Mittwoch, 10. August 2016

Ikkyû Zenji und der Shuonan (Benkeis Reisebericht)


[Benkei, der hier seit Jahren mitliest, mitdenkt und kommentiert, hat mir den folgenden Beitrag seines Besuchs in Ikkyus Klause Shuonan im Mai 2016 inklusive einiger Fotos zur Verfügung gestellt. Vielen Dank! Ein paar diakritische Zeichen habe ich der Einheitlichkeit wegen entfernt.]


Wenn mir jemand gestern gegen 22:00 Uhr gesagt hätte, dass es noch ein krasser Abend würde, ich hätte ihm nicht geglaubt! Osaka ist wirklich der krasseste Gegensatz zu Yoshino, den man sich vorstellen kann! Natürlich geht es mir heute extrem mies, und es waren nur zwei oder drei Stunden Schlaf!
   Ich wache nämlich gegen 6:00 Uhr auf, vollziehe wie im Traum die Morgenandacht (aber ohne Zazen!) und gehe zum Sanitär. Auf dem Rückweg rege ich mich tierisch darüber auf, dass ich den Tempel-Ryokan nun heute schon verlassen muss und hier nicht noch die fehlenden Übernachtungen bis zur Ankunft von Eltern & Co. bleiben kann ... doch halt, was ist das eigentlich für ein Schwachsinn? Du bist im Kapselhotel, hast noch eine ganze Nacht hier vor dir, und bis Eltern kommen sind es auch noch ein paar Tage, dämmert es mir erst, als ich meine Sachen komplett zusammengepackt habe. Das waren gestern doch ein paar „über den Durst“!
   Gegen 7:30 Uhr gehe ich zum Bahnhof und nehme einen Zug nach Kyotanabe, etwa eine Stunde von Osaka entfernt, Richtung Nara.
   Vom dortigen Bahnhof aus, an dem schon eine Statue von Ikkyu Sojun steht, wie er als kleiner Klosternovize fegt, gehe ich zum Shuonan.
   Ikkyu Zenji (*01.02.1394 bis +12.12.1481) ist eines meiner großen Idole, denn wie kaum ein zweiter hat er den Zen-Weg ins alltägliche profane Leben integriert und er war seinerzeit ein scharfer Kritiker der klösterlichen Statusjagd, in der es darum ging, ein Erleuchtungszertifikat zu ergattern, um seinerseits diese Zertifikate anderen ausstellen zu können (gegen einen hohen Obulus, versteht sich!). Die Klause Shuonan wurde ursprünglich von dem Rinzai-Meister Daio Kukushi (Nampo Jamyo) gegründet, sie verfiel aber während einer bürgerkriegsähnlichen Epoche. Ikkyu baute sie wieder auf und residierte hier auch noch, als ihm schon die Leitung des Daitokuji in Kyoto übertragen worden war. Sein eigenes Erleuchtungszertifikat hatte Ikkyu übrigens einfach dem Feuer überantwortet, und er ernannte selbst folglich auch keinen Nachfolger.
   Im Shuonan habe ich ein paar sehr rührselige Momente, während ich dort, auf der Terrasse am Steingarten, noch einmal, und zwar diesmal andächtig, meine Morgenandacht vollziehe und auch etwas Zazen übe. In dem vierteiligen Manga „Ikkyu“ ist die Schlüsselszene, wo Ikkyu und Rennyo mit einem Spinnendämon streiten, welcher den leidvollen Daseinskreislauf, „Samsara“, verkörpert. Während Rennyo die Rettung nur darin sieht, zu Amida-Buddha Zuflucht zu nehmen, hält Ikkyu dem Dämon seine Erleuchtungserfahrung entgegen. Der Dämon erkennt das zwar an, weist aber darauf hin, dass Ikkyu trotzdem weiterhin den Kreis der Geburten durchlaufen muss. Ikkyu weist diese Behauptung von sich, soweit ich mich erinnere, indem er sowohl die Erlösung als auch Samsara als Illusion enttarnt. Mir als Leser war das nicht genug, denn es hinterließ einen faden Beigeschmack bei mir ...
 
