Mittwoch, 24. Dezember 2014

Das Karma und die Liebe

"Es gibt Fälle, da die Ereignisse einander entsprechen; wie will man da behaupten, dass es keine geistigen Kräfte gebe? Es gibt Fälle, da die Ereignisse einander nicht entsprechen; wie will man da behaupten, dass es geistige Kräfte gebe?" 

 (Zhuangzi: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland)

Dies soll, passend zur Weihnachtszeit, ein Beitrag über die Liebe werden ... und warum Karma als Wort für etwas "auf mystische Weise Verbindendes, dessen Ursachen unklar bleiben", seine Berechtigung im Leben von Menschen haben mag - bis wir eine gute Erklärung oder ein besseres Wort dafür finden. 
   Landläufigen Vorstellungen zum Gruppenkarma, zu verdientem Unglück durch Naturkatastrophen etc. hat Bhante Dhammika schon in seinem Blog (auf Englisch) die widerlegenden Stellen aus dem Palikanon entgegengehalten. Ich selbst möchte mich Spekulationen über frühere Leben enthalten, da sie religionsphilosophisch für mich keinen Sinn machen. Über das im buddhistischen Dogma aufgrund der Ursache-Wirkung-Logik überbetonte Denken als Karma, also Folgen fürs eigene Schicksal im Sinne einer moralischen Wertung schaffend, habe ich mich hier oft kritisch ausgelassen: Zu viele unserer Gedanken bleiben tatsächlich folgenlos, während unsere Taten drastische Folgen zeitigen können, selbst wenn wir gar keine diesbezüglichen Absichten hegten. Dennoch gibt es einen Grund für mich, meine eigentlich als transzendent (also - noch - jenseits des Erklärbaren) empfundene spirituelle Erfahrung ("Einsicht in die Natur des Seins") im späten Jugendalter später in anderem, wenig plausiblem, "mystischem" Geschehen gespiegelt zu sehen. Ich ziehe als Beispiel ein Liebesereignis heran, das ich einst im Blog des Unbuddhisten andeutete. Er wies mich kürzlich darauf hin, dass ich dort "vollmundig" Beispiele für Transzendenz (ich denke, das meinte er) angekündigt hatte, und ich erinnere mich, dass ich dies mit einer eher akademischen Sicht aufs Karma garnieren wollte, die mir von hier aus nun schwerfällt, da ich das Material nicht bei mir habe. Es ist andererseits auch nicht wichtig, da man diese Vorkommnisse nennen kann, wie man will, und sie nicht nötig sind, um sich mit Teilen der buddhistischen Lehre anzufreunden oder auch Praxiselemente wie die Meditation zu üben. Sie können jedoch den Blick aufs Leben verändern. Wie sie ihn verändern, das ist eine Frage der Interpretation und Einordnung des Geschehens.
    Vor vielen Jahren ließ ich zu, dass mich Gefühle für eine Frau überkamen, die mir von Anfang an so bewusst waren wie die Unwahrscheinlichkeit einer gelebten Zweisamkeit mit dieser Frau. Es handelte sich im Grunde um eine klassische "amour fou". Mehrere Jahre lang hatten wir sporadisch Sex, ich dachte jeden Tag an sie, schrieb ihr desöfteren zur Erinnerung SMS oder rief kurz an. Dass sie mir falsche Hoffnungen machte, kann ich nicht behaupten. Ich liebte sie, und im Gegensatz zu unerfüllten Liebesgeschichten aus meiner Vergangenheit, in denen es keinen Sex gab, genoss ich die Tatsache, dass er in diesem Fall möglich war. Eines Tages, als sie andeutete, dass es so nicht mehr weiterging, sagte ich ihr unter Tränen, dass ich sie nicht mehr treffen würde. Die sexuelle Beziehung ließ sich nicht in eine echte Partnerschaft wandeln und genügte mir nicht mehr. Ich zog einen Schlussstrich. Bis hierhin ist die Geschichte, die ich natürlich etwas vereinfacht habe, leicht nachzuvollziehen. Was war über die Jahre Seltsames geschehen?
