Mittwoch, 10. Dezember 2014

Best of Chih-i: Anhalten und Sehen

Der Tien-tai-Mönch Chih-i (538-597) beeinflusste mit seinem erstaunlich komplexen Hauptwerk Mo ho chi kuan ("Anhalten und Sehen") auch das Zen und den Reines-Land-Buddhismus. Er beschäftigt sich darin vor allem mit der auch im frühen Zen propagierten Methode des "Anhaltens von Gedanken". Ich empfehle das Werk ausdrücklich philosophisch Interessierten. Hier einige von Chi-is interessantesten Einsichten und eine Beschreibung seiner Meditationsmethode.

"Die Ursache hat kein Zeichen von Verbindung, Ursache und Wirkung sind leer. Wie könnten die Leere der Ursache und die Leere der Wirkung eine Verbindung eingehen? Dies gilt auch für Begierde, Wut und Täuschung. Der Weg kennt keine Zweiheit, es gibt kein Heilmittel und nichts zu heilen. Da es in der Leere niemanden gibt, wie könnten da zwei sein. Da die Dinge ursprünglich nicht so sind, sterben sie auch nicht aus. Nicht so, kein Verlöschen - dies sind die vier geburtslosen Wahrheiten."

"Da das Leiden selbst leer ist, sollte man nicht wie ein dummer Affe nach dem Mond im Wasser greifen. Da der Weg selbst leer ist, sollte man nicht sagen: 'Ich praktiziere Leere' oder 'Ich praktiziere nicht Leere'. Es ist wie mit der Metapher vom Floß - selbst die Lehre sollte zurückgelassen werden, erst recht das, was der Lehre widerspricht. Da Verlöschen selbst leer ist, sollte man nicht von fühlenden Wesen und Leben reden - wer verlischt denn hier und erfährt Verlöschen? Da der Zyklus von Geburt und Tod leer ist, wie kann er da abgeworfen werden? Da Nirwana leer ist, wie kann es da erlangt werden?"

"Beobachte einfach das gegenwärtige Entstehen des Geistes in Beziehung zu den Sinnesorganen und ihren Eindrücken. Das Entstehen des Geistes ist bedingt, und seine Begriffsbildung ist die Grundlage von Täuschung und Verständnis."

"Die 'Schrift über den verborgenen Schatz des Erleuchteten' sagt: 'Wenn der eigene Vater ein Erwachter ist und jemand ihn tötet, oder wenn jemand stiehlt, was den Drei Schätzen angehört, oder wenn die eigene Mutter eine Heilige ist und man sie beschmutzt, oder wenn man den Buddha verleumdet oder die Gemeinschaft der Weisen durch Doppelzüngigkeit oder üble Nachrede verunglimpft oder spaltet, oder wenn man die behindert, die nach Wahrheit suchen, oder aus Feindseligkeit abscheuliche Verbrechen begeht, aus Gier das Eigentum anständiger Menschen usurpiert, oder extreme Ansichten hegt - dann sind das die zehn übelsten Handlungen. Wenn aber jemand versteht, dass bedingte Phänomene, wie es der Buddha erklärte, kein Selbst, keine Person, keine Seele, kein Leben, keine Geburt, keine Zerstörung, keine Beschmutzung, keine Loslösung kennen und ursprünglich rein sind, und wenn jemand ins Verständnis der wesentlichen Reinheit aller Phänomene eindringt, dann kann ich nicht sagen, ein solcher Mensch würde in die Hölle fahren oder in unglücklichen Umständen enden. Warum? Die Phänomene kennen keine Ansammlung, auch keine Ansammlung von Leiden; nichts wird geboren, nichts bleibt. Weil sich Bedingungen vereinen, entstehen die Phänomene, dann vergehen sie. Wenn der Geist nach seinem Entstehen vergeht, dann auch alle Fesseln und Zwänge. So versteht man: Da kann kein Übertreten sein, nichts bleibt. Es ist wie mit einer Lampe, die man in einem dunklen Raum anzündet: Die Dunkelheit kann keine Ansprüche über den Raum anmelden und sich nicht weigern zu verschwinden, nur weil sie so lange dort herrschte. So bald die Lampe angezündet wird, verschwindet die Dunkelheit."

"Andauernd Versenkung zu praktizieren heißt Sehen. Das Verschwinden anderer Gedanken heißt Anhalten."

"Im Kleinen Fahrzeug wird der Weg, Ansichten zu überwinden, 'Abschneiden' genannt, doch erst das Überwinden jeglicher Gedanken heißt: Unterwerfen."

"Es bedeutet, nicht den Weg zu praktizieren, doch auch nicht nicht den Weg zu praktizieren. Dies nennt man das rechte Verweilen im Reich der Leiden. (...) Die fünf Vergehen sind nichts anderes als Erleuchtung, die fünf Vergehen und Erleuchtung sind nicht-dualistisch."

"Menschen, die das Anhalten und Sehen nicht kultivieren können, empfiehlt der Buddha Tugenden als den Weg."