Nach einigen „Aha-Erlebnissen“, die mir teilweise keineswegs gefallen, gehe ich in die kleine Stube, wo es Tee geben soll. Die Bedienung hat mich aber nicht eintreten sehen, so dass ich etwa eine Viertelstunde einfach nur dasitze und grübele. Es kommen zwei andere Gäste, ein älteres japanisches Pärchen, und sie bestellen Tee. Ich bestelle auch Tee, aber bevor der gebracht wird, taucht ein Novize auf, bittet mich aufzustehen und führt mich aus dem Raum „Das Zimmer ist nur zum Essen und Trinken da!“ meint er begründend und weist auf den Ausgang (der Rundgang ist hier vollendet). Dass ich auch etwas bestellt habe, hatte er wohl nicht mitbekommen. Mir jetzt auch egal! Ich ziehe von dannen - soll er der Dame erklären, warum er mich trotz Bestellung rausgeworfen hat! Ikkyu hätte über so viel strikten Formalismus von Seiten des Rinzai-Novizen nur gelacht - diesbezüglich hat sich auch nach 600 Jahren scheinbar wenig geändert. Klar, sie wollen die Nachfolger des alten Meisters Ikkyu sein, von seinen ketzerischen Ausflüchten, Gelagen und Liebschaften freilich nichts wissen, aber faktisch sind sie eben nicht seine Nachfolger - er hatte keinen Nachfolger, da er ja genau auf dieses formale Nachfolge-System gar keinen Wert gelegt hat und drauf geschissen hat!
   Ich besuche noch den Friedhof, wo ein großer Stein wohl sein Grab markiert, und trete gegen 12:00 Uhr den Rückweg zum Bahnhof an. Dies war für mich definitiv einer der heiligsten Orte auf dieser Reise, bzw. wohl eher „Offene Weite - nichts von heilig!“ - und da kann auch der unverfrorene Rinzai-Novizen-Emporkömmling nix dran ändern! 

Copyright Fotos und Text: Benkei. Die Fotos zeigen Ikkyu als Novizen, als Mönch und sein Grab.

Kommentare:

  1. Vielleicht muss man das “Erleuchtungszertifikat” folgendermaßen als Qualitätssiegel interpretieren: Wer es wie Ikkyu verbrennt, demonstriert eine gewisse geistige Reife, wer es dagegen für sein Geschäftsmodell oder Ego braucht, hat den Test verkackt und sollte eigentlich wieder zurück auf Los.

    So z. B. auch dieser “Polenski”:

    https://www.youtube.com/watch?v=RFMi5yZohxY

    Scheiß die Wand an!

    Am Montag kam auf 3sat die Doku “Abenteuer Yukon”, die es auch in der Mediathek gibt und die ich nur empfehlen kann. Der Typ hat vielleicht noch nie von Zen gehört und scheint, den “Papier-Tigern” dennoch um Welten voraus zu sein.

    Gruß! B.

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  2. Namaste!

    Naja, im Rinzai-Zen ist das Zertifikat schon eine Art Nachweis; zumindest dahingehend, dass man die Standard-Antworten zu den maßgeblichen Kôans parat hatte und die gängigen Zeremonien ordentlich durchführen kann um einen Tempel zu leiten. Das gilt dann allerdings wohl auch nur für japanische Dharma-Nachfolger - bei Nichtjapanern sind einige japanische Dharma-Nachfolger dann ihrerseits wahrscheinlich etwas großzügiger, vielleicht auch, weil es Prestige bringt, ausländische Schüler mit Titeln vorweisen zu können, die irgendwo einen eigenen Tempel leiten!?

    Ob die Dharma-Nachfolger dann immer gleich das Zertifikat verbrennen müssen, um zu zeigen, dass sie es nicht nötig haben, weiß ich nicht.
    Was ich allerdings glaube, ist dass ein Hausieren-gehen mit dererlei Zertifikaten dann schon zeigt, dass es dem betreffenden eher um Ansehen, Titel und Gefolgschaft geht, als um "echte Erfahrung".

    < gasshô >

    Benkei

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