    Zunächst ist mir bekannt, was Statistiker und Experten auf diesem Gebiet zur Wahrscheinlichkeit menschlicher Begegnungen und dem Eintreten absurdester Konstellationen sagen: Irgendwo und irgendwann und irgendwem MUSS dies und das geschehen, selbst wenn es an sich unwahrscheinlich ist. Der Mathematiker David Hand hat dazu kürzlich ein aufschlussreiches Buch publiziert: The Improbability Principle ("Das Unwahrscheinlichkeits-Prinzip"). In meinem Fall allerdings häuften sich unsere "zufälligen" Begegnungen so, dass selbst dieses Prinzip keine sinnvolle Erklärung mehr darstellt. Es gab einen Zusammenhang der Tiefe und Intensität meiner Gefühle für und Gedanken an diese Frau und der Tatsache, dass sich ungeplant unsere Wege kreuzten. Dies hatte zur Folge, dass ich zunächst bei ihr gewisse Ängste bemerkte, ich könnte sie vielleicht verfolgen (auch wenn sie dies nicht aussprach), wobei ich nach einiger Zeit selbst diesen Gedanken hatte, nämlich dass sie es vielleicht auf diese Treffen angelegt hatte. Doch das machte ebenfalls keinen Sinn, da ich oft Orte aufsuchte, ohne jemandem davon zu erzählen.
    So geschah es also nicht nur, dass sie, als ich sie einmal vermisste, plötzlich an einer Ampel neben mir hielt; dass sie aus demselben Zug stieg, mit dem ich vom Mannheimer Filmfest nach Frankfurt fuhr, wo ich stets an sie gedacht hatte; dass sie mir im Auslandsurlaub in einem Kaufhaus übern Weg lief; oder bei einem Straßenfest vor einem Museum stand, als ich das dortige Klo aufsuchte (zuvor hatte ich sie wochenlang vermisst und vergeblich versucht zu erreichen). Die bezeichnendsten Erlebnisse geschahen einmal nach einem aufwühlenden Gespräch, das im Grunde eine Trennung bedeutet hätte. Schlaflos geblieben, lief ich am folgenden Tag zu einer Postfiliale, die ich sonst nie aufsuchte, nur um mich zu bewegen und nicht zuhause zu sein. Prompt traf ich sie an einer Haltestelle an, in einem Viertel, wo ich eigentlich nichts verloren hatte.
   An einem anderen Tag sah ich mir Nalin Pans Film "Valley of Flowers" an. Darin geht es um eine quasi unsterbliche Liebesgeschichte, die dazu führt, dass sich die Liebenden über etliche Reinkarnationen stets neu begegnen. In einer anderen Verfassung hätte ich den Kitsch darin entdeckt, nun aber rannen mir fast den ganzen Film über die Tränen übers Gesicht. Innerlich aufgewühlt ging ich danach zur Bahnhaltestelle, und siehe da, eine Tante meiner Geliebten sah mich und versuchte diese am Telefon, für mich hörbar, zu überzeugen, mit mir zu reden. Wieder geschah dies unmittelbar nach einem an Intensität von Liebesgefühlen und -gedanken nicht zu übertreffendem Ereignis. Ich könnte noch mehr Beispiele ähnlicher Art nennen.
   Nun wird man von Wissenschaftlern wie David Hand, Psychologen und den eigenen Freunden hören, dass man eine Person, an die man dauernd denkt, natürlich auch eher registriert und weniger leicht in der Öffentlichkeit übersieht. Ich habe mich damit abgefunden, dass diese Menschen nur von relativ isolierbaren Geschehnissen ausgehen, jedoch nie eine solche Häufung am eigenen Leib erfahren haben. Den meisten Verliebten genügen schon wenige "Zufälle", um an "Schicksal" zu glauben.
   Als es zur eigentlichen Trennung kam, habe ich nun praktiziert, was ich als Zenbuddhist gelernt habe und was schlicht "Karma abschneiden" heißt. Meine buddhistische Deutung des Geschehens sah so aus, dass mich mit der Frau ein starker Faden verband. Das Durchtrennen dieses Fadens, das Abschneiden dieses Karmas, musste folglich diese Art der Begegnungen gegen Null herunterschrauben, wenn ich damit sozusagen den Gegenbeweis antreten wollte, dass diese Treffen nicht zufällig, sondern steuerbar seien. Dazu musste ich das üben, was wir Loslassen nennen, also die emotional-gedankliche Bindung an diese Frau, auf die ich mich bewusst und mit allen Freuden und Leiden eingelassen hatte, aufgeben.