"Anhalten und Sehen des Geistes, aufrecht sitzen, auf rechte Weise achtsam sein - so klärt man ein falsches Bewusstsein und täuschende Gedanken. Denkt nicht beliebig, greift nicht nach den Erscheinungen, konzentriert euch auf das Reich der Wirklichkeit. Ein konzentrierter Gedanke an dieses Reich der Wirklichkeit bedeutet Anhalten, und der eine Gedanke ist Sehen. Wenn ihr glaubt, dass alle Phänomene die Lehre Buddhas sind, dann gibt es kein Vorher oder Nachher, dann sind da keine Grenzen mehr. Es gibt keinen Wissenden, keinen Sprechenden. Wenn kein Wissen und Sprechen da ist, dann ist dies weder existent noch nicht-existent. Man ist weder Wissender noch Unwissender, abseits dieser Extreme verweilt man dort, wo es nichts zu verweilen gibt, so wie die Buddhas im stillen Reich der Wirklichkeit weilen. Habt keine Angst vor dieser tiefgründigen Lehre. Dieses Reich der Wirklichkeit wird auch Erleuchtung genannt, oder das unfassbare Reich. Man nennt es auch Weisheit, oder nicht geboren zu sein und nicht dahinzuscheiden. Alle Phänomene sind nichts anderes als das Reich der Wirklichkeit. Wenn jemand Buddha sieht, dann hält er Buddha nicht für Buddha. Da ist kein Buddha, der Buddha wäre, und es gibt kein Buddha-Wissen, um Buddha zu erkennen."

***

Yung-chia Hsüan-Chio (665-713) war ein in den Schriften bewanderter Zen-Meister, der von Chih-is Lehre vom "Anhalten und Sehen" beeinflusst wurde. Er beschrieb Wege oder Stufen der Versenkung, von denen die letzte so lautet: "Beim zehnten Weg wird die mystische Quelle identifiziert. Diejenigen, deren Geist erweckt wurde, werden nicht von der Versenkung in die Falle gelockt, ihnen entgeht also nicht die wahre Bedeutung von Worten. Wer in der Doktrin des Buddhismus geschult ist, dem sind Worte kein Hindernis bei der Erkenntnis der Wirklichkeit. Wenn nämlich die Wirklichkeit erkannt ist, ist der Widerstand der Worte gebrochen - was gäbe es da also noch zu diskutieren? Wenn Bedeutung offenbar wird, ist das Treiben des Geistes beendet - was könnte Versenkung denn noch erreichen? Worüber wir nicht nachsinnen können, was wir nicht mit Worten ausdrücken können, das ist in der Tat die Essenz des Tao."

Literaturempfehlung:
Thomas Cleary: Stopping and Seeing. A Comprehensive Course in Buddhist Meditation. (Boston 1997)

[Foto: Keller/Central World Bangkok]

Kommentare:

  1. Namaste!

    Dazu hier die "Maka Shikan: Endon Shô" von Rev. Bruno Petzold:
    >> Maka Shikan: Endon Shô
    Die Übung der Vollkommenen und Plötzlichen Meditation bedeutet, vom ersten Augenblick an über die Letztliche Wahrheit zu meditieren.
    Jedes Objekt, über das man meditiert, ist der Mittelweg selbst, und es gibt nichts anderes als die Wahrheit. Beruhige deinen subjektiven Zustand, bis er mit dem absoluten Universum harmoniert ist! Identifiziere deine subjektive Weisheit mit dem absoluten Universum!
    Dann wird jede Farbe und jeder Duft nichts anderes als der Mittelweg sein. Das Ich, die Buddhas und alle Lebewesen sind auch dasselbe. Die Fünf Ansammlungen (Skandhas) und die Zwölf Grundlagen der Wahrnehmung (Âyatanas) sind alle Soheit.
    Folglich gibt es kein Leiden zu beseitigen! Unwissenheit und Leidenschaft sind die Erleuchtung selbst. Folglich ist es nicht nötig, den Ursprung des Leidens abzuschneiden.
    Die extremen Ideen oder die falschen Ideen sind die mittlere oder richtige Meditation; es gibt keinen Weg zu praktizieren. Geburt und Tod sind Nirvana.
    Demnach gibt es keine Vernichtung der Leidenschaften, um Erleuchtung zu erlangen. Es gibt kein Leiden und keine Leidenschaft; daher ist nichts weltlich. Es gibt keinen Weg und keine Vernichtung der Leidenschaften; daher ist nichts überweltlich. Es gibt nur die Eine Wahre Realität, es gibt nichts außer der Letztlichen Wahrheit.
    Die absolute Ruhe der Dharma-Natur wird „Fixiertheit des Geistes“ (Shamatha) genannt, die ruhige und ewige Weisheit wird „Schau“ (Vipassana) genannt.
    Wir mögen von Anfang und Ende sprechen; aber in Wahrheit gibt es keinen Unterschied.
    Das wird die Vollkommene und Plötzliche Fixiertheit und Schau genannt.
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    < gasshô >

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