Mittwoch, 14. Oktober 2015

Die Welt der Literatur:
Eine Begegnung mit Indonesien (105 kg)

Als Übersetzer bin ich fasziniert von der UNESCO-Statistik weltweiter Übersetzungen der Jahre 1979 bis 2015. Welche Überraschungen sich da auftun! So ist meine Lieblingsautorin aus Kindertagen, Enid Blyton, weltweit am vierthäufigsten aller Autor(inne) übersetzt. Unter den noch aktiven Autoren finden sich relativ viele Frauen. Weltweit ist lediglich ein Südostasiate unter den Top 50, und das ist Bhagwan (Osho) auf Rang 39. Die Österreicher schätzen Graham Greene (Platz 3) und Jacques Derrida (6). Die Finnen Alexander Milne ("Pu der Bär", Rang 2). Die US-Amerikaner Rudolf Steiner (Rang 1), die Gebrüder Grimm (2), Johannes Paul II. (6) und Platon (7). Die Engländer Euripides (6). Die Nepalesen vor allem japanische Autoren. Die Burmesen Jack Higgins (1). Die Japaner Nora Roberts (1). Die Chinesen Dale Carnegie (1). Die Brasilianer Og Mandino ("Das Geheimnis des Erfolgs" und andere Ratgeber, Rang 8). Die Südkoreaner Herman Hesse (2) und Bhagwan (8). Die Indonesier Karl May (8). Die Mongolen Chinmoy (1). Die Syrer Noam Chomsky (8). Und die Thais Fujio Fujiko ("Doremon", Rang 3). 

Wirklich bedauerlich ist, dass Indonesien nicht auf der literarischen Landkarte der Welt präsent ist. Als ich mich anlässlich deren Gastlandauftritts zur diesjährigen Buchmesse für ihre Autoren zu interessieren begann, ahnte ich nicht, dass diese in ihrem Land nicht nur wenig gelesen, sondern zugleich auch überraschend interessant sind. Am angenehmsten war ich berührt von der Beschreibung muslimischen Alltagslebens, das so gar nichts mit der korrupten Gedankenwelt zu tun hat, die wir täglich in unseren Nachrichten in Form von extremistischer Gewalt abgebildet sehen. Der Autor Ismail Marahimin, der als Lehrer und Redakteur arbeitete, hinterließ nur einen einzigen Roman: Und der Krieg ist vorbei. Darin verbindet er die Schilderung des Alltagslebens muslimischer Indonesier mit dem japanischer Besatzer zum Ende des Zweiten Weltkrieges (und deren Gefangener, Holländer, die zuvor Indonesien besetzt hatten - und es nach Kriegsende wieder versuchten).
   Besonders gelungen fand ich die Kurzgeschichten eines weiteren muslimischen Autors, der nicht nur den vielfältigen Kulturen und Sprachen Indonesiens huldigt, sondern auch den Prozess des Schreibens und seiner eigenen Kreativität anschaulich beschreibt. Er heißt Hamsad Rangkuti, und der Band mit seinen Erzählungen Glühwürmchen. Ein Auszug aus der Geschichte "Antenne" über eine Pilgerreise nach Mekka:

Dann fuhr mein Begleiter fort: „Wir Autoren sind alle Lügner. Wir verstecken uns hinter dem Wort ‚Fantasie‘ und hinter den Metaphern, die wir erschaffen, um unsere Lügen zu erzählen. Eine Lüge ist eine Lüge. Eine Lüge zu erzählen ist das gleiche, wie sich etwas auszudenken. Es gibt keinen Unterschied. Darum habe ich so heftig geweint, als ich mich vor dem Schwarzen Stein verbeugte. Ich bat Gott um Vergebung für all die Lügen, die ich verbreitet hatte. Bat um Seine Gnade. Es gab keinen anderen Weg, meine Sünden zu tilgen, als ihn um Sein Erbarmen zu bitten. Obwohl ich weiß, dass ich wieder lügen werde. Das ist mein Beruf. Ich erzähle Lügen, damit ich essen kann. Es gibt keinen anderen Weg. Ich habe keine Wahl als zu lügen.“

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