese "Gabe" dem Suchenden verschreibt, ist wirklich ein guter (seltener) Arzt.
    An-nehmen der Medizin, praktizieren und eigene Erfahrung damit machen, muss er, sie bekanntlich selber.
    Je nach Veranlagung kann das "nur" sitzen ein geschickte Mittel sein,
    während andere eine Medizin brauchen die noch andere Hilfs-Mittel beinnhalten.

    Kennst du diese Japan-Website?
    http://www.univie.ac.at/rel_jap/an/Religion-in-Japan



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  2. Hallo Guido,

    danke für diesen wertvollen Beitrag zum Thema Zazen!

    Bei mir lockert sich das strenge Zazen auch langsam, nachdem ich bei dir las, dass Zazen auch nur ein Koan ist, das völlig widersprüchlich, also letztlich nicht zu lösen ist. Ja, ich sehe sie schon, die schlauen Mönche in meinem Schädel, die nun schreien: "Dann hast du nie wahres Zazen praktiziert!". Was verblüffend ist: ich habe es ja noch immer nicht verstanden. Der Beweis: es langweilt mich nicht.

    Und es ist wohl so, dass ich kaum noch einen Unterschied zwischen Sitzen und Nicht-Sitzen feststelle. Die gleichen Gedanken im Schädel, aber alles verträgt sich. Man kann das westliche, über Zeit geprägte Ich durch Zazen, das u.a. den gegenwärtigen Augenblick erfahrbar macht, dekonstruieren, weil das Ich intellektuell ist, im gegenwärtigen Augenblick kann man jedoch intellektuell nicht sein, denn sobald man glaubt diesen gegenwärtigen Augenblick zu haben, ist er ja schon wieder weg. Diese Gedanken zur Zeit waren für mich jahrelang die Grundlage für Zazen. Was würde wohl der alte Dogen sagen, wenn ich mein Ich einfach nicht mehr durch drei Zeiten ausdrücke, sondern beispielsweise durch mein Gegenüber, im gegenwärtigen Augenblick? (Relativistisch) Ich lasse mein Ich also durch mein Gegenüber ausdrücken. Das geht, ohne dabei selbst unterscheidend zu denken. Einfach gerade aussprechen, was in einem auftseigt, das ist Zazen. Ich erkenne also Schönheit in den Dualismen der Welt, ich finde in ihnen das, was das Leben antreibt. Das ist Zazen. Wer was anderes sagt, der macht sich leer, der betreibt Zazen für schlaue Mönche.

    Jedenfalls, ich bin nicht mehr so exakt bei der Dauer des Sitzens, oder gar der Klamottenwahl. Ich sitze auch mal in Jeans nun. Vorher trug ich immer meinen Hilfiger-Bademantel, da war mir die Form schon sehr wichtig. Ich stehe überhaupt für ein Bademantel-Zen. Ein Bademantel ist weiß, das passt mir als ahnungsloser Laie ganz gut. Da bin ich eher beim Lebowski als beim Hui-Neng, hehe. (Der Hilfiger war tatsächlich der günstigste Bademantel damals im Kaufhaus, und ich brauchte dringend einen, no offense hierfür, please.)

    Guido, ich wünsche dir (und allen Lesern hier) ein Frohes Fest,
    danke, dass du hier weiter so für den Dharma feuerst.
    Möge es dir gutgehen!

    Gruß aus Berlin,
    Funktor

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