    Ich will nicht behaupten, dass dies leicht war. Doch ich habe im Bekanntenkreis einen guten Vergleich, wie so etwas laufen kann, wenn man nicht über diese Fähigkeit zum Loslassen verfügt. Einer meiner Kumpel hatte sich in einer nicht unähnlichen Konstellation zum Stalker entwickelt. Unterdessen bemerkte das die Frau, er wiederum wusste, dass ihr das nicht gefiel, sah aber keine bessere Alternative für sich. Dieses klammernde Verhalten habe ich mehr als einmal in meinem Bekanntenkreis beobachtet, und es hat für mich nichts Anziehendes.
    Was aber soll nun meine Geschichte besagen? In Bezug auf das Eingangszitat des Taoisten Zhuangzi will ich zeigen, dass diese von mir als transzendente Erfahrung bezeichnete Liebesgeschichte zwei Seiten hat. Transzendenz im Sinne einer letztlich nicht weiter erklärbaren geistigen (weil durch Gedanken/Gefühle intensivierten und zu physischer Anziehung an diversen Orten führenden) Verbindung zweier Menschen hat nicht nur etwas Faszinierend-Beglückendes, sie enthält auch ein großes Leidenspotential. Transzendenz - und so sehe ich auch eine transzendente spirituelle Erfahrung als den Lebensweg und die Sicht aufs Leben entscheidend verändernd - kann deshalb nicht, wie auch in der buddhistischen Szene üblich, für das Glück eines Menschen stehen oder für andere "positiv" besetzte Kategorien. Was Transzendenz für mich heißt, ist die Existenz von Kräften, die ich mir zunutze machen, die ich anzapfen kann, die mir aber von sich aus wertfrei entgegentreten, die mir nichts versprechen, denen ich quasi egal bin, aber die mir nicht egal sein müssen, der ich das Auge habe, sie zu erkennen. Will ich mich ihnen entziehen, dann kann ich dies mithilfe der Techniken, die im Zen dazu führen, dass eine Gedankenkette (wie sie sich bei anhaftender Liebe ja regelmäßig aufbaut) abgebrochen wird. Der Abbruch der Gedanken führt zur Wirkungslosigkeit jener Kräfte. Je besser die diesbezüglichen Gedanken einfach vorüberziehen können, ohne dass man damit die üblichen Zweifel, Hoffnungen, Ängste verknüpft, desto geringer werden selbst die fulminantesten Kräfte des Schicksals, Zufalls oder Karmas, das Menschen aneinander bindet.
   David Hand hat keine Erklärung für die Häufung solcher Begegnungen, für die magnetische Anziehungskraft zweier Menschen, die sich nicht verabreden oder sogar bewusst aus dem Weg gehen wollen. Ich kenne niemand, der eine plausible Erklärung dafür hätte. Ich habe freilich erfahren, dass  Zen mir Rüstzeug mit auf den Weg gab, um mich a) auf das Erlebnis einzulassen (statt es zu meiden), b) damit fertig zu werden (statt daran zu zerbrechen oder etwa zum Stalker zu werden). Nicht zuletzt ist es darum für mich nach wie vor wichtig, offen für das zu sein, was im Buddhismus gegenseitige Bedingtheit heißt, was im Bild von "Indras Netz" und der mystischen Verbindung all unserer Leben verdeutlicht wird, und was in Gedanken sich so formen kann, dass es sichtbar äußere Wirkungen zeigt, ohne dass diese genau das bringen, was man sich wünscht, aber auch ohne dass sie Glück (Belohnung) oder Unglück (Bestrafung) nach sich zögen. Karma, so wie ich es hier erlebt habe, ist also, wenn man recht damit umzugehen weiß, wertneutral. Beim Karma und bei der gegenseitigen Bedingtheit handelt es sich nicht nur um einen - zumindest in wesentlichen Teilaspekten - vom Individuum aufhebbaren Einfluss, sondern um etwas von an sich leerer Substanz, das mit einer bestimmten Art zu denken steht und fällt. Es ist nicht entscheidend, dass man aufgrund eines bestimmten Gedankens Freud oder Leid erfährt. Sondern: Es handelt sich um eine Art schöpferisches Potential, eine zusätzliche Quelle, die man anzapfen mag, wenn man meint, sein Leben dadurch bereichern zu können. Dies geht in beide Richtungen - im Zulassen einer Verstricktheit wie in deren Auflösung.


Cosplayerin in Bangkok 2014

1 Kommentar:

  1. Hallo feinfühliger Zen-Rüpel!

    Ein schöner, tiefsinniger Aufsatz, ohne dabei wüsten “esoterischen” Spekulationen Vorschub zu geben!
    Ich habe im Laufe meines Lebens selber eine Reihe ähnlicher, in Zeiten intensiver Satipatthana-Vipassana Meditation teilweise extreme Erfahrungen gehabt. Trotz aller intensiven Bemühungen und (selbst)-kritischer Reflektionen, dafür eine rationale Erklärung zu finden oder diese als “Spinnereien” abzutun, habe ich diese Erfahrungen letztlich als etwas bisher Unerklärliches akzeptiert. Um jedoch nicht esoterischer Spinnerei oder einem undifferenzierten schwärmerischen Mystizismus zu verfallen, habe ich mich nach etlichen Verirrungen dafür entschieden, diese Erfahrungsmöglichkeiten als grundsätzliche Fähigkeit unseres menschlichen Bewusstseins zu sehen, die auf uns bisher unbekannter “Sinnesfunktionen” und dem dazugehörigen Medium (wie vergleichsweise Schall oder Elektromagnetismus etc.) mit den ihm eigenen Gesetzen und sich daraus ergebenden Kommunikationsmöglichkeiten beruhen. Ob dies ein Relikt aus unserer evolutionären Vergangenheit oder etwas zukünftig sich weiter entwickelndes ist, sei dahingestellt!
    Bei der inhaltlichen Interpretation solcher Erfahrungen habe ich mir angewöhnt, dabei immer wieder die elementaren Unzulänglichkeiten unseres Bewusstseins zu berücksichtigen, was mir einen gewissen Schutz vor allzu großen Verirrungen gibt.

    Vorraussetzung bei allen solchen Erfahrungen war, dass mein Bewusstsein offener, weiter, freier (oder leerer) und trotzdem auf eine feine Art zentriert gewesen ist, als dies im üblichen Alltagstrott gegeben ist!
    Vor meiner Begegnung mit systematischer Meditation hatte ich in einer sehr intensiven Liebe zu einer Frau, in die ich meine ganze “Seele” fließen lies und die noch nicht zu sehr von Leidenschaft überschattet wurde, erlebt, dass diese offene Weite, weg vom Ego hin zum Wir, eigentlich von selber eintritt, in unserem Bewusstsein also grundsätzlich als Möglichkeit angelegt ist! In der Meditation (als Persönlichkeitsentwicklung oder Selbsterziehung) kann man diese Bewusstseinsmöglichkeit natürlich viel weiter entwickeln!
    Dazu in einem leicht veränderten Sinn Deine Schlusssätze:
    „Es handelt sich um eine Art schöpferisches Potential, eine zusätzliche Quelle, die man anzapfen (kann) … Dies geht in beide Richtungen - im Zulassen einer Verstricktheit wie in deren Auflösung“.

    Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, glaube ich, dass diese naturgegebene Bewusstseinsmöglichkeit überhaupt die Grundlage einer menschlichen Kultur ist!
    Wenn wir von der sich immer mehr als zerstörerisch offenbarenden Kultur des Ökonomismus wegkommen wollen, wäre vielleicht zu überlegen, wie man die Kulturtechnik der Meditation ohne religiös dogmatischen Background zu einer erneuerten Kultur der Liebe (ohne Eia - Popeia) einsetzen können?! Ich bin da etwas ratlos. Die Zeiten der Vorreiter sind mit Sicherheit vorbei!

    Noch etwas zu meiner Einstellung zum Zen:
    Obwohl ich Selbstdisziplin, sanft eingesetzt, sehr hoch schätze, hat mich Zen wegen der Praxis und Struktur, wie ich sie erlebt habe, oft sehr an militärischen Drill und Hierarchie und damit an Fremdbestimmtheit erinnert und mich deshalb nie praktisch intensiver angezogen! Andererseits bin ich vor vielen Jahren zwei damals schon sehr alten japanischen Zenmeistern begegnet, die sich obwohl in diesen Zenstrukturen bewegend, doch aus innerer geistiger Weite, Freiheit und Liebe darüber standen.

    Herzliche unbuddhistische Grüße
    kulkue

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